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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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6 westlicher Formen; namentlich bedeuteten dort Verfassungen und Parlamenle heute nur ein Possenspiel. Der Leitartikler glaubte mir dies Alles, ober das; er mir auch das Letzte glauben nmßte, brachte ihn zu dem Schluß: Könne diese Völker wirklich selbst eine demokratische Verfassung nicht gesunden lassen, dann seien sie todtkrank und zum „schmerzhaften Absterben" vernrtheilt. Das schien mir ein unhistorischcr, dogmatischer Standpunkt, zu dem mir keine Brücke führte. Aber derselbe Artikel sprach auch mit einem so feinen, liebevollen Verständnis; von meinen künstlerischen Absichten, wie es mir vorher nicht begegnet ivar. Derlei beglückt immer mehr als das lauteste Lob. Wer war der seltsame Alaun, der über novellistische .Knltnrbilder einen Leitartikel schrieb und mit so viel starrem, kaltem, demokratischem Togmencifer ein so warmes, lveiches Verständlich für künstlerisches Streben vereinigte?! Schon der Erste, den ich fragte, konnte etz mir sagen: Leopold Kompert. „Das kann nur Bernstein sein. Sie kennen doch seine Novellen?" Ich mußte die Frage verneinen. Das lvar nun freilich nicht meine Schuld, sondern die des vortreffliche» Mannes, aus dessen Bücherschrank ich vier Jahre zuvor in Pest mehrere Novellisten des Ghetto, namentlich Kompert kenne» gelernt hatte. Es war Adolf Dur, selbst Verfasser einer ansgezeichiicten Ghetto-Novelle: „Verbauert'"'. Dieser seine und gute Mann, eines jener vielen dichterischen Talente, die der Moloch Journalismus verschluckt hat, erwiederte mir auf die Frage, ob er mir nicht auch Bernstein leihen könne: „Reiti! Ich habe einmal eine seiner Novellen zu lese» versucht, aber gleich auf der ersten Seite traf ich auf eine hebräische Stelle, die angeblich einen Witz enthalten sollte, und die ich nur halb verstand. Tann kam eine ztveite, dritte, vierte, wo es mir ebenso oder noch schlimmer ging. Da schlug ich das Buch zu. Ein Dichter, der für den Leser die Kenntnis; einer fremden Sprache voranSsetzt, ist, künstlerisch genDiümen, ein Barbar." Das hatte niich abgeschreckt. „Ja," gab auch Kompert zu, „das ist künstlerisch nicht z» recht' fertigen. Alle hat Dur die Nebensache zu einer Hauptsache gemacht. Lesen Sie die Novellen. Ich köimtc Sie fast um die Freude beneide», die Ihnen da noch bevorsteht." So las >ch im nächsten Winter die beiden Bändcheit. Wie viel sie mir geworden und geblieben sind, habe ich bereits gesagt. Bald darauf zwang mich eine Pflicht der Dankbarkeit, a» Bernstein zu schreiben. Wie mein Buch: „Tie Inden von Barnow" nach seinem Erscheinen von einigen jüdischen Blättert! begrüßt wurde, hat erst kürzlich eine freundliche Feder an dieser Stelle angedeutet; ich darf daher darüber schweigen. -Aber zur Sache gehört, das; sich namentlich ein Herr ans Jassy dabei durch Geist und Feinheit hervorlhat. Ihm genügte auch bald die Prosa nicht, und eines Tages erfreute er mich durch ein poetisches Angebinde in Form eines Flugblattes. Zwei Strophen — die erste und die vierte — mus; ich hierher setzen: „Kennst Du das Thier auf Barnow's Haide, Das sei» Jnn'res selbst zerwühlet. Hackt die Klauen ins Eingeweide, Und der Wunde Schmerz nicht fühlet — Wirft den Koth ins eig'ne Gehäuse, Leckt die Brut mit ätzendem Geifer, Scheußlich grinst's, in schauriger Weise Neckt's die Seinen mit wildem Eifer." So ging's Strophe um Strophe. Die Form war ja, wie man sieht, nicht ganz glatt, aber die Sprache kräftig. Je ein Exeinplar dieser Dichtung lvnrde vielen hervorragenden Glaubensgenossen zugeschickt, ob von deni Dichter selbst oder seinen Bewunderern weiß ich nicht. Kompert kam, obwohl gerade sehr leidend, sofort nach Empfang zu mir. Der edle Man» war tief erregt. „Wie schäm' ich mich," sagte er, „das; auch dieser Mensch ein Jude ist! Was soll ein Christ, der diese Verse liest, von unserem Stannne haltend!" Er wolle, wenn es mir recht sei, öffentlich ei» Wort darüber sagen. Ich bat ihn, es nicht zu thu»; von einem Kompert bekämpft zu werden, verdiene ein solcher Mann nicht. Kurz darauf sandte mir mein Verleger einen Aufsatz von Bernstein. Es habe Alles seine Grenzen, führte er darin aus, auch das Treiben gegen mich. Es sei richtig, das; ich die Juden nicht idealisirt, aber sei dies die Pflicht des jüdischen Schriftstellers und nütze er hierdurch seinen Glanbensbrüdern?! Wenn das Bild, das sich aus meinen Schilderungen ergebe, allerdings düsterer sei, als es die anderen Dichter des Ghetto gemalt, so seien ztvei Dinge zur Rechtfertigung anznführen: daß der Jude des Ostens, wenn auch nicht durch seine Schuld oder doch nicht durch diese allein tiefer stehe als der böhmische oder deutsche; und ferner der Zweck, den ich verfolgte: die formelle Gleichberechtigung sei gesetzlich garantirt, die faktische könne nur durch die Entnationalisirung, die Assimilirung, bewirkt werde». Ich dankte ihm und fragte an, ob er einen besonderen Anlaß zu dem Aufsatz gehabt. Er ertviederle erst »ach Wochen, wie er denn überhaupt nicht leicht zu einem Brief kam; den „trägsten Briefschreiber in Mittel- Europa" hat ihn einmal Auerbach mir gegenüber genannt. Ja, war die Antwort, der Anlas; sei jene Tichtnug gewesen. Ihm hätten namentlich zwei Strophen, die oben zitirten, „das Blut in die Wangen getrieben". Er verkenne ja tveder die klnbildnng des Mannes, noch die geringe Tragweite seines Geschosses, aber daß derlei noch heutzutage Vorkommen könne, sei doch schmerzlich zu erfahren. Der Brief schloß mit der Einladung, ihn aiifzusuchen, wenn ich nach Berlin käme Das fügte sich auch bald darauf, aber da war er nicht in der Stadt. Im nächsten Jahr traf ich ihn wieder nicht in der Redaktion an; auf meine Frage »ach seiner Wohnung wurde mir zögernd geantwortet, das werde mir nichts nützen, denn dort sei er erst recht nicht zu sprechen. Gleichtvohl sollte ich diele Wohnung kennen lernen, freilich erst nachdem er längst tobt war. Als ich 1888, ein Jahr nach meiner Uebersiedelinig nach Berlin, den Besuch eines jüdischen Gelehrten empfing, sagte er lächelnd: „Merklvürdig, Ihr Schreibtisch steht an derselben Stelle." — „An welcher Stelle?" fragte ich erstaunt. — „Wo der Bernsteins stand," war die Antwort. Ein seltsamer Zufall hatte inich bei meiner Uebersiedelinig nach Berlin unter den Tausenden von Wohnungen gerade diese wühlen lassen. . . . Wir sind einander nie begegnet, und doch hat er mich einmal eines Einblickes in sein tiefstes Innere gewürdigt. Als ich im März 1883 zufällig las, er sei am 6. April 1812 geboren, da beschloß ich, zu seinem siebzigsten Geburtstag über ihn zu schreiben, und »ahm mir die Quellen her. Aber ich fand nur dürftige Notizen tlnd nicht die winzigste Andeutung über seinen Entwickelungsgang. Sv schrieb ich ihm denn, ob er mir nicht Einiges darüber mittheilen wolle, namentlich auch, warinn er nur diese beiden Ghetto-Geschichten geschrieben. Hier seine Antwort: „Seit vier Wochen liegt Ihr Brief vor mir auf dem Schreibtisch und stellt alltäglich auf's Neue an mich die Frage, wie ich wohl im Stande wäre, Ihnen eine gleiche Freude zu bereiten, wie die, welche sie mir erregt haben. Die Antwort weis; ich ja: Ihnen würde ein Einblick in die Entwickelnng meiner Thätigkeit und meines Jngendlebens genügen. Aber die Zeit, in welcher ich dergleichen objektiv darztistellen ver-

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