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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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9 Mama war meine Spielgenossin »och zu einer Zeit, wo die Jugend das Spiel zu perlernen anfängt. Sie konnte kindisch sein wie ich selbst; sic wurde nochmals jung mit mir. Wir wohnten draußen im Villenviertel, wo es stets so ruhig, still und vornehm herging. Aber, obgleich mich meine Jugendkollegcn I für einen Aristokraten hielte», hatte ich doch entschieden demokratische! Neigungen. Ich liebte diese kleinen Lenke, die nahe bei uns wohnten, diese kleinen Handwerker, bei denen ein Gnldcnzeltel ein Riesenkapital ansmachte, und die dennoch in ihren gedrückten Verhältnissen so glücklich waren. Besonders gern verweilte ich bei dem französischen Schinied Fwderie Barabassou, einem hochbetagten, aber rüstigen Manne, der als Junggeselle in seinem alten verfallenen Häuschen lebte. Wenn er bei der Schmiede stand zwischen all dem alten Gerümpel und ans das glühende Eisen kräftig loshämmerte, daß die Funken in die Dunkelheit, die stets dort herrschte, stoben, während er mir Anekdoten vom großen Heldenkaiser Napoleon erzählte, da bekam meine jugendliche Phantasie Flügel, und ich schwor mir hoch und heilig, auch so groß zu werden wie Jener. Dann kam ich mit brennenden Wangen zu Mama und schüttete ihr «IT meine heißen Wünsche ans. Aber Mutter lächelte schmerzlich und schalt mich ordentlich aus. „Ach, Du mein herziger junger Prinz, diese Träume mnßt Du aufgeben. Vergiß nicht, daß Du nur ein Jude bist imb einem armen verfolgten Volke angehörst. Wie soll ein furchtsamer, verhetzter Jude ein Napoleon sein? Unser Lebensziel ist die Liebe und die Milde." Ein Jude! Noch nie war meinem kindlichen Gemülhe der Gedanke aufgestiegen, daß ich einem anderen Volke gehöre, als die meisten meiner Gespielen, daß eine ganze Welt zwischen mir und ihnen lag. Mein Vater gehörte einer Generation an, in der der Gedanke der Feindseligkeit zwischen Religion und Religion nur wenig Platz fand, und wir besannen uns deswegen nur selten ans unsere Abstammung. Nun hatten die mütterlichen Worte »reinem Herzen eine Wunde geschlagen; Tag und Nacht dachte ich darüber nach, daß ich ganz ernst mrd verschüchtert ivnrde. „Märchenmama" mußte mich nun mit ganz anderen Geschichten in den Schlaf einhifle» als früher. Und es waren keine holden, goldigen Märchen mehr, sondern jene Leidensgeschichten unseres Volkes, die so traurig klingen wie die Lieder der Wüste, wie eine einzige herbe Thräne, die nimmer versiegen will. Und auf meinen Lippen lag stets ein bitteres: Warum? Seit damals wurde ich ernster und verlernte das Spiel; cs war i etwas wie jugendlicher Fanatismus über mich gekommen, und ich j begann sie Alle zu hassen: den Schmied Barabassou, der mir nun ' so fremd und feindselig vorkam, trotzdem er mir noch liebe Worte! sagte — aber er haßte ja die armen Inden ... llnd Feindschaft 1 empfand ich meinen Schulkollegen gegenüber, die mir einmal das i häßliche Wort: Judenjunge! zuriefen. Es hatte in mir eine Wnth i geweckt, daß ich in meiner Ohnmacht weinte. j Und einmal stand ich in der Judengasse, wo ich noch nie gej wesen, dieses trübe, armselige Viertel, mit gekrümmten, schmutzigen j Häuschen, die der Wind unnverfen fomite; wo die Sonne nur selten! hineinleuchtet; wo Blumen nie blühen und die Menschen nie lachen, ein trauriger Friedhof der Lebenden, wo die Sorge ewig weilt und stets das öde Freier des Fanatismus brennt. Und ich sah all' diese traurigen Gestalten in schmutzigen, zerfetzten Kleidern, mit gekrümmten Rücken und wirren Gedanken; diese Frauen, denen die Anmuth fremd ist und alle Poesie der Weiblichkeit; schmutzige Kinder, die sich um einen Bissen Brod herumbalgten; frühreif, fern aller kindlichen Naivctät. Und ich sah diese schrecklich große, gewaltige Synagoge, alt, geschwärzt und verstaubt, ohne den Zauber verfeinerter Architektur, die Stein gewordene Dogmatik des Talmud. Mir tvar furchtbar traurig zu Muthe geworden. Uiid daun ergriff mich ein brennender Neid gegen die Andern, denen alles Glück gegönnt war, die leben dursten im Sonnenschein eines freien unbestrittenen Lebens; sic, die ihren Heiland nun jetzt weniger verstehen als wir . . . Zum ersten Mal in meinem jungen Leben sah ich das Elend i» seiner grauen Farbe vor mir, daß ich mich entsetzt und verletzt fühlte. Danir kam ich wieder zur Mutter, und während die Thränen mich schier erstickten, preßte ich die 'Worte hervor: „Mutter, Mutter, wenn ich kein Napoleon werden kann, ich will ein Moses sein. C, cs wäre schön Maina! Uiid ich ivill ihnen Allen helfen, diesen arme», armen Menschen." Mama lächelte wie verklärt: „Ja, mein kleiner Prinz, werde eilt Moses, der sich nicht scheute, seine Glaubensgenossen vierzig Jahre durch endlose Wüsten zu führen, uiib der nicht murrte und haderte, als er Vor dem gelobten Lande znsannileiibrcchen mußte . . Seit damals ivnrde ich ein Anderer; es war etwas wie herber Eriist über inich gekonnnen. Aber ich blieb der alte, närrische Träumer. Wie oft, wenn ich meine Schnlanfgaben beendet, schlich ich mich ganz einsam hinaus ins Freie, zur großen, niieiidlich großen Wiese, die zur russischen Grenze hinübersührt. Wie war es dort schön und still an schönen Frühlings-, Sommer- oder Herbsttagen. Ta lag die Stadt weit hinter mir mit all ihren alte» Thürmen imb Dächern, die das Sonnenlicht vergoldete; lind die Vorstadt mit ihren kleine», sauber» Hänschen iiiid Gärten, von wo ein süßer, betäubender Dust herüberwehte. Da schaute ich den Tanben zii, die sich im Sonnenlicht badeten; oder ich horchte auf den zarten Gesang der Lerche», und eine stille Freude überkam inich. Und am WaldeSrand an der Landstraße da stand das einsame Wirthshans — gerade der Stadt gegenüber. Ta kamen sic ans Rußland hierher, in vollbepackten, elende» Wagen, all die Answandercr, arme Inden, mit Weib und Kind, mit ihrer armseligen Habe imb mit zerdrückten Hoffnungen, llnd das Elend stand ans ihren Gesichtern geschrieben mit unheimlichen Schriftzügen. Amerikakandidate»! Tort drüben mußte ja das Glück ivohnen; iii jenem freien Lande wollten sie all die Schmach und Pein vergessen, die sie in der Hcimath gesunden. Ich sehe sie noch Alle vor mir, diese traurigen Gestalten; ehrwürdige, gebrochene Greise mit einem kleinen Bündel auf dein Rücken, den alten Gott im Herzen und die alte Weisheit im Hirn, die so wenig iiis Leben der neuen Zeit hineinpaßt; früh gebeugte Jünglinge, deren einzige Erfahrung das Unglück gewesen; Kinder, denen nie ein Tag hold gewesen — und all diese jungen Mädchen mit glühenden Augen imb seinen Gesichtern, nicht für tändelnde Liebe und nur für die harte Pflicht geboren. Menscheinvaare. Und während sie ihr hartes, schwarzes Brod verzehren, sagen sie sich unter Seufzern Trostesworte z». „Amerika! Nur noch wenige Tage, und die Hilfe wird konnnen beflügelte» Schrittes. Ter „Agent" hat es ja gesagt; n»d der „Agent" — Gott segne ihn — muß cs ja wisse», llnd erst der theuerc Baron Hirsch. Kinder, nur froh, Gott hat noch nie einen ehrlichen Inden verlassen, er, der sogar de» Vögel» uiid Würmern Speisung giebt. . ." Tiefen arnlkii Menschen ist der „Baron Hirsch" der neue Moses, der sie ans der Wüste führt z» Licht und Freiheit; dieser F aim

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