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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 17

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
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17 der Ahnung auch schon beim Leben auf Flügeln des Glaubens ihn emporgetragen hat. Fünf Tage lang hatte er noch die Freude, sein einziges Kind, Dr. med. Heinrich Rosin, der de» Schauplatz seiner vielverheißeuden Thätigkeit, die Klinik Prof. Senator's in Berlin, für diese Zeit verlassen hatte, um den Vater wieder zu sehen, dessen Glück seine heißgeliebte Gattin vor Jahren schon in ihr allzufrühes Grab mitgenommen hatte, um sich;u haben. Neu gestärkt glaubte er, der Arbeit sich zuwenden zu können, die aller Orten auf den reichen Aeckern, die sein Fleiß angebaut hatte, zur Ernte lud, als die Hand ihm entsank, die so viel Saaten des Guten und des Bleibenden ausgestreut hat und noch zu so viel segensreichen Werken die Kraft in sich verspürte. Ja, der kalte, eisige Arm des Todes war bereits nach ihm ausgestreckt, als er noch ein letztes Unterpfand seiner Liebe, einen Brief voll guter Werke, zu denen er die Anregung bot, aussandte. Die Schreckensbotschaft seines vorzeitigen Heimganges war in das Haus des Freundes und Schülers, dem sein letzter Gruß gegolten, verwüstend und erschütternd eingebrochen, als das Liebeszeichen seiner Hand, wie ein letzter Segen der Unheilsknnde nachfolgte. Als hätte er sterbend noch für die Wahrheit zeugen wollen, daß stärker als der Tod die Liebe bleibt, daß das Große und Edle, das ein Mensch stiftet, nicht mit ihm zur Grube fährt, und daß es ein Unsterbliches im Menschen giebt, den göttlichen Geist, unser Theil von oben, das der Unterwelt ihren Stachel entwindet und über Untergang und Vernichtung zur Höhe des ewigen Lichtes sich aufschwingt. Briefe aus Kußland. i. ^^x>s war im Jahre 1892. Dichte, schwarze Wolken hatten sich JO») über dem Himmel der russischen Judenheit gelagert, schwere Schicksalsschläge hatten wir in unserm Vaterlande erlitten und noch schwerere standen uns bevor: Nahezu hunderttausend Familien hatten auf längere oder kürzere Frist lautende Answeisungsordres erhalten; die aus den inneren Gouvernements wurden nach dem Ansiedelungsrayon abgeschobe», und in diesem selbst wurden die Dörfler in die mit Juden bereits mehr als gefüllten Städte verwiesen. Die in den meisten Fällen nur sehr kurz bemessene Frist jür „die Säuberung des heiligen Landes" gestattete den Betroffenen nicht, ihre Geschäfte in Ordnung abzuwickeln, und auf diese Weise gingen zu Niemandes Nutz und Frommen sehr bedeutende Kapitalien verloren. Nur wenigen der nach ihrer Vaterstadt Zurückversetzten gelang es, einen kleinen Theil ihres durch Jahrzehnte lange, schwere Arbeit erivorbenen Vermögens zu retten, die Meisten konnten von sich sagen: Leer bin ich von hier ausgegangen, und leer kehre ich wieder zurück. Es war vorauszusehen, daß diese Ueberschwemmung eines ökonomisch ohnehin tief darniederliegenden Landes mit unbemittelten Elementen die traurigsten Folgen zeitigen müsse, und diese blieben nicht aus. Nur die Stadt Warschau, wohin die aus Moskau ausgewiesenen reichen Fabrikbesitzer ihre Etablissements verlegten, und Libau, wo die Getreide- und Holzhändler sich niederließen, nahmen einen geringern wirthschaftlichen Aufschwung; über den ganzen übrigen Ansiedelungsrayon brach dagegen eine schwere Kalamität herein. Natürlich wurden von dieser wieder die Juden am meisten oder fast ausschließlich betroffen; denn einmal besteht in vielen Gouvernements des Nnsiedelungsrayons die städtische Bevölkerung fast ausschließlich aus Juden, sodann waren auch diejenigen, welche sich in den größeren Städten mit gemischter Bevölkerung niederließen, der Natur der Verhältnisse nach gezwungen, zunächst und vor Allem ihren Brüdern Konkurrenz zu machen und ihnen den Bissen Brod aus dem Munde zu reißen. Die bereits ohnehin schwer im Kampfe ums Dasein ringende jüdische Bevölkerung Lithauens und Polens wurde durch diese übermäßige Konkurrenz auf jedem Gebiet vollständig ruinirt, und Hunderte und aberhunderte von Existenzen brachen mit jedem Tage zusammen. Dazu kam noch, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika, seit jeher das Ziel der russisch-jüdischen Flüchtlinge, den mittellosen Einwanderern ihre Thore zu verschließen begannen. Der Türkei wurde ebenfalls vor der Ueberschwemmung mit mittellosen Emigranten bange, und sie begann, der Einwanderung nach Palästina, wo Viele gehofft hatten, Zuflucht und endlich Ruhe zu finden, Hinderniffe in den Weg zu legen, während von unseren Brüdern in Mittel- und Westeuropa immer wieder der Warnungsruf ertönte: Nur nicht zu uns, sonst geht es euch und uns schlämm! Die Lage war verzweifelt; soweit das Auge spähen mochte, nirgends ein Ausgang, nirgends Rettung. Da verbreitete sich plötzlich die Nachricht, der berühmte Philanthrop Baron Hirsch habe den hochherzigen Entschluß gefaßt, sein ganzes immenses Vermögen an die Errettung seiner unglücklichen Stammesbrüder in Rußland zu wenden. Innerhalb fünfundzwanzig Jahre, so hieß es, wird die von Baron Hirsch gegründete Jewish Colonisation Association drei Millionen russischer Juden in Argentinien angesiedelt haben; schon im ersten Jahr nach Erlangung der Erlaubniß seitens der russischen Regierung sollen sünfundzwanzigtausend Juden nach dem gelobten Silberlande befördert werden. Ein neuer Hoffnungsstrahl fiel in die Herzen der Verzweifelnden, und sie priesen den neuen Moses als den gottgesandten Erretter aus der modernen ägyptischen Knechtschaft. So abenteuerlich der Baron Hirsch'sche Kolonisationsplan jedem Einsichtigen schon auf den ersten Blick erscheinen mußte, so fanden sich doch nur Wenige, welche Ztveifel an der Durchführbarkeit derselben zu äußern wagten. Daß sich die russischen Juden in ihrer großen Mehrheit für diesen Plan begeisterten, obgleich doch gerade sie allen Grund gehabt hätten, vorsichtig zu prüfen und zu erwägen, darf uns nicht weiter Wunder nehmen: Wer dem Ertrinken nahe ist, klammert sich auch an einen Strohhalm. Allein daß auch die jüdische Fachpresse im Ausland, und sogar einige große politische Tageszeitungen, die doch in Kolonialangelegenheiten mehr Bescheid wissen sollten, es für möglich halten konnten, in weniger als einem ' halben Menschenalter nicht nur ein Handel und Gewerbe treibendes Volk in ein Ackerbau treibendes umzuwandeln, sondern es auch noch in einen fremden Welttheil mit anderm Klima, anderer Kultur und andern Lebensbedingungen zu verpflanzen, — u ns erscheint dies unerklärlich. Nun sind bereits mehr als drei Jahre verflossen, seit die Jewish Colonisation Association ihre Thätigkeit begonnen, und sie ist bisher i nicht einmal in der Lage gewesen, ihr für das erste Jahr ihrer I Thätigkeit gegebenes Versprechen einzulösen. Es sind nicht j 25,000 Seelen nach Argentinien befördert worden, sondern nach den j allerrosigsten Berichten kaum 5000. Und das soll eine Rettungsj aktion für die russische Judenheit sein!? Dazu kommt noch, daß! die wenigen Tausende der „Auserwählten" durchaus nicht zu deni jenigen Kreisen der russischen Judenheit gehörte», denen in erster! Linie Hilfe Noth that. Man wird mir einwenden, daß die Komitees! der Gesellschaft zu Anfang allerdings bestrebt gewesen seien, vorzugs- : weise solche Personen zu berücksichtigen, welche durch Ausweisung rc. ■ ihre Existenz verloren hatten, und erst durch die vielbesprochenen! traurigen Erfahrungen sei man dahin gedrängt worden, unter I den zu befördernden Kolonisten eine Auswahl zu veranstalten.

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