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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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11 Antheil an der Debatte, liefen umher, ereiferten fich mit der ganzen Hingabe ihrer selbst. Jizchak beobachtete diese, sich der von ihm ersehnten Arbeit, der Arbeit auf geistigem Gebiet, widmenden Menschen. Er beneidete sie um die bei Manchen ersichtliche Uebung im Argumentiren, um ihre Bildung und genaue Kenntniß der Verhältnisse; Manche auch um ihre Redegabe. Wenn ich sie besäße, dachte er, würde ich diese hitzigen Köpfe ei» wenig abkühlen. Da ergriff ihn Jemand am Arm. Er sah sich um, es war Herr Moritz. Beim Präsidententisch saß ein Anderer. „Hört, Jizchak," flüsterte er eilig. „Wir können hier zu keinem Ende kommen. Ihr, als Kenner des Judenthums, von der Manie des leeren Schwätzens noch unberührt, müßt laut Eure Meinrmg sagen, den» ich halte es nicht mehr aus." „Ich?" entsetzte sich Jizchak. „Ich kann nicht." „Ihr könnt. Andere reden auch jüdisch." Er entfernte sich rasch. „Herr Graf hat das Wort!" rief er von der Erhöhung. Ans Jizchaks Stirn perlte der Angstschweiß. Er erhob fich, seine Füße bebten. Er öffnete den Mund, aber die Sprache versagte ihm. Vor seinen Augen flimmerte es. Alles hatte sich ihm, als einem ganz fremden Redner, zugewendet. Seine linkische, sichtlich zitternde Gestalt, sei» bleiches Gesicht hatte schon das unterdrückte Lachen seiner Nachbarn erregt. Dies brachte ihn zur Besinmmg. Er reckte sich in die Höhe und fuhr mit der Hand über die Stirn. Er hatte einige Redewendungen und rhetorische Floskeln aus den Debatten des Abends behalten, den Inhalt aller Reden wußte er genau, fein Urtheit darüber war fertig, so begann er denn: „Meine Herren! Als ich herkam, hatte ich keineswegs die Absicht, das Wort zu ergreifen. Es zwingen mich jedoch die . . . Umstände. Es ist aber vielleicht gut, daß es so gekommen, denn ich habe in der That etwas Wichtiges zu sagen." Als feine ersten Worte in die allgemeine Stille gefallen waren, erschrak er selbst vor ihrem Klang, die Kniee begannen ihm wieder zu zittern, und die Zunge verwickelte sich. Bald aber hatte er sich in die Situation gefunden und fuhr muthiger fort: „Alle, die bis jetzt gesprochen habe», beschäftigten sich mit den Angelegenheiten des neuen Vereins, wie er zu benennen fei, wie und in welcher Weise er zu wirken habe.. .. Ich habe aber kein einziges Mal fragen gehört, ob solch' ein Verein überhaupt . . . nothwendig ist?" Da wurde es mit einem Mal laut im Saal. „Was spricht er? Was faselt er da?" „Ich," rief Jizchak stärker, „ich sage, . . . mir scheint solch' ein Verein schädlich, also ganz überflüssig zu fein!" Jetzt erschallten Rufe des Zorns rmd der Entrüstung. Jizchak war aber schon vollkommen Herr seiner Bewegung, muthig ließ er den Blick umherschweifeu und fuhr mit fester Stimme fort: „Meine Herren, ich habe Folgendes bemerkt: Als Herr Bauer früher gesagt hat, daß er sich nicht mit der Religion deschäitige, begann man wider ihn zu schreien, Warum? Weil er nicht an dasjenige glaubt, woran jeder gewöhnliche Jude glaubt, weil er gebildet ist und es hier viele gebildete Juden giebt. Mit diesen aber können gewöhnliche einfache Juden nicht übereinstimmen, beim sie hängen an ihren Vorurtheilen, kennen und lieben kein Wissen und keine Vernunft." „Oho! Still! Herunter!" rief man jetzt von vielen Seiten. „Da sie a» ihren Vorurtheilen hängen," wiederholte Jizchak mit Macht, „und dieselben bewahren wollen, müssen sie Gegner aller Freidenkenden sein. Werdet Ihr also gemeinschaftlich und friedlich in demselben Verein ivirken können? Entweder werden die Einen aufhöee», das zu sein, was sie einen strengen, gläubigen Inden nennen, oder aber die Andern werden sich zu Dingen verstehen, an welche sie nicht glauben. Einigkeit zwischen diesen Elementen ist immöglich!" Zischen und Lärmen ertönten im Saal, Jizchak schwieg eine Weile. Die Bewegung war sehr groß. „Wes wollt Ihr?" näherte sich jetzt Moritz mit blutrothem Gesicht. „Ich habe genug daran." „Wieso genug?" entgegnete Jizchak leise, aber erregt. „Wenn Ihr verlangt habt, das; ich rede, so laßt mich Alles sagen. Ihr f wollt doch nicht, daß ich anders sprechen soll als ich denke?" Und ohne auf Bauer zu achten, setzte er trotz der sturmartig wachsenden Unruhe seine Rede fort. „Ihr seid gegen die Assimilirnng, Ihr nennt Euch Zionisten. Glaubt Ihr wirklich, Jerusalem wieder aufzubanen? Glaubt Ihr, daß unsere Judenschaft darauf eingehen wird, wenn Ihr cs antragt? Sie wird Eiich fragen: Wo ist der Messias? Wo sind die Zeichen am Himmel und auf Erden? Wo ist der Engel Gabriel? Ihr werdet darauf nur antworte», daß Ihr keinen Aberglauben kennt, und dann werdet Ihr rufen hören: Fort von uns, Ihr Gottlosen, Ihr Apikorsim, Ihr seid keine Juden!" Wüthendes Schreien und Pfeifen erbrauste nun, aber aus einer andern Ecke des Saals begann man zu rufen: „Hört, hört!" „Ich kenne unsere Juden!" ries Jizchak sich erwärmend. „Ihr aber kennt sie nicht und werdet Alles verlieren! Es gab nunmehr wenig Erzürnte und Aufgeregte. Im Gegentheil, man hörte aufmerksam zu. Jizchak sprach kühn, klangvoll, mit dem Muthe der Ueberzeugung. „Meine Herren!" sprach er »ach einer kurzen Panse. „Wenn Ihr die Juden kennen würdet, . . . wie arm sie sind . . . wenn Ihr bedenkeii wolltet, wie manches Leben dort zu Grunde geht, wie viele Fähigkeiten zersplittert werden oder über den Talmud verkümmern, wie viele Seelen nach einem Tropfen wahren Wissens verdursten, wie viele Lippen »ach einem Stückchen trockenen Brodes verschmachten, Ihr würdet Euch nicht mit solchen zwecklose» Dinge» abgeben! Suchet lieber Mittel, dem nagende» ,Elend abznhelfen! Die Juden brauchen Arbeit und Wissen. Welches Wissen werde! Ihr ihnen geben? Wird es das allgemeine sein?" „Natürlich!" riefen Mehrere. „Wie werdet Ihr Euch mit den Juden Englands oder Frankreichs, welche anders denken und sprechen, verständigen? Wollt Ihr Polnisch unterrichten, so thut es in Gemeinschaft mit den Assimilatore». Wozu die Kräfte theilen und zerbröckeln? Gebet ihnen Arbeit! Ihr wollt sie zu guten Kaufleuten, zu Handwerkern und Ackerbaliern ansbilden, dabei aber sollen sie die Rückkehr nach Palästina und ihre nationale Unabhängigkeit erstreben. Wie ist denn das möglich? Sich diesem Lande anschließen, und dabei sich nach einem anderen sehnen? Kann man da an eine dauernde Arbeit denken, das Wohl seiner Mitbewohner im Auge behalten, wen» man sortzieheu will? Die lange zurückgehaltene Leidenschaft und Entrüstung der jungen Leute schwoll nun gleich einem reißenden abwärts rauschenden Gebirgsstromc. Der Präsident läutete, Jeder schrie, der Eine dafür, der Andere dagegen; Alle lärmten zu gleicher Zeit, stießen einander und stampften mit den Füßen, die Junker aber begannen, Spaßes halber oder um Ordnung herznstellen, zu zischen St. . . Pst. . . Still sei». „Kollegen!" ließ sich jetzt Moritz's metallische Stimme vernehmen. „Ich bitte um Ruhe! Kollegen! Es ist eine wahre Schande."

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