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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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4 . himzebeuder Liebe geleitet. Lvg ja die Befürchtung nahe, daß mit bem Heimgange dieses Ehepaares auch das von ihnen ins Leben gerufene Unternehmen mindestens große Einbuße erleiden würde. Doch des Himmels Segen ruht sichtlich auf diesem Liebeswerke. Es ist gelungen, die durch den Tod entstandene Lucke voll und ganz ciuszuftilleil. Die auf bent Gebiete der religiösen Charitas bereits bewährte Frau Julie Neumann hat sich bereit finbcn lassen, den Vorsitz des Tamenkoinitees zu übernehmen, und so ist für die Leitung der Chauukabescheerung eine würdige und den schmerzlichen Verlust vollständig ersetzende Nachfolgerin gefunden worden. Hat ja diese Dame bisher schon das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden inne gehabt und alle die Jahre hindurch als Ehreudanre niustergiltig gewirkt. Die wahre und innige Liebe für die Armen und Hilfsbedürftigen unter ihren Glaubensgenossen, die aufopfernde Hingebung an alle die großen Werke edler Menschenliebe, die Erfahrung, Geschicklichkeit und das feine Taktgefühl in der Ausübung der Werke der j Liebe und Barmherzigkeit hat der nunmehrigen Vorsitzenden über die j mannigfachen Schwierigkeiten hinweggeholfen. Wohl mag es numchem! Fernstehenden unmöglich sein, diese Schwierigkeiten zu ermessen, die mit der Leitung eines Unternehmens verknüpft sind, bei welchem an tausend, über die verschiedensten Theile der Stadt Berlin und Umgegend wohnende Schulkinder in Bezug auf Würdigkeit und Bedürftigkeit recherchirt, die nöthigen Materialien herbeigeschafft, die Handwerker, Arbeiter uttb Arbeiterinnen ausgewählt und angemessen beschäftigt werden müssen, und dies Alles in dem kurzen Zeitraum von knapp zwei Monaten. Aber wer nur einigermaßen einen Einblick in diese Angelegenheit gewonnen hat, wird staunen über den Aufwand an Zeit, Einsicht, Arbeitskraft und Energie, die hier von den Damen des Komitees, besonders aber von der Vorsitzenden desselben erfordert wird. Ganz mit Recht schreibt daher Frau Nenmann an den Unterzeichneten: „Vitt Angst und Sorge übernahm ich die Stelle unserer unvergeßlichen, tüchtigen Leiterin, Frau Bk. S. Meyer, die mit ihrem Gatten durch unermüdlichen Fleiß und inniges Verständniß dieses Werk zu der nunmehrigen Höhe gebracht hat und es mir ermöglichte, es als Vorsitzende weiterzuführen." So möge denn dieses Werk edler Menschenliebe sich kräftig weiter entwickeln und noch recht viele Jahre ebenso segensreich weiter Wirkern wie es bisher gewirkt hat. So lange es noch Noth und Elend unter unseren Mitmenschen auf Erden geben wird, so lange mögen der inildthätige Sinn, die aufopfernde Nächstenliebe, die thalkräftige Hilfsbereitschaft, die sich hier so schön und herrlich zeigen, glänzend bewähren, fortbauern und fortwirken. A. ü. Die Juden und die deutsche Sprache. Von S. Andorn in Crefeld. normalen Zeitkäufen kann es als überflüssig, sogar als £$/ unbescheiden erscheinen, wollte irgend ein Kulturträger seine wirklichen oder vermeintlichen Verdienste um die Menschheit besonders Herausstellen. Anders gestaltet sich allerdings die Sache, will man dem Jndividnnm oder einer Gesammtheit wohlerworbenen Belitz oder Verdienst, deren man sich nicht znrechnet, in böswilliger Absicht streitig machen; da ist cs unser Recht, da wird es unsere Pflicht, da gebietet es auch „der Wille zur Macht", unser Eigenthnm! mit Flachdruck zu behaupten. Ilnsere Gegner machen uns heute so ziemlich Alles streitig, unsere Existenzberechtiginig im Großen und; daneben so ziemlich alle Einzelheiten, welche den Werth des veredelten! Menschendaseins ansmachen, darunter auch die Fähigkeit der Juden zum vollendeten Gebrauch der deutschen Sprache. Darum ist es an der Zeit, einige Thatsachen in die Erinnerung zuriickzurnfen, welche das Verhältniß von deutschem Judenthum und deutscher Sprache zu beleuchten geeignet sind — nicht für die Leser dieser Zeitung, denen sie bekannt sind, sondern für unser geschätzten antisemitischen Freunde und ihnen nahestehende Schriftsteller. Die Entwickelung der deutschen Sprache ist von dem semitischen Geiste viel stärker beeinflußt, als so ein antisemitischer Forscher vorn Schlage des Herrn Liebermann von Sonnenberg es sich träunien läßt. Gleich ihr Eintritt in die Reihe der Schriftsprache» ist mit der Bibel auf das Engste verknüpft. Als das älteste litterarische Dokument in deutscher Sprache betrachtet man allgemein die Bibelübersetzung des Gothenbischofs Ulfilas. Und seltsamerweise hebt auch das Werden der neuhochdeutschen Sprache mit einer Bibelübersetzung an, mit derjenigen Luthers. Die beibeti wichtigsten Wendepunkte in der Entwickelung der deutschen Sprache sind also an Uebertragnngen der Bibel geknüpft, und daraus ist es wohl im Wesentliche!! zu erklären, daß die deutsche Sprache einen so großen Reichthnm an biblischen Wendungen und Bildern besitzt, im Jargon der Gegner geredet: so „stark verjndet" ist. Doch nicht allein durch Vermittelung der Bibel hat das Judenlhnm ans die Gestaltung der deutschen Sprache gewirkt, selbst in den schweren Zeiten des Mittelalters haben jüdische Dichter, Uebersetzer, Schriftsteller, ja Prediger jüdischer Abkunft die Landessprache gchandhabt >vie die Besten ihrer Zeit. Süßkind von Trimberg stand offenbar nicht in der letzten Reihe der Minnesänger, und selbst der nichts weniger als judenfrenndliche Bilinar findet sich bemüßigt, seiner zu gedenken. Und ob er der einzig „singend und sagende" Jude seiner Zeit gewesen? Schon um das Jahr Itzü'i — ich folge auch hier wieder Vilmar — bediente sich der Freiherr von Rapoltstein zur ttebersetznng französischer Gedichte ins Deutsche lznr Ergänzung von Wolframs Parzival) „eines dolmetschenden Juden"; wir glauben nicht, daß Rapoltsteins Wahl durch seine Vorliebe für die Juden bedingt gewesen. „Der ehemalige Jude" und spätere Franziskanerniönch Johann Pauli war seiner Zeit als Prediger, Schriftsteller und Uebersetzer berühmt. Man dankt ihm die Herausgabe der besten Predigten der vorlutherischen Zeit — der geistlichen Reden Geilers von Kaisersberg. So hatte e? selbst der lähmende Druck des Mittelalters nicht vermacht, die Inden von der Theilnahme am Geistesleben der Nation, von ihren dichterischen und schriftstellerischen Bestrebungen fernznhalten. Aber die Folgen des Druckes, der geistigen Unterbindung haben sich später doch geltend gemacht: in bem lange» Zeitraum von Luther bis Mendelssohn, mit dem die geistige und sprachliche Emanzipation der Inden beginnt. Der arme, jüdische Knabe, der nach Berlin gekommen, um bei dem dortigen Rabbiner „Talmud zu lernen", hat neben Lessing den wohlthätigsten Einfluß geübt auf die Bildung eines einfachen, klaren, verständtichen deutschen Stiles, der gerade von den „nrteutsch" sich geberdenden Schriftsteller» am meisten „verballhornt" worden ist (Hamann, Wagner). Man hat Mendelssohn gerade wegen seines Stiles „den deutschen Plato" genannt. Seine Erziehung der Juden ans sprachlichem Gebiete hat schnelle Erfolge gezeitigt. J»i Beginne dieses Jahrhunderts bereits scheinen in einigen Gegenden Deutsch, lands es die Juden allein gewesen zu sein, ivelche ein reines dialektfreies Deutsch sprachen. Dafür >vill ich das merkwürdige Zeugnis; eines merkwürdigen Mannes anführen. Seuine berichtet in feinem „Spaziergange nach Syrakus" (ziveiter Theil, pon Syrakus nach Leipzig, Hempelsche Ausgabe, Seite 151) das Folgende: „Wir fuhren über Weißenbnrg, Landau, Worms u. s. w. nach Mainz, Aach meiner alten Gewohnheit lief ich beim Wechsel der

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