Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 in reicher Fülle bunt durch einander belletristische Skizzen, politische Artikel und Broschüren, wissenschaftliche Monographien aus seiner Feder. Selbst im Jahre 1848 ist er nicht allein Politiker, sondern anch Poet und Naturforscher, und als er 1853 die „Volkszeitung" begründet, scheint die Arbeitslast seine Kraft nur zu verdoppeln; er redigirt das Blatt, schreibt die politischen und volkswirthschaftlichen Artikel zum großen Theil selbst, tnspirirt dir anderen, beginnt für das Feuilleton jene Reihe populärer Skizzen, welche zuerst die Kenntnih der Resultate moderner Naturforschung dem großen Publikum vermittelt, und findet daneben die Zeit, Sammlungen dieser kleineren Arbeiten sorglich zu redigiren. So geht es durch Jahre, durch Jahrzehnte, und um sich daneben „eine Erholung zu gönnen", macht er nicht etwa Ferienreisen, sondern schreibt, auf die Studien seiner ersten Jugend znrückgreifend, sie vermehrend und vertiefend, mit gründlichstem Wissen und kühnem Forschermuth sein Buch: „Ursprung der Sagen von Abraham, Isaak und Jakob" (1871). Als ihn die zunehmenden Gebrechen des Alters zwingen, die Redaktions-Arbeit Anderen zu überlassen, bleibt er doch der eifrigste Leitartikler und Jeuilletonist der „Volkszeitung", läßt fast jährlich ein Buch erscheinen (das letzte über Schulze-Delitzsch) und errichtet sich daneben, „um sich zu Hause zu beschäftigen", ein physikalisches Laboratorium, in welchem er sehr namhafte und nützliche „Spielereien" zu Stande bringt. Erst der Tod entwindet der nimmermüden Hand den Draht und die Feder. Ich sagte schon, das ist nicht mehr, als alle Quellen sage», aber cs genügt für die Zwecke dieser Darstellung, und eine Bereicherung dieser äußeren Daten wäre dafür nicht fruchtbar. Andere Lücken hingegen empfinde ich schmerzlich. Die oben erwähnten „Novellen und Lebensbilder" sind mir unbekannt geblieben; ich konnte sie nirgendwo auftreiben. Die Angabe, daß Bernstein seine beiden Ghetto-Geschichten gegen Ende der dreißiger Jahre geschrieben, beruht zwar auf sonst verläßlicher Quelle, doch habe ich keinen Beleg dafür; denn auch die beiden Jahrgänge jenes Kalenders, für den sie Bernstein schrieb, habe ich nie zu Gesichte bekommen können, weiß nicht einmal anzugeben, welcher Kalender es war. Besitzt ein freundlicher Leser diese Bücher und will sie mir baldigst für einige Tage leihen, so wäre ich ihm dafür sehr verbunden. Erfüllt sich die Hoffnung, diese Lücken »och in zwölfter Stunde auf diesem Wege ausgefüllt zu sehen, nicht, so lasse ich die Arbeit folgen, wie sie mir vorliegt, rmd tröste mich damit, daß ich nicht weniger geboten, als ich versprochen habe: einige Bemerkungen und Mittheilunge»; vor Allein aber: genau so viel, als ich bieten konnte. . . . =v?:...i-rT.v- -1 .X&1 i— ii'.nunwiLrtiiiET? ( i FEUILLETON Ü! «I sJ dä^SXiidiiL {TS, — .. “ 1 —-i Vorurtheile. Novelle von Hermann Menkes. war ein schwüler Frühlingstag, obgleich wir über den April x-Oc) noch nicht hinaus waren. 9 ' Kein Lüftchen; eine bleierne Ruhe lag über dem kleinen Heimathsstädtchen, das ich nun nach mehreren Jahren des Fernseins wieder aufgesucht hatte. Von der Sonne war nichts zu sehen, ein Halbdunkel herrschte, das erschlaffend auf alle Sinne wirkte. Ich sehnte ein Ungewitter herbei, so einen rechten Sturm mit Donner und Blitz, aber nichts kam, nur immerfort herrschte diese einlullende Schläfrigkeit draußen. Wie verschlafen klangen auch die Schläge der Stadtuhr, ich zählte sie nicht, ich hörte sie nur wie im Traume. Da und dort schlich Jemand die Straße vorüber, vor einem Geschäft wurde ein schwer bepackter Wagen abgeladen, daß er ächzte; von fern das Krähen eines Hahnes, das Ausweinen eines Kindes, Tellergeklapper. Und ich begann mich nach Luft, Sonnenschein und schweren Regentropfen zu sehnen. In meinem Zimmer herrschte der betäubende Duft überreifer Blattpflanzen. Dann lag Alles übereinander; die Albuins, die ich schon unzählige Male durchblättert hatte, in alten Erinnerungen wühlend, die ich längst begraben glaubte. Und dann all die tausend kleinen Sachen, die ich in der Hand gehalten hatte, Kleinigkeiten, die mir einst so viel Freude bereitet hatten und die mich nun, zu meiner Enttäuschung, nicht mehr interessirte». Mama hatte vollauf in der Küche zu thun, und ich hatte heute mit ihr eigentlich noch kein Wort gewechselt. Wie Vieles hatte ich ihr zu sagen mir vorgenommen, die trübe Geschichte all der seelischen und äußeren Kämpfe, die ich in der Fremde durchmachen mußte, die mich umgewandelt und mir Vieles von meinem früheren Menschen geraubt, eine lange, verhaltene Klage über die Enttäuschungen, die ich gefunden; und am Mutterherzen wollte ich mich ansjubeln über das Glück, das ich gefunden fürs Leben; von meiner großen Liebe wollte ich ihr erzählen, die mich nun ganz erfüllte. Aber als ich nun die heißgeliebte Mutter wiedersah, da war es nur ein einziger süß schmerzlicher Jubelschrei, der sich »ns entrang, aber kein Wort wollte über unsere Lippen kommen. Die Fremde lag zwischen uns wie ein Bann, und vom lieben Muttergesicht las ich eine leise, schmerzliche Enttäuschung. Sie mochte sich Alles viel schöner dargestrllt haben in den Träumen dieser langen, schmerzvollen Jahre; ihre Sehnsucht mochte ihr nun andere Bilder vorgegaukelt haben, die ihr nun nicht in Erfüllung gegangen. „Du bist so blaß und schmächtig geworden, mein Heinrich, und gar so schweigsam — ach!" hatte sie schmerzlich gesagt. „Nein, Muttchen, es ist nur die Uebermüdung! Warte, morgen, wenn ich mich erholt haben werde, da sollst Du Deinen frischen, fröhlichen Jungen wieder haben, wie Du ihn gern gehabt hast." Aber daran glaubte ich nun selbst nicht. Wie sie nun aussah, die arme, gealterte Frau. Mir gab es einen Stich ins Herz. Was mußte das für eine traurige Zeit für sie gewesen sein, seit ich fort war, eine Zeit steter Entbehrungen und Sorgen; sie hatte nun in kleinen, drückenden Verhältnissen leben müssen, an die sie nicht gewöhnt war, sie mit ihren aristokratischen Gefühlen und feinen Bedürfnissen. Wie war es früher anders, als Papa noch lebte; sie war sein verzogenes Kind, stets von Liebe umgeben. Auch nachher, viele Jahre nach seinem Tode hatte sie noch den Schimmer einstiger Schönheit und noch einen kleinen Rest melancholischen Frohsinns und Hoffnnngskraft. Sie war meine süße „Märchen-Mama", wie ich sie stets nannte; an mich klammerte sie sich leidenschaftlich; in mich legte sie nun den letzten Rest ihrer Hoffnungen, ich war nun der Sonnenschein, der ihr fürs Leben, das doch nicht mehr ein Ganzes sein konnte, leuchten sollte. Und ich hing an ihr mit einer schwärmerischen Liebe, wie man sie nur bei Kindern, die früh ihren Vater verloren, findet.