Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228096--51393-3272137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 mit dem großen, weichen Herzen hat mehr Thränen getrocknet, als er Goldstücke besitzt. . . Und wahrend sie Alle zusmnmemzedrückt sitzen nnd ihr Leid für Minuten vergessen, tönt von der Schanke heraus süßer, feuriger Geigenton, der sich in die lallen Lüfte hinein verliert; es ist ein polnisches Lied, traurig unb übermüthig zugleich, herb tuie die Thräue, die einsallles Leid weint, itnb froh wie die Hoffnilllg eines jnllgell Herzells. Tie „Bande" spielt; sie wird heute ein glltes Geschäft machen — da drüben an der Grenze ist hellte große Hochzeit. llub während dem sitzen sie bvinncn bei wässerigem Schnaps, diese stännlligen, geschwärzten Gestalten Schllinggler und Arbeiter. Alls ihren Gesichterll ist die Leidellschast geprägt, in den schwieligen, ungeschlachten Händen halten sie abgegriffene, schilllitzige Spielkartell. Sie spielell „Koueeuia" zillll halbell Kreuzer Einsatz. Sie nlachell einen fürchterlichen Lärm; der Eine schreit, der Alldere flucht, ein Dritter pfeift ein rohes Lied unb dazwischen weint ein Kind. „Ho, ho, 's ist eine lustige Gesellschaft, bei mein Leben," ruft der alte jüdische Klltscher Ephrailll Mensche, der eben eintritt; eill alter, schlanker, bartloser Mann. Er ist hier zll Hause; zwei Mal des Tages fährt er hier vorbei mit immer neuen, traurigen Passagieren. Auch er hat bessere Zeiten gekallllt, damals, als hier der Handel blühte. Da fameu nur reiche Leute ails Rußland — aber jetzt? „Ter liebe Gott schläft jetzt eill wellig, Kinder! Wartet, lvelnl er bald mit „srischell" Angell wieder alifwacht, da wird's wieder schött werden; so loahr, wie ich Gottes Brod esse." Er ist Zlifriedell; schickt ihlli doch fein „Sohn in Amerika" jede Woche eiilell Guldell. Er hat zwar süllf Killder, aber man kolllwt schon durch. Er ist stets lustig unb immer aufgelegt zu Anekdotell lind Witzeil. Nun ulnriugtell sie ihn lmd befragten ihn um die Nelligkeitell ill der Stadt, währelld sie denl armeli Kerl hart znsetztell. Jozek, der Schillied, ein lailger, hagerer Kerl mit finsterem Gesicht, legte ihlll die eine Schmachtlocke ill die dampfende Pfeife, daß sie zll brennen aufiug. Alle lachten; selbst Ehailll, der Wirth, der stets verdrießlich war, erfaßte die Lachlllsi so sehr, daß er die Hälfte eineg Glases Branntwein verschüttete. Ich habe dieses Alles dllrch's Fellster gesehen. NlUl tueitbe ich mich ab. Es ist eine Traurigkeit in mir, die nicht weichen will. Immer lvieder lllllß ich an die amten russischen Auswanderer denken. Das Kiild wllßte wohl nicht, was dieser Menschen harrte, aber es hatte eill leises Ahllen großen KulNluers. Ich walldelte tute im Traum. Bon der Lalldstraße stieg dichter, weißer Staub auf wie eine Wand. Wald und Wiese träumten im Sonnenschein; nur daß hie unb da ein Schuß hallte oder eilte Lerche sang, bann auch voll Ferne das Herallsehllallfell eitles Zuges, das sich immer mehr verlor. Ich gehe an den weidenden, buntscheckigen Heerdetl vorbei — unb da stehe ich atu eiufamen Kreuz. Ich senke den Blick; ein unsagbares Gefühl betfemmt die Kindesseele . . Ich bemerke nicht, lvie mir Jemand zulächelt. Es ist der zwerghafte Hirt Jiszko, das „Kindchen". Eilt koutisches Mämtchell. Eilt unsörtnlicher großer Kopf sitzt ihlll auf einem kleinen, unentwickelten Körperchen. Dieses unglückliche Geschöpf ist vierzig Jahre alt. Er hat viel Freude am Lebert; immer f)at er ein blödes Lächeln auf feinem breiten, schwarzen Gesicht — aber das Gehen fällt ihm schwer, er wackelt nur so Hill. Wir lleekten ihn stets, sobald wir ihll sahen. „Jiszko — wann wirst Tll heirathett — die Gräsill will Dich doch zum Mann." Der arme Narr glaubt daran; er lacht aus Leibeskräften lmd versucht sogar zu taltzetl, aber er fällt gleich um. Nun waren wir Killder diejelligen, die illit deut Lachet! tlicht aufhören koinlten. Jetzt hatte ich keinen (Sinn für Humor — ich sehnte mich nach der Mutter. Ihr wollte ich von den armen russischen Juden erzählen. Bellend lief mir der große weiße zottige Hund Jiszkos nach, aber ich hörte lticht auf ihn. . . (Fortsetzung folgt.) Ner Iudensirngr. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) ^xis>^ach und nach entwickelte sich eine lange, lebhafte Debatte. Es handelte sich um den Entwurf der Statuten für den neuen Perein. Der erste Paragraph lautete: „Dieser Verein trägt den Namen.... Es galt eben eine entsprechende Benennung zu finde». Darüber war mehr als eine halbe Sitinde vergangen. Es war eine Menge voll Projekten aufgetaucht, welche jedoch bei der Abstimmung ausnahinslos diirchsieleu, weil fast jeder der Anwesenden einen betreffenden Antrag gestellt hatte, und nun für denselben stiinllite, so daß es schwer war, eine Mehrheit zu erlangen. „Wir verlieren unnöthigerweise unsere Zeit," ries der Vorsitzende vorwurfsvoll. „Ich beantrage den Namen „Zion"." „Gut, bravo!" riefen Manche. „Besser wäre „Ahavas Zion" (Liebe für Zion), schrie eine fchnarreilde Stimme im Jargon. Der Streit erneuerte sich; endlich wurde nach langen Debatte Moritz's Antrag angenommen. Der zweite Paragraph sprach von den Zwecken des Vereines lmd von den zu deren Verwirklichung führenden Mittel». Hier erst entbrannten Zänkereien und hitziger Streit. Mehrere Redlier waren hintereinander bemüht, diesen Absatz zu entwerfen, aber ohne Erfolg. Die Glocke des Vorsitzeilden war in steter Bewegung; die Gemüther erhitzten sich, der Lärm wuchs, in polnischer, deutscher und jüdischer Sprache wurde über das gegebene Thema poleinisirt. Jizchak saß unbeweglich in seiner Ecke, mit Leib und Seele in dieses ihm ganz neue Bild — des Parlamentarismus versunlen. Scharf und aufmerksam beobachtete er die Mitwirkenden. Er sah reich gekleidete Herrchen, welche sich langweilten und hier über Alles ein wenig spöttelten. Diese klatschten am lautesten, und zischten zuweilen, namentlich bei Bauers Reden. Höhnisch flüsterten sie einander zu: „Siehst Dil unser Moritzel? Ein Cicero! „Er spricht wie gedruckt — wie der Pfarrer von der Kanzel." „Ein Volkstribun." „Den die Assimilatoren in den Ausschuß nicht gewählt haben." „O dieser Moritz," seufzte der Eine schalkhaft, „der wird es weit bringen, bis zur Ministerbank." „Oder zum Galgen." Sie lachten und begannen gleichzeitig laut Beifall zu klatschen, als Moritz's Antrag durchgedrungen war. Jizchak wandte sich empört von seine» Nachbarn weg, und blickte mit weitgeöffneten Augen auf das strahlende, erhitzte Gesicht des Vorsitzenden, welcher mit voller Ausmerksanikeit den Rednern zuhörte, gleichzeitig ans einem Papiere etwas notirte, von Zeit zu Zeit aber dem Schriftführer oder einem herantretenden Kollegen eine Bemerkung zuflüsterte. Von diesen erregten Jizchaks größtes Interesse diejenigen, welche ärinlich gekleidet waren und auf ihren Gesichiern die Spuren schwerer Arbeit und Noth trugen. Diese »ahme» den lebhaftesten