Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- Seite 622 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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622 FEUILLETON RaPhaol Goldschmidt. Eine Erzählung aus Oberhessen von Ferdinand Runkel. (Fortsetzung.) Raphael nahm und las: „Der Reichsherold." Wohl hatte er schon gehört, das; Böckel in Marburg der Herausgeber sei, daß dessen Bestrebungen sich gegen die Anden richteten, aber er hatte nicht geglaubt, daß etwas Ernstliches dabei heranskonnnen werde. Nun las er da einen Leitartikel, betitelt „Judenfreie Biehmärkte". Es war da gesagt, daß die jüdischen Viehhändler die größten Halsabschneider seien, daß sie die Ballern bis über die Ohrell eillseiften, ihnell das Vieh um ein Paar Karolin (ideelle Münze im Werthe von etwa zwanzig Mark) abschwindelten, nill damit Wucher zn treiben. Die Juden müßten überhaupt ans Deutschland hinaus, beim sie hinderten die nationale Entwickelung. Raphaels Rügen wllrdell immer größer unb starrer. Es wurde ihlll unendlich weh, er schämte sich, erst, daß er des verachteten Volkes Einer war, dann, daß in dem lieben, holden Hessenland so etwas geschrieben inib gelesen wurde. „Na, was sächsle dazll. ma Sohn?" fragte Feist ben stumm Duschenden. „Was kallll uler da sage, als lvie, die Judde solle auf ihr christliche Mitbürger vertralle. mit bene se so lange in Eintracht gelebt habe unb solle de Reichsherold weiter Hetze lasse." In dem Augenblick schob sich durch die Ladenthür eine hohe breitschulterige Gestalt ills Zimmer, es war der gräflich Solms'sche Hofmetzger, genannt der dicke Willem. „Gu Marge, F-eistche. No, da habt Er ja auch schon doas Giftblatt. Wann die Judde vom Viehmarkt wegbleiwe, stockt unser Hannel un Wannet. F-eistche, ich fahr uf Hnnge. in Schotte solle zwa scheue Osse zu verkaufe sein. Kauf se billig mt breng mer se her. De waaßt jo, unser Geschäft kann der Böckel net rungenire, nn was e verninftiger Bauer is, der werd em aach de Buckel zeige. Reichsherold, Kreischherold!" „Waaßte Willem, so zwa, lvie mir zwa, sin net so leicht ansenanner ze brenge." „Des lvill ich meine!" „Also die Osse?" „Hol se und breng se eniwer, ich muß womeglich heut Owed noch schloachte." Und der dicke Willem ging hinaus, stieg auf sein leichtes Geführt, schnalzte dem Pferde mit der Zunge sein Vorwärts zu, und fort gings (Nif die Landstraße hinaus. Der dicke Willem war Annas Vater. Raphael hatte die energische Stellung des alten Metzgers gegen Böcke! eigenthümlich wohl gethan. Früher hätte er Jeden ausgelacht, der ihm gesagt, sein Judenthum würde ihm nod) einmal Unannehmlichkeiten bringen. Im Staatsdienst freilich war für ihn nichts zu hoffen, und Offizier wollte er auch nicht werden. Aber zweimal in ganz kurzer Zeit hatte man ihm sein Jndenthnm zum Borwnrf gemacht. Was konnte denn er für seine Religion? Wenn man ihn gefragt, er hätte vielleicht Manches anders geinacht. Wie strafend trat ihm da die Gestalt seines alten, ehrwürdigen Vaters vor die Seele. Unb es kam über ihn. wie eine Erlösung. Weum ich iiicht Jude wäre, dachte er, hätte ich ja Dich nicht, Du enu treuer Mauu, Di! alter, würdiger Freund, lind die gute, besorgte Rntter, und Recha mit ihrem Liebreiz und ihren Küssen. Flucht mir, ich bin ein Jude! Er kam sich vor wie Acosta. Abtrünnig war er in Gedanken geworden, und nun war er zurückgekehrt unter den Schutz des väterlichen Glaubens. Inzwischen war es halb sieben Uhr geworden und Recha trat | ein: „Raphael, es ist Zeit, Du mußt ins Gymnasium." j Er stand auf, ging in fein Zimmerchen, packte seine Bücher! zusammen und stieg in den Hansehren hinunter. Ehe er auf die Straße trat, reichte er Recha die Hand. „Recht viel Glück, Raphael, komm recht freudig wieder." IV. Das Lanborner Gymnasium lag mitten in blühenden Gärten, die Front nach der Bohnengasse. Es war ein viereckiger Kastenban mit einer kleinen Sternwarte. Die wenigen Zöglinge hatten sich schon frühe eingefunden, und der alte asthmatische Pedell, von ihnen „Kaichbenl" benamst, stand vor der Thür und zog unermüdlich die weithintönende Glocke. In der Prima herrschte schon ein reges Leben. Die drei Oberprimaner und vier Unterprimaner saßen schon zusammen und erzählten sich was. Das Beste ist, ich stelle die vier, die noch nicht bekannt sind, gleich vor. Raphael, Schalter und Bodenbender waren Unterprimaner, zu ihnen gesellte sich noch ein Pfarrerssohn aus Wetterfeld, Namens Ruß, ein fleißiger aber beschränkter Junge. Der Primus onminm hieß Schmalz und war ans Lich, ein grundgescheiter, höchst befähigter Mensch, dabei voll toller Launen und stets zu Ulk geneigt. Neben ihm saß ein Bauernsohn ans Grünberg, zukünftiger Theologe, Sommersaat geheißen, ein prompter Arbeiter, aber kein großer Geist. Der unterste Oberprimaner Södel war ein Mußpreuße aus dem Kurhessischen, ein sehr begabter Kerl, aber eine bnmmliche Natur, der den deutschen Aufsatz nie anders als beim Skatdrcschen schrieb. Er hatte etwas Geniales in der Behandlung der Schularbeiten, machte ferner die offiziellen Klassengedichte und sang alle nur halbwegs ponssablen Mädchen an. In diese erlauchte Gesellschaft trat früh um sieben Uhr Doktor Ramsbeck, der Germanist. „Morg'n," sagte er, denn er war Reservelieutenant. Dann trat er vor das Katheder und sprach das Morgengebet mit salbungsvoller Kanzelstimme. Seine Gedanken aber waren nicht bei der Sache, er blickte über die Brille weg in die Klasse. Da hafteten seine Augen auf Raphael, der, auf die gefalteten Hände gestützt, scheinbar in ein anfgeschlageues Buch vertieft war. „Amen!" „Ainen!" antwortete die Klasse. „Goldschmidt, was fällt Ihnen ein, unsere Andacht zu stören?" fuhr Ramsbeck auf den nichtsahnenden Raphael ein. „Ich?" „Ja, Sie, fragen Sie nun noch... Was ist das für ein Hebräer, in dem Sie während unserer christlichen Andacht stndirt haben?" Er riß das Buch an sich. „Aha, noch vor der Stunde präpariren. Sie können während des Gebetes hinausgehen. Wir brauchen keine Inden zn unserer Andacht. Sie haben zwei Stunden Arrest wegen Störung der Andacht durch Allotria!" „Ich wünsche, daß die Sache bem Herrn Direktor vorgetragen wird!" „Sie haben gar nichts zli wünschen in einem christlichen Gymnasium, verstehen Sie mich. Sie haben sich während des Gebetes prüparirt."