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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-29 · Heft 52 (29.12.1893) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 52 (29.12.1893)
Date
1893-12-29
Page
Seite 623 (sequence 13)
Language
German
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623 „Das ist nicht wahr!" > „Unverschämter Kerl!" j „Ich verbitte mir das Schimpfen. Ich habe nicht nöthig, mich vor jeder Stunde extra zu präpariren, auch wenn ich einmal externporire, bringe ich immer noch Subjekt und Prädikat zusammen." Die Klasse lachte, Dr. Ramsbeck fühlte den Stich, denn man; wußte, daß er nie unvorbereitet in die Klasse kam, und wenn, sich i immer königlich blamirte. Raphael setzte sich ruhig nieder und die Strnrde begann. Das litterarhistorische Pensum des Sommersemesters lautete von Opitz bis Lessing, und Dr. Ramsbeck hatte seine Vorträge schon so gefördert, daß die Klasse nach Pfingsten in die Geheimnisse Lessingscher Dichtung eingesührt werden konnte. , „Lessing," begann er seinen Bortrag, „ist zweifellos ein großer j Schriftsteller und Kritiker, aber sein Hang zu jüdischem Wesen, seine ■ Vorliebe für die Inden beeinträchtigte seine Werke empfindlich. Denke» Sie sich als Nathan den Weisen unsern Goldschmidt, die Geschichte von den drei Ringen vortragend. Dann wurde freilich das Wort „Nathan, Ihr seid ein Christ", nicht ans ihn passen." Raphael schwieg, Bodenbender lachte laut ans, und Dr. Rainsdeck nickte ihm beisällig zu. „Wie anders," fuhr er fort, „schildert Shakespeare die Inden. Betrachte» wir zum Beispiel die Gestalte» des Shhlock und Tubal. Dort ist das Judenthnm in seiner ganzen Verworfenheit geschildert, und da paßt Goldschmidt hin." Wieder Bodenbenders Brülle», Ranisbecks beifälliges Lächeln. Die Klasse aber blieb todtenstill. Raphael stand ans und ging hinaus. „Es ist gut, daß er geht, wozu brauchen wir Juden, wozu sie mit christlicher Weisheit füttern. Sie miissen sich lossagen von diesem Goldschmidt, er nutzt Sie ja doch blos ans." Ramsbeck fuhr in dieser Tendenz fort, Litteratucgcschichte vorzutragen. Nach einer Viertelstunde ungefähr ivnrdc die Klassenthür i stürmisch anfgerissen und zornroth stürzte der Direktor, von Raphael j gefolgt, ins Zimmer. „Herr Doktor, Sie haben einen unserer fleißigsten Schüler m! seiner Konfessiou so empfiiidlich gekränkt, daß er das Klassenzimmer verlassen und bei mir Schutz gesucht hat. Ich kann das durchaus nicht billigen. Ich verlange, daß Sie ihm vor der Klasse Abbitte leisten." „Unter keiner Bedingung. Ich sage meine Ueberzeugnng so gut wie jeder Andere." „Ich verlange, daß Sie sich meinen Weisungen fügen." „In diesem Falle nicht!" „So kündigen Sie mir also den Gehorsam ans. Grit! Ich erwarte Sie in der Freivicrtelstnnde auf dem Direktionszimmer. Raphael,! setzen Sie sich auf Ihren Platz, es soll Ihnen Genugthnnng werden.! Morg'n." '! Der Direktor ging, und draußen klang die Glocke. Ramsbeck verließ, ohne ein Wort zu sagen, die Klasse. Draußen im Hof spaltete sich die Prima tu zwei Hälften, in der Mitte der einen war Raphael, in der anderen Bodenbender. Der Friede tvnr gestört, die; Eintracht vernichtet. Man hörte den Bodenbender laut deklamireu, daß die Juden; die wirthschaftliche Lage Deutschlands riiinicten und daß sie alle nach , Palästina verjagt gehörten. j „Ueberall drängen sie sich ein, sogar in die gelehrten Berufe; stecken sie jetzt schon ihre krummen Jndennasen und laufen uns den i Rung ab." Raphael hörte bcn Sermon und wandte sich wnthend an die Gruppe der Gegner, der Antisemiten, wie sie sich nach Böckel nannten: „Der ernst strebende Schüler erblickt in uns keinen Konkurrenten, nur Bummler und Mädchennachläufer wie Du fürchten uns." „Wer hat Dich denn gefragtk Tn einfältiger Judenbub. Gestern Abend hättet Ihr ihn sehen sollen, wie ec Feists Schicksel abknutschte. Auf dem Ramsberg haben sie sich bis »ach zehn Uhr Herumgetrieben!" Die Andern brüllte» vor Lachen. „Raphaelche, Raphaelche, wo bist e wer gerathe hin," mauschelte Ruß. Da trat Schalter zu den Antisemiten hinüber imb stellte Bodenbender mit ernsten Worten zur Rede: „Du bist doch selbst mit der Hofmetzgers Anna auf dem Ramsberg gewesen. Nimm Dich nur in Acht und lasse den Raphael, der Dir nur Gutes gethan hat, ungeschoren, oder Du beziehst Prügel, wie Du noch keine bekommen hast!" „Von Dirk Noch lange nicht!" „Thu noch ein Maul auf und Du hast eine Ohrfeige, grüner Bengel, dummer!" Die Glocke machte dem Streit ein Ende, aber wuthschnaubend traten die Parteien den Rückweg nach der Klasse an. Schalter hatte allgemeine Bewunderung erregt durch sein mannhaftes Eintreten für den Freund. Die besseren Elemente blieben noch auf Raphaels Seite. In der Klasse ging der Streit noch eine Zeitlang in Worte» weiter. Södel, der Poet, schlug sich ans die Seite der Philosemitcn und begann Bodenbender mit scharfen Spottpfeilen zu beschießen. Da trat der Direktor ein. Er ging schweigend nach dem Katheder, legte seinen Strohhut ans den Stuhl und blickte eine ganze Weile durchs Fenster in die lachende Landschaft hinaus. Die Prima verharrte in peinlicher Stille, Jeder fühlte, daß etwas kommen mußte. „Sie wissen," begann der Direktor, „daß ich Sie nie als Zuchtmeister gehalten habe. Ich habe Ihnen freien Lauf gelassen, auch wenn ec gegen die Schulgesetze verstieß. Mehr der ältere, erfahrene Freund bin ich Ihnen gewesen, als der Gymnasialdircktor, es hatte Jeder von Ihnen in mir auch einen Berather in persönlichen Angelegenheiten. Um so schmerzlicher mußte es mich berühren, daß Herr Dr. Ramsbeck so ganz gegen meine Ideen handelte und einen Ihrer Mitschüler, ich muß gestehen, einen der besten und fähigsten, grob mißhandelte und in seiner religiösen Ueberzeugnng kränkte. Ich! habe den Herrn Doktor vor Ihnen zurechtgewiesen, was ich eigentlich! nicht hätte thuu dürfen. Das werde ich dem Ministerium gegenüber zu verantworten haben, und mag die Entscheidung fallen wie sie will, ich würde es im gegebenen Fall wieder so machen. Herr Doktor Ramsbeck ist vorläufig vom Unterricht enthoben .. ." Es folgte eine lange Pause. Dann begann der Direktor wieder, als ob nichts geschehen wäre, als ob er nur an die vergangene Algebrastnnde anzuknüpfen hätte: „Es giebt aber auch ewige Renten .. . Raphael schreiben Sie die Formel an die Tafel..." Die stoische Ruhe des braven Mannes stellte die gelockerte Disziplin sofort wieder her. Die Prima war ruhig, sie benahm sich vollkommen korrekt. Es regte sich selbst Niemand, als der Direktor zwischen den Renten und reriproken Gleichungen in hellen Zorn ansbrechend sagte: „Ich dulde keinen Antisemitismus in meiner Schule, es giebt keinen Klasseuhaß, es giebt nur Menschenliebe, und wer diesen evangelischsten aller Grundsätze mißachtet, der kann gehen. . . Merten Sie sich das, Bodenbender, es ist mir überhaupt nicht viel an Ihnen gelegen. Pfui, ein Böckelscher Hetzapvstel im Ghmnasium. Machen He ja, daß Sie ranskomnieu, sonst werf ich Sie hinaus. Stecken Sie Ihre Nase in die lateinische Grammatik nick > poussiren Sie die Logarithmen anstatt die Lanborner Mädchen.

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