Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Misoeil en. Bismarck und Lasker. Von dem Poschinger'schen Werk „Fürst Bismarck und die Parlamentarier" ist jetzt der zweite Band erschienen. Aus dem hochinteressanten Werk dürfte die Leser unserer Zeitung eine allerliebste ganz dem Abgeordneten Lasker gewidmete Unterhaltung bei einem Theeabend in der Familie Bismarck (am 21. November 1676) von Interesse sein: „Es war intimster Familien-Thee, anwesend die Fürstin, die Komtesse, einige Verwandte, Herr v. P. u. s. w. Die Unterhaltung betraf Barzin, die Ernte, die Kleekultur, dann die Reise des Kaisers nach Italien, an welcher der Fürst nicht hatte theilnehmen können, dann den eben eröffneten Reichstag. „Ich hoffe doch, daß wir dieses Mal vor Weihnachten fertig werden," meinte der Fürst. „Der Mensch denkt und — Lasker lenkt," griff Herr v. P. ein Der Fürst runzelte die Stirn, als wenn ihm der Scherz nicht gefiele. Geheimrath Z. mochte das wohl nicht bemerkt haben. Denn er siel nach der Bemerkung des Herrn v. P. gleich mit den Worten ein: „Da ist mir heute ein seltsames Schriftstück zugegangen; es betitelt sich: Das beste Mittel, die Reichs- und Landtagssessionen abzukürzen, oder was Lasker alljährlich dem Staate kostet." Es folgte darauf ein männliches und weibliches Gelächter, an dem nur der Fürst nicht theilnahm. „Wo haben Sie das Schriftstück, lieber Geheimrath V sagte Herr v. P. „Oh, ich habe es bei mir," erwiederte der Geheimrath, „wenn ich wüßte, daß ich damit nicht langweilte, würde ich es vorlesen." Die Thee-Gesellschaft forderte stürmisch das Vorlesen. Der Fürst willigte durch sein Schweigen ein. Ich muß jetzt bemerken, daß ich das Schriftstück nicht wörtlich wiedergeben kann. Es ist mir heute nur eine flüchtige Durchsicht desselben gestattet worden, wobei es mir nur möglich war, die verschiedenen Zahlen, die darin figurirten, zu notiren. Im Uebrigen bin ich überzeugt, daß der schalkhafte Z. selber das Schriftstück verfaßt oder durch einen seiner Untergebenen hat aufsetzen lassen. Er liebt solche Späße. Der Geheimrath las also ungefähr wie folgt: „Seitdem Lasker im Jahre 1865 die Parlamentstribüne betreten, hat er am Dönhoffplatz und am andern Ende der Leipzigerstraße im Ganzen 927,745,328 Worte gesprochen." — Lautes Staunen außer beim Fürsten.-„154 mal so viel Worte, als das ganze Alte Testament (incl. Apokryphen) enthält, oder 42 mal so viel, als Goethe geschrieben, oder 3,9 mal so viel, als Cicero in den von ihm aufbewahrten Reden gesprochen. Wenn man Lasker's sämmtliche in den verschiedenen Parlamenten gesprochenen Worte hintereinander auf einen Streifen Papier schriebe, so würde dieser mehr als neunmal um die Erde reichen, d. h. neunmal von Berlin aus über den Atlantischen Ozean, Amerika, den Stillen Ozean, Japan, Asien, Jerusalem bis wieder nach Berlin reichen." — Schallendes Gelächter, in das schließlich der erst widerstrebende Fürst einfällt. „Spricht Lasker nur noch zwei Drittel einer Legislaturperiode so fort wie bisher, so reicht der Streifen vom Dönhoffplatz bis an den Mond." Stürmische Heiterkeit. „Nun, und wie lange wird es dauern, bis der Streifen die Sonne erreicht?" fragte darauf eine weibliche Stimme. „Das sagt leider der Statistiker nicht," erwiederte Geheimrath Z. „Dafür hat sein Name schon längst die Sonne erreicht," fiel Herr von P. ein. Der Geheimrath fuhr fort: „Anträge und Amendements hat Lasker im ganzen 27,344 gestellt, wovon 27,211 angenommen sind. An Bravos verzeichnen die stenographischen Berichte nicht weniger als 11,874 in nur 11 Jahren! Darunter 8881 stürmische Bravos. Zur Ordnung ist er einmal gerufen." „Wie? was?" siel hier die Gesellschaft ein, „Lasker ist auch einmal zur Ordnung gerufen?" Jetzt bemerkte der Fürst selber: „Gewiß, vor einem Jahre im Reichstage wegen einer Aeußerung gegen Windthorst; ich habe ihm dazu nur herzlich gratuliren können." Der Geheimrath fortfahrend: „Die 927,745,328 Worte Lasters vertheilen sich auf 866,194 Reden und 74,312 persönliche Bemerkungen. Davon beziehen sich 44,912 Reden auf das Budget- und Finanzwesen, 1953 Reden auf das Strafgesetzbuch, 126 auf Wucherzinsen, 14 auf die Lumpen-Ausfuhr des Zollvereins, 17 auf die Jmpfordnung, 289 auf den Kulturkampf, 71 auf deu Gründungsschwindel, 77 auf Aktienwesen, 9 auf die Rinderpest, 22 auf die Leckage in Niederlagen, 4 auf die Prostitution in Berlin, 6 auf die Zwangskehrbezirke der Schornsteinfeger, 13 auf die Rebläuse . . ." „Genug, genug," fiel hier die Gesellschaft ein, deren Lachen die Stimme des Vorlesers mehr und mehr übertönte. „Lieber Geheimrath, bitte, sagen Sie noch einmal, wie viel Worte hat Lasker im Ganzen schon geredet," sagte die Fürstin. „927,745,328 Worte, Durchlaucht." „Fehlt nicht viel an der ersten Milliarde," bemerkte Herr von P. „Was meinst Du, Otto, wenn die fünf Milliarden voll sind, müßte Lasker doch so gut in den Adelsstand erhoben werden wie Herr von Bleichröder; er zählt doch auch von Erschaffung der Welt. Was er wohl sagen würde, wenn er eines Morgens einen großen Brief erhielte mit der Adresse: Sr. Exzellenz, dem Herrn Staatsminister von Lasker. Denn Minister wird er doch längst sein, ehe er die fünfte Milliarde ausgeredet hat. Welches Portefeuille hast Du eigentlich für ihn in petto?" Der Fürst machte zu diesen Worten eine Miene, als wenn er sagen wollte, daß er über diesen Gegenstand den Scherz nicht liebe. Er erwiederte ernsthaft: „Ich hätte Lasker ganz gerne im Ministerium zur Seite; er ist blos zu vielseitig; Wahl macht Oual; ich weiß nicht, ob man Justiz, Finanzen, Inneres oder Handel ihm anvertrauen soll." „Den Krieg, lieber Otto, den Krieg," fiel Herr von P. ein. „Oder den Kultus," bemerkte eine weibliche Stimme. „Nun," erwiederte der Fürst, „ein guter Jurist ist auch leicht ein guter Kultusminister, Falk oder Lasker." Große Bewegung. Aus dieser Erzählung ist zu entnehmen, daß Bismarck sich mit dem Gedanken, Lasker zum Minister zu machen, ernsthaft getragen, und daß er dem großen Parlamentarier in der Zeit seines ersten Wirkens eine außerordentliche Werthschatzung entgegengebracht hat. Daß Bismarck sich dessen später bei dem in Amerika erfolgten Ableben Laskers nicht mehr erinnerte und sich einer offiziellen Ehrung des Tobten in so herz-! loser Weise widersetzte, kann angesichts der obigen Erzählung nur immer j wieder bedauert werden. L. Htz * Die Nr. 49 der „Mittheilunge n aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstaße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Der Meineidsprozeß Leuß. — Zur sozialpolitischen Beurtheilung des Antisemitismus. XU. — Der j Antheil der Juden am Verbrechen in Oesterreich. — Zur Abwehr. — Aus dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Leroy-Beaulieu über den Mammonkultus. — Sprechsaal. 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