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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 jüdscher Religion obligatorisch eingeführt haben. So auch die unter | dem 'Rainen „Tschatzke-Schule" bekannte Knaben- und Mädchen-Schule. Seit circa einem Jahre wurde in einer der Knabenklaffen eine aus! orthodox-jüdisch-chasudischer Familie stammende Lehrerin eingesetzt \hx! Galizien macht sich ein Lehrermangel bemerkbar, weshalb oft Lehrerinnen! den Knabenklassen zugetheilt werden müssen), und dieses chassidische Fräulein ist nun partout der Ursprache der heiligen Schrift abhold. I Wiederholt hat sie den Direktor der Schule ersucht, den hebräischen! Unterricht aus dem Lehrplan zu beseitigen. So lange Herr Direktor! Landes an der Spitze der Schule stand, war ihr Ersuchen erfolglos. j Vor einigen Monaten jedoch wurde ein polnisch-christlicher Direktor an die Spitze der Schule berufen. ihn wandte sich die Dame gleichfalls mit ihrer Bitte um Beseitigung des hebräischen Sprachunterrichts, in der Hoffnung, daß er, der Ehrist, ihre Bitte sicherlich erfüllen wird. Sie war jedoch nicht wenig erstaunt und enttäuscht, vom christlichen Direktor folgende unerwartete, wörtliche Antwort zu erhalten: „Ich kann nicht nur nicht Ihrem Vorschläge zustimmen, den hebräischen SprachunteiTid)t zu beseitigen, sondern erachte es für dringend geboten, den Unterrichtsplan in diesem Fache zu erweitern. Ich werde anordnen, das; man in allen Klassen anstatt wie bisher nur 3 Stunden von nun an 4 Stunden dieser Sprache widmen soll!" Worüber soll man nun mehr erstaunt sein, über den Antrag der chassidischen Dame oder über die Antwort des christlichen Direktors! Diese charakteristische Thatsache verdient momentan um so mehr Beachtung, als bekanntlich nunmehr der Landesschulrath den Rabbiner Dr. Caro in Lemberg um Ausarbeitung eines Unterrichtsplanes der hebräischen Sprache und der jüdischen Religion für Volks- und Mittelschulen ersucht hat. Amerika. l'. New-Aort, 5. Dezember. Die Veröffentlichung eines werthvollen und interessanten Beitrags zur Geschichte des Judenthums kündigt Herr Advokat Simon Wolf aus Washington in seinem Vortrag z „Der amerikanische Jude als Staatsmann und Patriot" an. Der Vor-! trag bildete die erste einer Serie von Reden, die unter den Auspizien! der Distrikts-Großloge des Ordens „B'nai B'rith" im Laufe des Winters j gehalten werden sollen. In demselben führte der Redner aus, daß er z sich zum Anwalt einer Klaffe von amerikanischen Bürgern berufen fühle,! um für ihre Tapferkeit, ihren persönlichen Muth, ihre Vaterlandsliebe i und Vaterlandstreue mit gesammeltem Beweismaterial in Händen ein-! zutreten, umsomehr als auf dem Kongresse, der gelegentlich der Weltj ausstellung in Chicago tagte, die Verbrüderung der Völker stattgefunden, > und sich die Juden lediglich in religiösen Formen von ihren Mitbürgern! unterscheiden, weswegen sie noch leider allzu oft zur Zielscheibe des | Spottes und des Vorurtheils würden. Indem Redner auf andere! Länder hinwies, in welchen die Juden noch unter Ausnahmegesetzen! schmachten, obwohl sie sich durch Opferfreudigkeit unb Kampfesmuth! blutend auf dem Schlachtfeld ausgezeichnet haben, sagte er weiter: „Es! ist Ihnen wohl bekannt, daß ich seit Dezember 1891 mich bemüht habe,; Daten für ein zu veröffentlichendes Buch zu sammeln, welche wohl die : Zweifler und Verunglimpfer zum Schweigen bringen werden. Bis jetzt ist es mir gelungen, über 6000 Namen zu erhalten von amerikanischen; Bürgern, welche seit den frühesten Tagen der Revolution bis zur gegenwärtigen Zeit freiwillig ihrer Pflicht mit Hingebung, Muth und Treue oblagen. In diesem Werke werden die Namen von jüdischen Soldaten, vom General-Major bis zum einfachen Soldaten, ausgezeichnet werden, die Namen von Männern, welche sich auch im Privatleben durch ausgezeichnete Dienste, welche sie dem Staate geleistet, bemerkbar gemacht haben. Ferner Auszüge aus Briefen wie gedruckten Artikeln aus den Federn Washingtons, Jefferson's, Madison's, Monroe's, Lincoln's, Grants, Lee's, Gordon's, Greelep's, Beecher's und der Kardinale j Manning und Gibbons, welche sich über die werthvollen Leistungen von! Jude:: anerkennend ausdrücken." Von Nah und Fern. ~ Der deutsche Reichs verband jüdischer Religion slehrer : Bezirk IV., Südposen, ladet zum 2. Bezirkstag nach Samter auf | Dienstag, den 1. Januar 1895, Vormittags 11'- Uhr im jüdischen! Schullokal ein Die Tagesordnung ist folgende: l. Wahl von Ort j und Zeit für den nächsten Bezirkstag; 2. Lehrprvbe des Herrn Lehrers! Kuttner-Gostyn über Bedeutung und Feier des Sabbaths im 'Anschluß i an Exod. 20, 8—11 für die Mittelstufe; 8. Lehrprobe des Herrn Rabbiner Dr. Ludw. A. Rosenthal-Rogasen zur Einführung in Raschi für die - Oberstufe; 4. Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. Bamberger- Schrimm: „Die jüdische Religionsverfassnng in Attpreußen"; 5. Antrag, betreffend Bildung einer Religwnsschul-Kommission für die Provinz Posen; o. Besprechungen und Mittheilungen. — Die Bibliothek des deutsch-israelitischen G emein deb und es" umfaßt jetzt 5200 Bände, darunter sehr viele interessante und seltene Werke der jüdischen Litteratur. — In Preußisch-Stargardt ist am 26. v. M. der Rabbiner Dr. Isidor Braun im 75. Lebensjahr gestorben. Die Beerdigung fand auf Wunsch des Verstorbenen in seiner Heimathsgemeinde Neumark in Schlesien statt. — Eine judenreine Stadt ist Auras in Schlesien. Wir erfahren das aus einem 'Artikel der „Schlesischen Dorfztg." aus Wehlau, in dem es bezeichnender Weise heißt: Unsere Stadt besitzt unter verschiedenen Merkwürdigkeiten auch diejenige, in Schlesien gewiß als solche ganz vereinzelt dazustehm, welche keinen Bewohner mosaischer Religion in ihren Mauern beherbergt, was hinreichende Definition der traurigen Thatsache ergiebt, daß der örtliche Handel und Wandel leider bereits auf dem Aussterbe-Etatat angelangt ist. — Herr Vize-Konsul F. Zomber, welcher seinen Wohnsitz von Bremerhaven nach Hannover verlegt hat, hat sein Delegirtenamt für ersteren Ort niedergelegt. — Die Krankenunterstützungskasse des israelitischen Jünglingsvereins zu Rödelheim, die zur Zeit nahezu 50 Mitglieder zählt und ein Vermögen von etwa 15,000 Mark besitzt, begeht am 7. Januar d. I. ihr 75jähriges Jubiläum. Eine in den letzten Tagen im Schützenhof 51t Rödelheim stattgehabte Versammlung der Kassenmitglieder beschloß, zur Feier des Jubeltages ein Festessen zu veranstalten, und hat hierzu die Summe von 300 Mark aus der Krankenunterstützungskasse bewilligt. — Das Siglffche „Vaterland" in München macht aus dem Hypnotiseur Czynski einen „polnischen Juden". Der Mann war aber Katholik, der aus Opportunitätsgründen Protestant geworden ist. — Ein Verein zur Förderung jüdischen Schriftthums hat sich in Podwoloczyska begründet. — Der wegen Mißhandlung des antisemitischen Abgeordneten Kaiser zu vier Monaten Arrests verurtheilte Assekuranzbeamte Pollitzer in Wien wurde vom Kaiser von Oesterreich begnadigt und ist bereits aus der Haft entlassen. — Der Gemeinderath in Wien hat für die Ertheilung des israelitischen Religio us-Nuterr ichtes an den Wiener Volks- und Bürgerschulen im Schuljahre 1893 94 einen Kredit von 13,778 fl. und für die Instandhaltung der Schullokalitäten einen Zuschußkredit von 35,000 fl. bewilligt. Bravo! — Die „Nowosti" berichtet, daß Kaiser Nikolaus II. seinen Bruder Sergius, General- Gouverneur von Moskau, telegraphisch beauftragt hat, dem Moskauer Rabbiner und den dortigen Juden den allerhöchsten Dank zu eröffnen für ihre Gratulationsdepesche. Der Dank des Kaisers ist in besonders huldvollen Worten ausgedrückt, und erregt die Form derselben außerordentliches Aufsehen. — Jnieressant ist folgende Begebenheit, die aus Rußland gemeldet wird: Der durch seine Wuuderkuren bekannte Pope Iwan, auf den der verstorbene Zar so große Stücke hielt, und der auch an das Sterbelager Alexanders III. berufen wurde, hat für den Talmud-Thora-Verein in Jalta 120 Rubel gespendet. — Eine Epidemie ist in der Umgebung von Wilna unter dem Vieh ausgebrochen. Die Bauern beschuldigten die Juden des „bösen Blicks", und es kam in Folge dessen zu blutigen Kämpfen. Die den Juden gehörigen Läden und Häuser wurden geplündert und an gezündet; mehrere Juden wurden in die Flammen geworfen; andere starben unter der Knute oder wurden von den Bauern aufgeknüpft. Die Soldaten schossen gegen die Aufrührer; es gab viele Todte und Schwcrverwundete. — Die jüdische Einwanderung in Amerika ist im letzten Jahre von etwa 39,000 auf rund 23,000 zurückgegangen. Prozentuell ist die Einwanderung jedoch von 6 aus 8 gestiegen, d. h., daß die Juden nicht in demselben Maße an dem Rückgang der Einwanderung betheiligt sind als andere Bevölkerungsklaffen. — Unter den auf dem „Berg" in Newark wohnenden russischen Israeliten ist eine Bewegung im Gang, nach Rußland zurückzukehren, falls der neue Zar, der den Juden rnehr geneigt sein soll, als sein Vater es war, die Erlaubniß dazu ertheilt. Der russische Konsul in New-Aork wurde um Auskunft darüber befragt. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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