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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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5 Pferde in Landau voraus und hatte wohl eine Stunde Wegs gemacht. Die Deutschen der dortigen Gegend und tiefer jenseits des Rheins hinauf haben einen gar sonderbaren Dialekt, der dem Judenidiom i» Polen nicht ganz unähnlich ist. Ich glaube doch, ziemlich rein und richtig deutsch zu sprechen; desto schnurriger mußte es mir Vorkommen, daß ich dort wegen eben dieser I Aussprache für einen Juden gehalten wurde. Ich saß j unter einem Nußbaum und aß Obst, als sich ein Manu zu mir! setzte... Ein Wort gab das andere, und er fragte mich in seiner; lieblichen Mundart: „Der Härr sapn «in Jüd ntt riihsen uacher; Mühnz?" „Ich reise nach Mainz, aber ich bin kein Jude. Warum! glaubt Er, daß ich ein Jude sei?" „Wühl der Harr akkeroht spricht mit am Jüd." — Seume meint dazu, man habe ihm zu Hause! manches Kompliment über seine Sprache gemacht, ein solches aber j sei nicht darunter gewesen. Jedenfalls enthält das Bekenntuiß seines Reisegefährten ein zwar nicht geivolltes, aber tun so werthvolleres j Kompliment für die gebildeten Juden jener Zeit. Seumes Spazier-; gaug von Syrakus nach Leipzig fand im Jahre 1802 statt. Die! Fortschritte, welche seitdem die Juden in der deutschen Sprache! gemacht haben, sind so ziemlich dem ganze» gebildeten Deutschland,! mit Ausnahme einiger stilistischer und anderweitiger Querköpfe vom Kaliber des Herrn Max Bewer, zu Gtite gekommen. Der moderne Zeitungsstil, und nicht etwa der verlotterte, hat wohl von Börne seine besten Impulse erhalten, und die geistreiche Art zu plaudern, wie es unsere besten Feuilletonisteu üben und das Publikum es liebt, führt man gern auf Heine zurück, desseit vollendete Art zu schreiben bisher noch von keinem teutonischen Schriftsteller nach Goethe erreicht worden sein soll! Eigcnthümlich wirkt es ferner, daß der deutsche Schriftsteller, der nach Hebel den volksthümlicheu Ton am besten zu treffen wußte, der Jude Auerbach gewesen. Und die Resultate! deutschen Denkerfleißes hat der Jude Bernstein dem Volke und der j Jugend in unübertroffener Weise zugänglich gemacht. Von beiden Schriststellern findet man vortreffliche Sachen in allen guten Lesebüchern; mau würde auch zu Nutz und Frommen der detttschen Jugend, besonders auch in stilistischer Hinsicht, noch mehr von diesen Autoren verwenden, wenn sich nicht der litterarische Antisemitismus; geltend machte. Hot doch schon vor Jahren ein bekannter, seitdem l verstorbener Schulrath Auerbachs Schriften als Lektüre für „deutsche Leser" vertvorfen, weil der Verfasser ein Jude gewesen. Alle bis-! herigen Leistungen des litterarische» Antisemitismus aber lassen heule schon den Schluß zu, daß er niemals Männer von der Sprach- , gemalt viel kleiner als Heine und Börne, Auerbach und Bern- I stein hervorbriugen wird. Ebensotvenig wird es, trotz aller widerlichen Selbstberäucherung, ei» antisemitischer Parlamentarier zu der l vollendeten Beredtsamkeit, zu der unerreichten Sprachbeherrschung Ludwig Bambergers bringen, die selbst Fürst Bismarck widerwillig anerkennen mußte. Vielleicht holt sich aber mancher antisemitische i Redakteur und judenfresserische Schriftsteller in schwierigen sprachlichen Fällen s jetzt ebenso bei Daniel Sanders Rath, wie er früher bei seinen Schulaufsützen die Arbeiten oder die überlegenen stilistischen Fähigkeiten jüdischer Kameraden zu Hilfe gezogen. Die sogenannten Judeublätter sind gar häufig Quelle und Vorbild zugleich der antisemitischen „Litteralur". — Die vorangegangene kleine Blumeulese dürste den Beweis erbringen, daß „die Juden doch einige Verdienste um die deutsche Sprache besitzen, um die sie ihre Gegner eigentlich beneide» dürften." Uebrigeus sind wir, „um beiden Theilen gerecht ztt werden," gelegentlich auch gern bereit, die Sprechsündeu der „antisemitischen Schriftsteller" aufzudeckeu. II. a. w. g. Ueber A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. I. f ie Liebe macht blind, sagt das Sprichwort. Aber das gilt nur von der Liebe, die im Blut sitzt und es toll durch die Adern jagt. Tie Liebe im Gemüth macht sehend. War» anders, ich dürste cs kaum unternehmen, mich öffentlich über David Aaron Bernstein und seine beide» Geschichten „Vögele der Maggid" lind „Mendel Gibbor" zu äußern, denn diese Geschichten sind mir sehr theuer und darum auch der Mann, der sie geschrieben hat. Spät habe ich sie kennen gelernt, in Jahren, wo mau vergleicht, prüft und wägt; dennoch sind sie mir zu rechten Lebensgefährten geworden, die ich nicht mehr entbehren könnte. Ta liegt eS ja nahe, mir zu sagen: „Tie Schwächen solcher Geführten kann Niemand darlegen, weil er ihrer nicht mehr betvußt ist; das wird eine Lobrede, keine gerecht abmessende kritische Untersuchung, die einem bedeutenden Dichter gegenüber die würdigste öffentliche Form der Huldigung ist." Ich stimme diesem Letzten zu und lege die Feder doch nicht tvieder hi». Gerade meine Liebe wird mich, hoff' ich, gerecht sein lasse» und vor jedem Ueberschtvang bewahren. Freilich, eine erschöpfende kritische Untersuchung darf dieser,Anfsatz doch nicht geben wolle». Nur weit weniger: einige Bemerkungen und Mittheilnngeit. Ich kann nicht mehr bieten, weil ich zu wenig von Bernstein weiß. Bor Allem fehlt mir eins: die Keniüniß seiner Persönlichkeit, j Hätte ich ihn nur einmal eine Stunde lang gesprochen, ich fühlte j mich bei dieser Arbeit viel sicherer. Zum vollen genauen Verständnis; des Dichters verhilst itichts so sehr, als die Kenutniß des Menschen Es ist ja möglich, ohne sie auszukommen -- was singen wir sonst bei Tobten an! aber nicht leicht. Auch ist sie immer wünschenswerth. Selbst wenn uns der Mensch scheinbar oder in Wahrheit »och so sehr enttäuschen, Ivenn er das Urthe.il über de» Dichter, das wir »ns gebildet haben, verivirreu sollte. Wenn dem so ist, dann war cs eben nicht das richtige Urtheil, oder wir haben von den; Mensche» einen flüchtigen, trügenden Eindruck gewonnen. Das Letzte ist unendlich häufiger der Fall als das Erste. Tenn so viel ist gewiß, es ist noch selten Jemand ein echter Dichter geworden und gebliebem »ud dabei ein unechter Mensch gewesen; ein Talent ohne Eharakter verpufft wie eine Rakete; ivo uns ei» ruhiger, stetiger Schein entgegenleuchtet, da dürfen wir getrost voraussetzen, das; neben dem Docht des Talents das Lei des Eharatters nicht fehlt. Der Docht ist'S, der sich zuerst entzündet, und seine Stärke bestimmt die Leuchtkraft, aber ohne da? Lel des Ehamklers würde er bald erlöschen. Ohm, Bernstein feinten z» lernen, war mir nicht vergönnt. Und diese Lücke anszusüllen, indem ich mündliche Urtheitc Anderer, Lob und Tadel wiedergebe, scheint mir gewagt, da beschränke ich mich lieber auf das Wenige, was ich selbst auf Grund seiner schriftlichen Aeußernngen über den Mensche» sagen kann. Das ist allerdings nur Lob. Im Sommer 1870 war mein Buch: „Aus Halb-Asien" erschienen; eine der ersten Kritiken, die ich erhielt, war ein Leitartikel : der „Bolkszeitnug". Diese Stelle für eine Besprechung novellistischer Knlturbilder war ja ungewöhnlich, aber ungewöhnlich war auch der Inhalt des Artikels. Er suchte aus meinen SchilderungenIdas! politische Faeit zu ziehen, und zwar vom Standpunkt des starrsten Radikalismus. Ich hatte geschildert, wohin Barbarei und Tcheinkultur die Völker des Ostens geführt; das einzige Heilmittel, führte ich aus, sei die ernste Arbeit, das Austreben einer selbständigen, der i nationalen Eigenart entsprechenden Entwicklung, nicht die Nachäffung

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