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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 gehörigkeit solle beibehalten werden, wenn die von den Provinzialvereinen pro Mitglied zu leistenden Beiträge auf die Hälfte (25 Pfennig) ermäßigt werden," wird nicht angenommen. Die Vertreter der andern Vereine sprechen sich theils für und theils gegen aus. Zum Schluß wird, nach einer glänzenden und von Begeisterung getragenen Befürwortung der Angelegenheit, ein seitens des Vorsitzenden gestellter Antrag: „Der Provinzialverband beschließt, dem Centralverband auch für das Jahr 1895/96 anzugehören," einstimmig angenommen. Punkt 2 der Tagesordnung lautet: „Gedankenaustausch über eine praktische Beschäftigung der jungen Leute während der Sonntagsruhe im Rahmen der Vereinsthätigkeit." Zu diesem Punkt geben die Vertreter der verschiedenen Vereine Auskunft über die in ihren Versammlungen gemachten Erfahrungen. Man einigt sich, in dieser Angelegenheit folgenden Versuch zu machen: Die jungen Leute versammeln sich um 8 Uhr. Cs wird dann ein kleiner Vortrag oder eine Vorlesung gehalten, desgleichen sollen die Zeit- und Streitfragen erörtert werden, an welche sich dann eine Besprechung schließt. Darauf können Unterhaltungen und Gesellschaftsspiele — Kartenspiele jedoch ausgeschlossen — stattfinden. In Verbandsangelegenheiten trifft die Versammlung eine Auswahl über die nochzu berufenden Redner. Nachdennwchdem Vorsitzenden sowie dem Schriftführer der Dank der Versammlung für Leitung und Führung der Verbandsangelegenheiten ausgesprochen worden, wird der Delegirtentag geschlossen. (Vft Karlsruhe, 31. Dezember. Nachdem die protestantische Synode die neue Kirchensteuer bewilligt, wird im Februar k. I. zum ersten Male die israelitische Synode zusammentreten, um sich mit der gleichen Angelegenheit zu beschäftigen. Die Auslegung der Wählerlisten für die weltlichen Abgeordneten geschieht vom 4. bis 6. Januar. Das Wahlrecht ist, wie schon früher mitgetheilt, dem Reichstagswahlrecht nachgebildet. Die Synode wird aus 25 Mitgliedern bestehen: sie ist bei Anwesenheit von mindestens 17 Mitgliedern beschlußfähig. -3Kr Frankfurt a. M., 30. Dezember. Die „Fr. Ztg." berichtet: An der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) wird eben eine Aenderung im Unterrichtsplan vorbereitet, die allgemeines Interesse erwecken dürste. Der schon seit langen Jahren oft ventilirte Gedanke der Aufhebung des Sonntagsunterrichts soll nunmehr zur Ausführung gebracht werden, und zwar wird der bisher am Sonntag ertheilte Unterricht auf den Mittwoch Nachmittag und Samstag zu solcher Zeit verlegt werden, in der kein Gottesdienst ist. Der Samstags-Unterricht wird nur solche Gegenstände betreffen, in denen auch nach streng religiösen Vorschriften unterrichtet werden darf. Durch diese Maßnahme wird es nun endlich gelingen, die großen Schwierigkeiten, die bisher aus dem Sonntags-Unterricht erwuchsen, zu beseitigen. Vorstand und Ausschuß der israelitischen Gemeinde haben bereits diesen Beschlüssen des Schulraths zugestimmt. Die Schule wird noch eine Rundfrage an die Eltern der Schüler richten, um auch deren Ansicht zu hören, die voraussichtlich bejahend ausfallen wird, da es sich um eine die kommende Generation fördernde Maßregel handelt. L. Aus Hessen, im Dezember. In den beiden Strafanstalten des Großherzogthums, Marienschloß und Zellengefängniß Lentzbach, befinden sich insgesammt 500 Sträflinge, darunter 7 Juden: 2 wegen Betrug, 1 wegen Betrug mit Wucher, 1 wegen Hehlerei, 1 wegen Fälschung, 1 wegen Diebstahl, 1 wegen Fleischeslust, wegen Meineid kein Einziger. Nun bilden die Juden des Großherzogthums 3^ Prozent der Einwohnerschaft. Dieses günstige Prozentverhältniß besteht schon sehr sehr lange. 6. Gießen, im Dezember. Dem israelitischen Religionslehrer, Vorbeter und Schächter Abraham Kaufmann zu Schotten (Rabbinats Gießen) ist von dem Großherzoglichen Kreisamt dorr unter Strafandrohung verboten worden, religiöse Trauungen zu vollziehen. Auf geschehenen Vorhalt, warum er demuugeachtet bald darauf in dortiger Synagoge die Tochter des Herrn S. K. dort mit dem Sohn des Herrn K. M. getraut habe, erklärte er vor dem Grobherzoglichen Kreisamt: „Es habe in vorliegendem Fall keine rituelle Trauung stattgefunden; er habe nur eine Ansprache gehalten und einige Segenssprüche gesprochen." Darnach ist also das gedachte Ehepaar nach israelitischem Ritus nicht getraut und lebt fort und fort in Eivilehe. Sollte man für möglich halten, daß ein Religionslehrer sich das erlaubt? — Als Kuriosum noch Folgendes: Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Schotten, unter dessen Auspizien sich das zugetragen, unterschreibt: „Vorstand der Neumosaischen Gemeinde." Was ist das für eine Gemeinde? Unseres Wissens giebt es im Großherzogthum Hessen mtr israelitische Religionsgemeinden und Religionsgesellschaften, nicht auch Neumosaische Gemeinden. Wir wären begierig, die Statuten und religiösen Satzungen dieser Neumosaischen Gemeinde kennen zu lernen. Religiöse Trauungen scheinen nicht zu denselben zu gehören. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 31. Dezember. Der Berathungssaal des Wiener Gemei nderathes war am 28. d. M. der Schauplatz von tumultuösen Szenen, die kaum mit einem anderen Ausdrucke als beispiellos skandalös bezeichnet werden können. Man muß die Frage aufwerfen, ob bei den in der Wiener Stadtvertretung bestehenden Zuständen überhaupt eine gedeihliche Führung der Verwaltung möglich ist. Ein wahrer Monstreskandal war es, den die Antisemiten anzettelten, um durch Zwang und Gewalt eine ihnen mißliebige Persönlichkeit von dem Posten eines Schriftführers des Gemeinderathes zu entfernen. Es kann kann: einem Zweifel unterliegen, daß dieser Krawall planmäßig vorbereitet war, um eine Kraftprobe des nur im Rathssaale möglichen Terrorismus zu unternehmen. — Einen ähnlichen Skandal provozirten die Antisemiten im Landtage, wo Schneider sich zu dem beleidigenden Rufe verflieg: „Dann soll der Statthalter den Kaiser nicht anlügen!" — Der antisemitische Student Stift wurde zu 10 fl Geldstrafe verurtheilt, weil er im trunkenen Zustande in ein Lokal kam und da den Wirth, den er für einen Juden hielt, beschimpfte. - An der israelitischen Kinderbewahranstalt, II., Schiffamtsgasse Nr 15, fand Sonntag, wie alljährlich, die Gründungsfeier statt, welche mit einer Prüfung der Kleinen und der Betheilung von mehr als 200 Kindern mit Kleidern, Schuhen und Spielzeug verbunden war. Als Festgäste waren erschienen: Gemeinderath Dr. Lerch als Vertreter des Bürgermeisters, Gelneinderath Waegner, Ritter v. Goldschmidi, die Bezirksschulinspektoren Schulrath Hinterwaldner und Professor Wiedenhofer u. v. A. Die Antworten der Kleinen, ihr Vortrag von Gedichten, Liedern und Spielen fand die ungetheilteste Anerkennung. — Der bekannte Naturforscher und Schriftsteller Dr. Ludwig Karell hat sich mit Fräulein Emma Braun ans Ung. Ostra verlobt; ein naher Verwandter der Braut ist Dr. Szold in Baltimore, der einen vorzüglichen Hiob-Kommentar geliefert hat, nebenbei bemerkt, das erste Buch, das in hebräischer Schrift in Amerika gedruckt wurde. — Hier ist Legationsrath Dr. S. Spitzer gestorben. Sigmund Spitzer war 1813 iu dem mährischen Landstädtchen Nikolsburg geboren und 1837 in Wien zum Doktor der Medizin promovirt worden. Alsbald wurde er, von seinen Lehrern warm empfohlen, als Professor der Anatomie nach Konstantinopel berufen, wo er unter den größten Schwierigkeiten die Elemente des modernen medizinischen Unterrichts einzuführen bemüht war. 1845 verfiel Sultan Abdul Medschid in eine schwere Krankheit. Dem österreichischen Arzte gelang es, ihn von derselben zu befreien und zugleich sein persönliches Vertrauen zu gewinnen. Er wurde zum ersten Leibarzt des Sultans und 1847 auch zum Direktor der medizinischen Schule ernannt. Aber nicht ungestraft bekleidet man im Lande der persönlichen Regierung wichtige Vertrauensstellungen. Als einige hohe Würdenträger des Reiches dessen inne wurden, daß der neue Leibarzt sich nichr als Werkzeug von Partei-Jntriguen gebrauchen ließ, suchten sie ihn, dessen unbeugsame Rechtlichkeit allen dahin zielenden Bemühungen ein unübersteigliches Hinderniß entgegenstellte, bei feinem kaiserlichen Herrn anzuschwärzen. Zuletzt bedrohten sie, als dies mißlungen war, sogar sein Leben. Da erbat Dr. Spitzer seinen Abschied, und der Sultan mußte, wenn auch widerstrebenden Sinnes, diesem Verlangen willfahren. Der Leibarzt wurde 1850 zum Botschaftsrath in Wien und 1857 zum ottomanischen Geschäftsträger am Hofe von Neapel ernannt. Diesen Posten bekleidete er bis zur Eroberung Neapels durch Garibaldi. In demselben Jahre (1860) starb Spitzeres Gönner, Abdul Medschid. Noch in seiner letzten Krankheit hatte er die Berufung des befreundeten Leibarztes gewünscht, und als diese, wie es scheint, durch Jntriguen vereitelt wurde, soll er noch auf dem Todtenbette geklagt haben, man trenne ihn gewaltsam von seinem treuesten Freunde. Fortan lebte Dr. Spitzer als Privatmann erst in Paris imb dann in Wien. fg. Lemberg, 30. Dezember. Hier können oft wunderliche Dinge passiven. Es giebt in Galizien nämlich eine Reihe von Schulen, die in Rücksicht darauf, daß eine große Anzahl jüdischer Kinder die Schule besuchen, den hebräischen Unterricht, sowie den Unterricht in

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