Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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59. Jahrgang. Nr. 1. LerUn, 4. Januar L895. Der Gemelndebote. vertage zur „Akkgemeinen JeiLung öes ZuöeniHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 3t. Dezember. Soeben istNr.30 der „Mittheilungeu vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" erschienen. Das Heft enthält zuvörderst eine wiederholte Aufforderung an die Gemeindevorstünde, dem Bunde Angaben über den in verschiedenen Gemeinden bezw. der an- und abziehenden Mitglieder angewandten Modus der Besteuerung zu machen, sodann das Statut der Herxheimer-Stiftung, ferner Mittheilungen über das statistische Jahrbuch, über außerordentliche Zuwendungen, die Bibliothek, die Geschäftsleituug des Ausschusses laus letzteren entnehmen wir, daß Herr Geheimrath Kristeller in Berlin sein Amt niederlegen wollte, vom Ausschuß aber bestimmt wurde, in demselben zu verbleiben, und daß ihm eine „Verwaltungskommission für Generalia" zur Erleichterung der Arbeit beigegeben wurde), das Vorsteher-Jubiläum des Herrn Rechtsanwalts Lehmann in Dresden, Personals und Nekrologe auf H. Müller in München, L. Stillmann in Ramitsch, den Lehrer E. Marens in Burgsteinfurt und I. Pitsch in Berlin. Die beiden letzten Nachrufe sind von besonderem Interesse, und wir werden noch darauf zurückkommen. Aus den Personalien entnehmen wir, daß Herr Professor Dr. M. Philippson in den 'Ausschuß des D. I. G. B. berufen wurde, und daß die neue „''Abtheilung für Lebrwesen" durch die Herren Rektor Dr. Adler, Oberlehrer Dr. Blaschke und Oberlehrer Dr. Schäfer ergänzt worden ist. K. Berlin, 27. Dezember. Gestern tagte im Hotel Cassel die Generalversammlung der Hilfskasse für jüdische Kantoren und deren Witt wen und Waisen in Deutschland. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. F. Stern, eröffnete die Sitzung mit einem warmen Nachruf auf den Begründer der Hilfskasse, Professor Lewandowski, und schilderte ziemlich ausführlich die Verhältnisse des Vereins, der in den Jahren seines Bestehens wohl bedeutende materielle Erfolge erzielt hat, diese aber hauptsächlich dem Wohlthätigkeitssinn der Berliner Judenheit zu verdanken habe. Es sei zu beklagen, daß viele Mitglieder gestrichen werden mußten, weil sie ihre Beiträge nicht entrichtet haben. Mit einem Appell an die ordentlichen Mitglieder, unter ihren Kollegen ein regeres Interesse für die Bestrebungen der Hilfskasse wachzurufen, schloß der Vorsitzende seinen Bericht und ertheilte dem Kassirer, Herrn Göttinger, das Wort zum Bericht über den Kassenbestand Die Ausführungen des Herrn Göttinger werden von den Anwesenden mit großem Jubel ausgenommen. Ans Veranlassung des Kassirers erheben sich die Versammelten zu Ehren des abwesenden Herrn Siegfried Brünn, der innerhalb eines Jahres in Berlin allein für die Hilfskasse 100 außerordentliche Mitglieder mit einer Jahreseinuahme von über 1000 Mark geworben hat, von ihren Plätzen. Der Kassenrevisor, Herr Jacobus, bestätigt die Angaben des Herrn Göttinger und beantragt die Dechargeertheilung, die auch einstimmig erfolgt. Die Verhandlung über eine Anzahl von Anträgen seitens der Mitglieder nimmt fast den ganzen Tag in Anspruch, und erst in später Abendstunde wird zur Vorstandswahl geschritten. Es wurden in den Vorstand gewühlt die Herren Kantoren Friedmann, Rosenthal, Chordirigent William Wolf-Berlin, Schönberger-Potsdam, Jonassohn-Stettin, Kantor Neumann, Dr. Pagel und Siegfried Brünn-Berlin. Die Versammlung sprach Herrn Dr. Stern, dem Leiter der Generalversannulung, ihren Dank aus, und die Mitglieder erheben sich zum Zeichen der Hochachtung von ihren Sitzen. Ein gemüthliches Beisammensein bildete den Schlußakt der Generalversammlung. K. Berlin, 27. Dezember. Die jüdische Taubstummenanstalt in Weißensee veranstaltete gestern Abend eine Chanukafeier, deren glänzender Verlauf allen Theilnehmeru lange in Erinnerung bleiben wird. Schon um 4 Uhr, eine Stunde vor Beginn der Feier, war die Aula der Anstalt von Theilnehmeru und Gästen gefüllt, unter welchen j letzteren der Vorstand des Vereins „Freunde der Taubstummen" durch! die Herren Geheimrath Marcuse, Maurermeister Frankel unb W. Löwenthal vertreten war. Der Anstaltslehrer, Herr KolodzimAp, leitete die Feier ein mit dem Vortrag eines Theils des Hallelgebets, in das die; Zöglinge wechselseitig mit dem Vortragenden klar und allgemein verständlich; einstimmten. Ein zehnjähriger Knabe sprach hierauf mit lauter Stimme die! Segenssprüche beinr Anzündeu der Chanukalichter und die Anwesenden! sangen die Channkahymne, deren zwei ersten Strophen nachher ein 13jähriger! .Knabe und ein neunjähriges Mädchen mit bewundernswerther Deutlichkeit i vortrngen. Dann hielt Herr Direktor Reich eine Ansprache, in der erden Gästen für ihr zahlreiches Erscheinen, für ihre rege Theilnahme auch an der Freude dieser Unglücklichen dankte und darauf hinwies, daß der Verein „Freunde der Taubstummen" erst dann seine Aufgabe j erfüllt haben würde, wenn für alle taubstummen jüdischen Kinder ge-! sorgt fein wird. Alsdann wurde die Channkahymne zu Ende gej sangen, und nachdem das Abendgebet verrichtet wurde, schritten die! Zöglinge wohlgeordnet nach den im Parterre befindlichen festlich erleuchteten Räumen, in denen für jedes Kind praktische Geschenke, Spielzeug, Aepfel, Kuchen und Nüsse zurecht gelegt waren Die Freude der Kinder spiegelte sich in den Augen der Gäste wieder, die erst gegen 8 Uhr diese Stätte jüdischer Hochherzigkeit mit dem erhebenden Bewußtsein verließen, ein wahrhaft schönes Chanukafest gefeiert zu haben. K. Berlin, 1. Januar. Am letzten Sonnabend waren 25 Jahre verstrichen, seit Herr Rabbiner Dr. Ungerteider zürn ersten Mal in Berlin die Kanzel bestiegen. Ans diesem Anlaß fand in der Synagoge der Heidereutergasse eine würdige Feier statt. Der Platz des Herrn Dr. Ungerleider war reich bekränzt und das Gotteshaus dicht gefüllt. Ter Vorstand und die Repräsentanten der Gemeinde waren durch j Deputationen vertreten. Vor der Predigt wurde die bekannte Kompv-! sttion von Lewandowski: „Ich gedenke dir die Liebe deiner Jugend" gesungen. Hieraus hielt Herr Dr. Ungerleider die Predigt, die sich zu einem interessanten Rückblick aus seine Vorgänger und seine hiesige Wirksamkeit gestaltete. Nach der Rede, die einen tiefen Eindruck hervorbrachte, wurde das Halleluja gesungen. Möge es Herrn Dr. Ungerleider noch lange beschieden sein, in gedeihlicher Weise zu wirken! 11. Berlin, 2. Januar. In der vergangenen Woche waren 25 Jahre vergangen, seitdem die hiesige Israelitische Synagogengemeinde (Adaß! Jisroel) gegründet worden war. Dieses Ereigniß wurde von der Ge-! meinde durch einen Festgottesdienst am Sabbath Chanukah in der festlich j geschmückten und erleuchteten Synagoge gefeiert. Außer den am Sabbath; üblichen Gebeten wurde noch durch den Chor Psalm 150 zum Vortrag gebracht und seitens des Rabbiners Herrn Dr. Israel Hildesheimer von der Kanzel herab ein hebräisches Gebet gesprochen, das, in meisterhaftem Hebräisch, die Errungenschaften der Gemeinde klarlegte und ferneres! Gedeihen für dieselbe erflehte. Besonders weihevoll gestaltete sich der j Augenblick, als der greise Rabbiner der Gemeinde, der nun schon 25 Jahre! Leiter derselben ist, den Segensspruch über die Thora sprach; in einem hieran sich schließenden 'fe wurden die Verdienste des Genannten j um die Gemeinde sowohl, als auch um die Gesammtheit Israels gefeiert | und die heißen Wünsche seiner Verehrer für sein ferneres Wohlergehen! zum Ausdruck gebracht. Die Festpredigt, der er als Text Zach. 3,7 zu! Grunde legte, hielt Herr Meier Hildesheimer, der die Verdienste der I Gemeinde und ihre Hoffnungen klar legte. — Gleichzeitig mit den: Jubiläum der Gemeinde konnte die Religionsschule derselben auf 25 Jahre! ihres Bestehens zurückblicken. Um auch diesen Abschluß eines Viertel-! jahrhunderts reicher Arbeit festlich zu begehen, versammelten sich am; Sonntag Vorm, in der Anla der Sophienschule die Gemeindebehörden, i die Eltern der Kinder, die Mitglieder des Schnlvereines, die ehemaligen! und jetzigen Lehrer und die Zöglinge der 'Anstalt, damit sie sich durch Reden, Deklamationen und Gesang die Ziele der Schule und ihre Er- I folge vorführten. Nach einem stimmungsvollen Eröffnungsliede, das, i wie alle anderen Gesänge, von Herrn Dr. Ackermann gedichtet, kom-