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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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16 spendender Ackerkrume, was Anderen als steiniger und unfruchtbarer Grnnd entgegen starrte. Er hatte in der Talmudschule seiner Jugend gelernt, was es heißt, sich über das Verständnis einer Materie keiner Täuschung hingeben, wie er es von den Meistern und Begründern der deutschen Philologie gesehen hatte, wie inan es anfängt, einmal Erkanntes nachzuerkennen, früher Gedachtem neu belebend nachzudenken, Stimmen der Bergangenheit abzuhören, das Siegel der Worte zu lösen und auf der Spur der Sprache den Geistern zu folgen, die aus ihr zn uns reden. Man muß es selber erfahren haben, wie die feinsten Gedanken, die Geheimnisse und Perlen der Anslegeknnst eines Samuel b. 5)1 eir unter seiner Meisterbehandlung anfzuleuchten begannen, wie Abraham Jbn Esra die Hüllen von den verstecktesten Anspielungen vor seinem wahrheitsnchenden Spürsinne wegzog und das Räthselwort gleichsam ihm ins Ohr raimte, von so tiefbohrendem Eindringen bezwungen, wie Mose b. Nachmans ehrfurchtgebietender Tiefsinn unter dem Zauber seines Wortes das Herz des Hörers gefangen »ahm und die Hoheit dieses innigsten und quellendsten aller Ausleger der heiligen Schrift Leben und Gestalt annahm und hinter seinem Worte hervvrtrat, — um den Verlust zu ermessen, den unsere Philologie und Exegese i» feinem vorzeitigen Heimgange erlitten habe». Es war aber auch ein Verein selteiier Gaben, der diese Leistung zeitigte. Mit der wissenschaftlichen Schulung rmd Sachkenntniß verband sich ein künstlerisches Nachempsiiiden, das dem freinden Gedanken bis in seine feinsten Wendlingen nachzngehen verstand; der Klarheit und Helle des Geistes imb der Urtheilskraft stand eine Wärme und unberührte reine Einfalt und Kindlichkeit im Gefühle zur Seite, die ihn zum Nachdichter und Uebersetzer von Hause ans befähigte und vorherbestimmte, für den die Schwierigkeiten Abraham Jbn Esras nur zu bestehen schienen, um uubemerkt sie zu überwinden und ohne Vergewaltigung der von ihm unvergleichlich anmuthsvoll gehandhabteu Muttersprache nachzuahmeu. Was er für diesen HeroS unseres mittelalterlichen Schriftthinns gethan hat, genügt allein, um das Andenken eines Forschers in der Wissenschaft zu sichern. War er ihm doch mit allen Kräften seines Geistes wie seines Herzens »achgegaugeu, hatte er doch seine Quellen ausgesucht, uni sich zu erfüllen mit de» Darstellungen und Auschalumgeu, aus denen heraus er gedacht und gedichtet hat. Ach, daß es ein Torso hat bleiben sollen, was im Geiste des Urhebers ein vollendetes Kunstiverk zu iverden bestimmt war. Denn erst in der Gluth und Innigkeit von Jbn Esras religiöser Poesie hätte die volle Kongenialität und Liebe seines Uebersetzers sich uns offenbart, von der bis jetzt nur einen Theil kennen zu lernen »ns beschieden war. Unersetzlich aber bleibt vollends der Verlust, den die Wissenschaft dadurch zn beklagen hat, daß die Gesammtdarstellung von Jbn Esras Weltanschauung, einem der bedeutsamsten Probleme der mittelalterlichen Geistesgeschichte, die Ros in allein uns hätte hinterlassen können, nicht zur Vollendung kommen durfte. Auf Grund der bis in die letzten Fragen der Texteskritik vollendeten Beherrschung des gesammten von diesem Denker und Bibelerklärer herrührenden Schriftthinns hätte er allein uns die zerrissene Einheit, die wir nicht nachschaffen können, das geistige Band der auseinandergefallenen Glieder an der Hand feiner reichen, dem Denker in seine Ursprünge und Aiitriebe nachgehenden Studien herzustellen vermocht. Aber ivas bedeuten die Verluste, die durch das Erlöschen seines Lichtes unsere mittelalterliche Litteratur und ihre Heroen erlitte» haben, gegen das, was unser altes heiliges Schriftthnm und die hebräische Grammatik in diesem ihren liebreichen Pfleger verloren hat. Rur einen Hauch seines Geistes haben die exegetischen Beiträge, die er zur Zunz-Jubelschrift geliefert hat, in weitere Kreise getragen. Aber nur Denen, die seiner sprudelnden Rede, in der seine unvergleichliche Sprachkraft sich offenbarte, Zeugen geworden sind, wird das Vollmaß seines Könnens auf dem Gebiete der Auslegung des Gotteswortes znm Bewußtsein gekommen und in Erinnerung geblieben sein. Zahllose Beobachtungen und Entdeckungen, wie sie nur das liebevollste Eindringen belohnen, bereicherten und schmückten seine Vorträge, in denen vom Geiste der von ihm interpretirten Auslegungskünstler ein Theil lebendig geworden war. Wie leuchtete sein Auge, wie strömten die Lippen, wenn er eine versteckte Falte des tiefgründigen Bibelwortes enthüllte und aus tiefster Gläubigkeit und Ueberzeugungsgluth heraus die Offenbarungen des Gesetzes zu seiner Seele Seligkeit zu deuten und zu preisen vermochte! Dann löste der Redner den Schriftgelehrten ab, der Lehrstuhl ward zur Kanzel, der Unterricht Weihe, der Philologe ging im Theologen, der Wortforscher im Schriftdeuter auf! Aber von allein Diesem werden Viele zeugen können, die sein Wort vernommen haben, ganz aber und in seiner wahren stillen Größe werden nur die ihn gekannt haben, denen in sein tapferes Herz und auf den Kristallgruud seines Gemüthes zu schauen vergönnt gewesen ist. Denn er hat auch dem Leben angehört und den Kampf nicht gescheut, wo es seine Ueberzeugung und das Recht der als wahr erkannten Sache galt. Er hat Schicksale getragen und den Widerwärtigkeiten des Lebens zu widerstehen gewußt, wie es nur dem Geiste so sehr den Quellsprung des Gemüthes verrathender Gläubigkeit gelingt, wie sie in seinem großen Herzen lebte. Ohne das Herz auf den Lippen zu tragen, keusch und zurückhaltend im Gefühlsansdruck, aber menschenfreundlich und entgegenkommend gegen Jedermann, kannte der Mann mit dem Kindergemüth nur einen Haß gegen das Gemeine, nur einen Trotz wider alle Falschheit und Doppelzüngigkeit. Nie ist ihm die Wissenschaft über den Charakter gegangen, nie hat Wissen ohne Würde, nie Gelehrsamkeit ohne Sittlichkeit ihm zu imponiren vermocht. In seinen Lebensgewohnheiten bedürfnißlos, in seinem Pflichtgefühl und seinem Tagewerk von der Regelmäßigkeit einer Uhr, hatte er stets Mittel und Zeit genug, der werkthätigen Menschenliebe sich zu weihen, wenn sie ihn rief. Ein Wohlthäter der Armen, hat er auch zahllosen Reiche» wohl gethan, deren Herzen zu öffnen, die er für gute Werke herauzuziehen verstand, da dem Zauber seiner Rede, der Milde und ins Herz dringenden Hoheit seines Wortes nicht leicht ein Mensch sich verschloß. So ist es gekommen, daß der stille Schriftgelehrte ein Synagogengründer geworden ist nnd daß den Besuchern des herrlichen lebenspendenden Eilands in der Nordsee das jüdische Gotteshaus von Norderney, das er aus milden Gaben aufgerichtet hat und noch aus neu einströmenden Mitteln zu erweitern die Genugthuung hatte, noch in fernen Zeiten von dem trefflichen Gelehrten und seltenen Menschen und Bekenner erzählen wird, der mehr als fünfundzwanzig Mal an dieser Küste Stärkung und Lebensverlängerung, ja bleibende Jugend geholt hat! Und so hat er denn auch zuletzt von dort noch Hoffnung für ein neues Wegstück und verjüngte Schaffenskraft heimgebracht. Er hatte seine Vorlesungen über die jüdische Religiousphilosophie, die er nach Freudenthal und Joöl tradirte, abgeschlossen und für den Sommer auf die Lektüre Philo's sich gefreut, in die er seine Hörer einzuführen vorhatte; zu Ostern sollte Abraham Jbn Esra wieder an die Reihe kommen. Das greise Haupt von jungen Plänen voll, ini Blüthenschnee der Hoffnungen und Entwürfe, die seine reine, nur dem Guten und Ewigen zugewandte Seele hegte, ist er am letzten Tage des blirgerlichen Jahres wie ein treuer Arbeiter, der sein Tagewerk voll geleistet und sein Haus in Ehren bestellt hat. ohne Leiden zu jenen Höhen emporgehoben worden, zu denen der Aufschwung seiner begnadeten Seele in sehnenden Augenblicken der Weihe und

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