Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 12 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228096--51395-3272139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 Im Saale war cs druckend, unerträglich hcis; geworden. Zigarrenrauch und Ausdünstungen erfüllten den engen Raum. Einige Sessel wurden nuigcworfcn, der Wirth des Zimmers lief hcrnni und bat um Ruhe, Einige gingen, die Thür laut zu- ' werfend fort, als sich endlich über das Tosen hinweg Bauers Siimine Bahn brach. „Wegen der vorgerückten Stunde erkläre ich die Sitzung für; geschlossen. Der Zeitpunkt der nächste» wird von mir mitgetheilt werden." Noch lange dauerte dieser Larin in Jizchaks Umgebung. (Fortsetzung folgt.) Kpvechsaal. Geehrte Redaktion! ^Uir^eineinen Zeitung des Judenthums befindet sich ryeine dankeuswerthe Anregung der Frau Nllmann aus Leipzig-Plagwitz betreffend die Neberlassung unserer ausgebildeten Krankenpflegerinnen (Schwestern) an auswärtige Städte resp. kleinere Orte, woselbst die Gründung eines unseren Tendenzen entsprechenden Vereins aus eigenen Mitteln nicht erreicht werden kann. Wir können diese Frage dahin beantworten, daß wir unsere Schwestern überall hinsenden, wo man ihrer Hilfe bedarf und daß wir auch unseren Satzungen entsprechend, die Krankenpflege Unbemittelter unentgeltlich ausüben lassen. Unsere zur Zeit fertigen drei Schwestern, welche bereits Außenpflege betreiben, sind schon verschiedene Male außerhalb Berlins thätig gewesen, und denken wir, uns auch in der Folge nicht nur auf unsere Stadt zu beschränken. Um indessen eine so ausgedehnte Wirksamkeit ausübeu zu können, bedürfen wir selbstverständlich einer erheblich größeren Zahl ausgebildeter Schülerinnen und dürfen hoffen, daß uns eine solche, da zur Zeit vierzehn Schülerinnen in der Ausbildung begriffen sind, nach Ablauf des kommenden Jahres zur Verfügung stehen wird. Alsdann werden wir gern bereit sein, auch auswärtigen Gemeinden unsere Schwestern für die Krankenpflege bereit zu halten und mit den betreffenden Vorständen bezüglich Neberlassung von Kraukeupslegerinucn in Verhandlung zu treten. Berlin, 0l. Dezember. Ter Vorstand des Vereins fiir jüdische Krankenpflegeriunen * Geehrter Herr Redakteur! ^othr Leitartikel vom 1-1. d. M. über den „Stampf gegen die Bibel" erwähnt Cz: mit Recht die Unwissenheit Scherr's, wie viel Schiller und Goethe der Bibel zu verdanken haben. In meinem Goethestudium begegnete ich kürzlich einem Goetheschen Ausspruch in „Maximen und Reflexionen", der hier in Beziehung auf Ihren Artikel am Platze sein dürste. Gr lautet: „Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, so lange die Welt steht, Niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife es im Ganzen und verstehe es tut Einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: Im Ganzen ist es ehrwürdig, und im Einzelnen anwendbar." Bradford, 17. Dezember. Mit Hochachtung Ihr Dr. Strauß. * Geehrter Herr Redakteur! /gestatten Sie mir, durch Sie Herrn Julius Ruhstadt mein 5^omplimeut und „Iejascher Koach" zuzurufen. Auch ich und viele Andere haben bei der Lektüre des Aufsatzes nicht nur Enttäuschung, sondern sogar Entrüstung gegen dieses kaltblütige Zergliedern eines alten geheiligten Sabbathabends empfunden! Jeder religiöse Akt muß durch Empfindung und ästhetischen Sinn gestärkt werden: wer dieses entbehrt, besitzt einen geistigen Mangel, gleicht einem (Gehörlosen, den die Musik, die Andere begeistert, kalt läßt. Den Freitagabend bildeten weder das weiße Gedeck, noch die zwei Kerzen allein, auch die guten Speisen thnn es nicht; ganz richtig! Der Mensch genießt heute alle Tage so viel, daß er weniger empfindlich für das Dargebotene ist: dafür sollte er aber dem Himmel um so dankbarer sein, und nicht umgekehrt. Der Kaiser am Throne, dem doch gewiß das Beste geboten wird, für den alle Tag Feiertag ist, findet doch die Möglichkeit, Gala- und Festtafel zu veranstalten, wenn er seinen Gästen Ehre anlhun will. Eines jedoch ist Kaiser und Arbeiter gemein, das Bedürfniß nach Ruhe und Erholung zum Genüsse des Dargebotenen. Derjenige, der unter dem moralischen Zwang der Religion sich vom Alltagsleben befreit, hat dadurch erst die Möglichkeit, das festlich bereitete Mahl, die Behaglichkeit des Heimes, die Lieblichkeit und das Gedeihen der Kinder mit Muße zu betrachten. Durch diese Ruhe empfindet man erst die Wonne, weshalb die Sabbathruhe es ist, die Allem die rechte Würze giebt, denn die Ruhe an und für sich ist heut zu Tage, in unserer hastenden Arbeitszeit ein seltener Segen! Fügen wir noch hinzu die aus dem Gotteshause ins Haus getragene gehobene Stimnmng, den festlichen Sabbathgruß, das gemeinsame Singen des Sabbathliedes, das Segnen der Kinder, das festlich ausgestattete Zimmer und die gewählte Mahlzeit, dann die Behaglichkeit beim Genüsse, ferner den erhebenden Einfluß auf Kinder und Ehegatten, so ist das die Gesammt Wirkung, die der Sabbath auf uns von frühester Jugend übt, und die, einmal mitgesühlt und mitempfunden, der Seele und der Erinnerung nie mehr schwindet. Ein ästhetisches Bild so zergliedern, wie das Dr. R. gethan, das ist, „einen herrlichen Baunl seines Blüthenschmuckes berauben und an den dürren Zweigen Gefallen finden wollen." Also nochmals Dank und Bravo dem Herrn Julius Ruhstadt. Teplitz, inl Dezember. Frau Dr. Jessie Kur rein. Hochgeehrter Herr Redakteur! ^Lhr letzter Artikel in der „"Allgemeinen Zeitung des Judenthums" Rr. 50 „Der Stampf gegen die Bibel" hat mich zu weiterem Nachdenken angeregt. Zunächst frage ich, warum denn die Götterlebre der Griechen mit) Römer, die gar Vieles enthält, was das Keuschheitsgesühl verletzt, in beit Schulen nngescheut der männlichen und weiblichett Jugend vorgetragen wird. Eine gewisse Begrenzung wäre auch da am Platz. In der angeregten Frage, ob die Bibel, die Bücher des alten Testaments, in den Schulen als Lesebuch für die Jugend umgearbeitet werden müsse, wie Vieles wegzulasfen sei, was vielleicht anstößig erscheinen könnte, erlaube ich mir zu bemerken, daß schon die jüdischen Volks- und Gesetzeslehrer in Palästina in den ersten drei Jahrhunderten laut den Berichten int talmndischen Schriftthum nachdrncksvoll die Abschnitte des Pentateuchs und der Propheten angaben und bezeichnetett, die bei der öffentlichen Vorlesung aus der Bibel am Sabbath und Fest nicht übersetzt werden dürfen, weil sie theils Aergerniß verursachen, theils das Kenschheitsgofühl und den Anstand verletzen könnten. Wir neunen von denselben: die Erzählung von Rüben in 1. Mos. 35, 22, 20; vom goldenen Kalb in 2. Mos. 22, 21—25; von Lot und seinen Töchtern in I.Mos. 10, Bl; ferner die Geschichte Davids mit Bathseba in 1. B. .Könige; von den Gräueln Jerusalems in Ezechiel .Kapitel 17, u. A. nt. Man ging darin soweit, daß man in den öffentlichen Bibelvorlesungen auch beim Vorlesen des hebräischen Textes die obscönen "Ausdrücke ditrch andere minder anstößige Wörter wiedergeben mußte. Wir haben "Ausführliches darüber in unserer Real-Encyklopädie, Abtheilnng II, Artikel: „Targum", „Text der Bibel" und „Vorlesung aus der Thora" angegeben imb bitten den kundigen Leser, dasselbe dort nachzulesen. Gegen die Umarbeitung der Bibel zu einent Lesebuch für die Jugend wäre daher auch vom streng orthodoxen Standpunkt nichts einzuwenden. Nur gehe man damit nicht zu weit und bedenke, was Prof. Dr. H. Steinthal in seiner Schrift „Die Bibel und die Religionsphilosophie" S. 2 so trefflich sagt: „Wenn es richtig ist, daß Gottes Wort wie Mensch zu Mensch redet, d. h. nicht wie ein hochgebildeter Schriftsteller zum Denker, sondern wie ein kindliches Gemüth zum Kinde, so muß die Wahrhaftigkeit der Bibel unmittelbar kenntlich sein und muß sich vorzugsweise tu der absoluten Schlichtheit des Ausdrucks zeigen. Wer die Hoheit des einfachen Großen genießen und die Gewalt, welche dieses auf das Gemüth übt, kennen lernen will, der lese die Bibel." Strelitz in Mecklenburg, Dr. I. Hamburger, 22. Dezember. Landesrabbiner. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.