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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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7 möchte, ist entweder schon längst vorüber oder noch gar nicht gekommen. Ich stehe am Ende meines Lebens noch so ganz mitten int Kampfe der Gegenwart, das; ich kaum die Hoffnung hegen darf, ein verständliches Bild meiner Vergangenheit zn entwerfen. Ztt meinent Trost gereicht es mir, daß nach drin Ablauf meines Daseins noch seelenktindige Talettte hinterbleiben werden, die dasjenige künstlerisch konstrniren werden, was ich faktisch darzustellen nicht vermag. Die siebzig Jahre, welche ich am 6. April dieses Jahres werde durchlebt haben, sind in dem entwickelungsfähigen Jndenthum gleich einem Jahrtattsend, in welchem andere Völkergruppeu und Bölkertypen sich aus der Dunkelheit mittelalterlicher Vorurtheile bis zur Klärung und Aufklärung der Gegenwart emporgearbeitet haben. Das ist eine Wahrheit, die Ihnen tticht fremd ist. Fassen Sie einen der Ringer ans jenem Enlwickelmigskampfe auf, so wird es auch auf mich passett. Die Person verweht, aber der Ringkampf bleibt, gleichviel, ob der Kämpfer Franzos oder Bernstein heißt. Ich überblicke, toas ich eben niedergeschrieben, und nehnte wahr, daß ich immer noch der Träumer bin, der ich stets gewesen, wenn ich über die Probleme meines Lebens nachdachte. So will ich es denn gut machen und Ihnen eine kleitte Szene aus neuester Zeit schildert!, welche mir eine wahre Geschichte aus meiner frühesten Jugendzeit in lebhafte Erinnerung gerufen hat. Bor einigen Wochen besuchte mich der rühmlichst bekannte Rabbiner Dr. Hantburger, ein gründlicher Kenner und Bearbeiter des Talntuds und der Midraschim. Er fand mich in nteinem kleinen Privatlaboratori ltnt mit einer elektro-chemischen Arbeit beschäftigt, der er freundlich znsah. „Was machen Sie denn da?" fragte er. „Ich sitze hier und berechne die Tage des MessiaS; man nennt sie nur so nicht mehr; sie heißen jetzt: das elektro-dynamische Zeitalter." „Glauben Sie, daß er kommt?" „Gewiß," antwortete ich. „Er muß kommen, denn ich will ihn eben herbeizaubern." „Haben Sie früher auch an sein Konunen geglaubt?" „Jawohl," sagte ich, „das sollen Sie gleich hören." Nachdem ich beit Platinadraht, den ich in Glas einschmelzen wollte, aus der Hand gelegt hatte, theilte ich ihm folgende wahre Geschichte ans meiner Knabenzeit mit: „Es war im Jahre 1820, als ich, ein Knabe von acht Jahren, aut Sabbath nach Mincha an der Seite nteines Vaters hinausging aus der Stadt Danzig bis nach der Stelle, wo die Weichsel in breitem Zuge der Ostsee zueilt. Die Nachmittagssonne beleuchtete die herrliche weite Wasserfläche, auf der man in der Ferne einen Streifen des Meerestiefblan beit Horizont begrenzen sah. Meitt Auge blickte nach der Stelle hin, wo Wasser unb Himmel sich berührten. Da vernahm mein Ohr, wie der Vater itt stiller Andacht den Psalm 104 rezitirte, in welchem es heißt: „Siehe das Meer, wie breit es ist und wie groß! Da wimmelt es ohne Zahl von großen und kleinen Thieren. Dahin wandern die Schiffe und der Leviatan, den Du hast geschaffen, darin zu spielen." Mein Herz schwoll, gehoben von der Poesie und der Schönheit des Psaltnes, der mir sehr wohl bekannt tvar. Da plötzlich erhielt ich einen Schlag auf den Kopf. Ein Schiffsknecht war hinter uns herangeschlichen. Er schrie hohttlachettd meinem Vater „Jude" zu, spie ihm auf den halbergrauten breiten Bart und ging lachend weiter. Ich schrie auf und wollte den Vösewicht Nacheilen, um mich in irgend einer Weise an ihm zu rächen. I Aber der Vater, der sehr wohl sah, was in mir vorging, hielt mich lächelnd zurück und sprach zu ntir mit seiner tnildeu Stimme, während er mit dein Taschentuch seilten Bart abwischte: „Mein Sohn, sei ruhig! Er hat sich an meinent Bart vergriffen, das ist ein gutes Zeichen, denn das sind Vorläufer der Messiaszeiten. Es steht ja geschriebett, — und er zitirte die Worte. Mir gingen die Augen auf über das fromme Wortspiel. Der Vers des Propheten lautete: „Vergreifen wird sich der Bursche an beut Greis." Aber das Wort Greis heißt auch „Bart". Noch mit Thronen tut Auge erhob mich die treffende Auslegung dieses Verses in heiliger Weihe und der Glaube an die nahenden Tage des Messias wuchs in ntir zu unerschütterlicher Ueberzeugung." „Und wann sind Sie dieser Ueberzeugung untreu geworden?" „Niemals! Ich bin derselbe tvie damals; aber mein Messias hat sich sehr verändert. Ich habe ihn komtnen sehen, als ich die erste Arbeit von mir gedruckt sah. Ich sah ihn kommen, als ich die erste Lokomotive erblickte, ich sah ihn in der Zeit der Telegraphie unb arbeitete ihm vor durch die Erfindung, wie matt ztvei Depeschett gleichzeitig auf einem Draht absenden kann. Er erschien ntir inuner unb immer in neuer Gestalt, itt jeder Epoche sittlicher Erhebung, politischen Fortschritts, naturwissenschaftlicher Erfindung. Heute arbeite ich ihm vor mit der Koustruirnng eines neuen elektrischen Lichtes. Sollte ich sein Konunen nicht erleben, so will ich tneinen Kindern die Hoffnung auf ihn empfehlen, gleichviel unter welchem Nanten sich das Ideal der Versittlichtutg und der geistigen Erhebung des Menschengeschlechts wieder und wiederunt melden wird. Bis dahin aber sollen sich meine Kinder itt gleichem guten Glauben wie ich damals über bett Schlag auf meinen Kopf unb die Brutalität gegen meinen Vater trösten, beim es bleibt sich ja gleich, ob der Schlag von einem Schiffsknecht oder von einem Hofprediger kommt. Nun aber genug, mein lieber Herr Franzos! Bleiben Sie gewogen Ihrem u. s. w." Dieser Zweite war zugleich sein letzter Brief an mich. Am 12. Februar 1881 ist er gestorben. Das ist Alles, was ich aus Eigettent zur Kenntniß des Menschen beizttbringeu verntag. Wie wenig es ist, empfittde ich selbst, aber allznwenig ist es doch wohl nicht. Für seit! Wohlwollett, sein heißes Gerechtigkeitsgefühl haben wir hier unwiderlegliche Zeugnisse, ebettso für die Eigenart seiner ästhetischen Betrachtung, für seine Auffassung von den Pflichten des Schriftstellers jüdischen Stammes. Und der Brief vollends ist, wemt man ihn recht zu lesen versteht, ein so werthvolles Dokument zu seiner Erkettntniß, tvie man es irgend wünschen kann. lieber seinen äußeren Lebensgang weiß ich nicht mehr, als jedes Konversationslexikon sagt. Als Sohtt armer Eltern zu Danzig geboren, erhält er eine orthodox-jüdische Erziehung, die sich auf Bibel und Talmud beschränkt. Sein Bildungsdrang fuhrt ihm deutsche Bücher in die Hand, er bricht mit den Traditionen feiner Kindheit, geht nach Berlin, macht humanistische Studien, widmet sich den Naturwissenschaften und wird zum Doktor promovirt. Aber auch damals schon schreibt er für Journale, unb gleichzeitig mit der Frucht seiner hebräischen Studien, der Uebersetzung und Auslegung des „Hohen Liedes" (1834), gehen die Vorarbeiten zu feiner werthvolten Monographie : „Ueber die Rotation der Planeten". Ohne diese streng wissenschaftliche Thütigkeit zu lassen, verstärkt er seine Wirksamkeit als Publizist und wird daneben, nachdem bereits ein Buch poetischen Jnbalts: „Novellen unb Lebensbilder" (1838), voratugegangea, gegen Ende der dreißiger Jahre der Begründer der Ghetto-Novelle mtd für alle Zeit einer der hervorragendsten Dichter auf diesem Gebiete. Bon da ab fließen

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