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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-29 · Heft 52 (29.12.1893) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 52 (29.12.1893)
Date
1893-12-29
Page
Seite 621 (sequence 11)
Language
German
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(>2i — zu werden. Es ist wunderlich, wieviel ein Kind wissen kann, ohne es zu verstehen. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich einem gleichaltrigen Mädchen auf der Straße begegnete, die mich anredete und mir erzählte, im Handkorbe trage sie Kirschen, die sie soeben gekauft habe. Frau R. habe sie gefragt, was sie da habe, und sie habe ihr die Kirschen gezeigt und sie aufgefordert, davon zu nehmen. Denn, sagte sie, „die Frau ist hochschwanger und schwangeren Frauen muß man von Allem geben, worauf sie Appetit haben." Biblische Geschichte ward nicht gelehrt; ich hätte mich gewundert, wenn mir der Lehrer hätte erzählen wollen, was ich in der Bibel selbst lesen konnte. Zu unserer großen Freude aber zeichnete uns unser H. die Geräthe der Stiftshütte an die Tafel, während wir die betreffenden Verse übersetzten. Religion ward sehr bald nicht mehr nach Johlson, sondern nach Herxheimer gelehrt. Der Bar Mizwo erhielt in besonderer Vorbereitung Anleitung zun: Legen der Tefillin und zum Vortrage mit dem Trop. Nun kommen wir zum Nachmittag. Er begann jeden Tag mit den Schreib-Uebungen. Tie unterste Klasse schrieb nur jüdisch, die mittlere abwechselnd jüdisch und deutsch, die obere nur deutsch und lateinisch, und die geschickteren Knaben konnten sich auch in Römisch und Gothisch und in hebräischer Druckschrift und Raschi-Schrift üben. Dann folgte Rechnen. Wir rechneten aber nicht blos 4 Stander: wöchentlich, sondern hier gab es auch fortlaufend eine häusliche Aufgabe. Unser H. besaß nämlich eine Sammlung gedruckter Tafeln mit Rechen-Aufgaben, wozu ein Buch gehörte, das die Auflösrmgen enthielt. Jeder Knabe erhielt eine solche Tafel unb rechnete still für sich. H. brauchte also keine Exempel zu diktiren. Hatte der Knabe ein Exempel gelöst, so trat er vor den Lehrer, der nach jenen: Buche die Lösung für richtig oder falsch erklärte. Wußte er sich nicht zu helfen, so bat er den Lehrer, ihn: zu zeige::, wie das Exeinpel zu rechnen sei. Jeder erhielt nun auch eine Tasel mit nach Hanse und mußte eine Anzahl von Exempeln ausrechnen, deren Lösung dann in der Schule kontrolirt ward. -- Hatte ein Knabe alle Karten dnrchgerechnet, so begann der höhere Kursus mit Quinque (Zinsrechnung), Kettensatz, Gesellschaftsrechnung u. s. lo. nach dein Lehrbuche von Arnheim, dem Rechenlehrer der Franz-Schule. So loird man es glauben, wenn ich sage, daß ich, als ich 13 Jahre alt war, in: Rechnen die Reife hatte, um als Lehrling in ein Banquiergeschäst einzntreten. Ich kannte die Kurse von Hamburg, London und Amsterdam, wie die Preußischen Friedrichsd'or. Dann folgte deutsche Grammatik nach Heinsius l) oder Geschichte nach dem kleinen Bredow oder Geographie nach den: Anhänge eines Lesebuches. Wir wußten, zu Wasser und zu Lande von Odessa nach Paris und um die ganze runde Erde zu reisen, obwohl ich für mich die Vorstellung von der Kugelform der Erde und vor: Antipoden für eine Thorheit hielt: dann müßte ja der südliche Ozean in den Himmel ausfließen! Indessen von mathemathischer und physikalischer Geographie war nur sehr wenig die Rede. — In der Geschichte lernten wir die vier großen Weltreiche kennen, die tapferen Spartaner und die noch tapfereren Römer, die schreckliche Völkerwanderung (schrecklich für uns, denn wir konnten die Namen nicht behalten); freundlicher war uns Karl der Große und Friedrich der Rothbart, die Zeit der Eutdeekluigen und Erfindungen und der Reforination. Verstanden haben wir von der letzteren doch nur wenig. Wir kannte!: keine Katholiken, und so blieb uns auch der dreißigjährige Krieg einfach eine Reihe von Schlachten. Von der französischen Revolution und Napoleon lernte 0 Wir lernte:: hier aber sehr wenig und an: wenigsten richtig sprechen. Die Methode, den Casus durch Fragen zu bestimmen: wessen? wem? wen? schien mir lächerlich. Ich sagte mir: wüßte ich, ob ich wem oder wen fragen soll, so brauchte ich nicht zu fragen. nicht älterer Bruder sehr viel, ich aber sehr wenig: dem: ich war ein Feind aller Kriege. Nachdem ich so 7 oder 8 Stunden in: Schulziunner verbracht hatte, und unser Lehrer ebenfalls, hatte ich :nit einen: Altersgenossen bei ihn: wöchentlich noch drei Privat-Stunden französisch, ::ach den Lehrbüchern von I. Louis, den: Lehrer des Französischen und Englischen m der Franzschule, und der berühmten Grammatik von Meidinger.' Wir übersetzten die reizenden Anekdoten. Aehnlich wie in Gröbzig wird es in Jeßnitz (welches ja eine durch viele Drucke alter hebräischer Schriften berühmte Gemeinde hatte) und in den anderen Städtchen gewesen sein. Noch Folgendes ist zu berichten, was außerhalb des eigentlicher: Schulplanes liegt. Hier habe ich vor Allen: einer merkwürdigen Einrichtung zu gedenken, die wohl einzig in der Schulordnung der Welt dasteht. Um zu verhüten, daß es eine::: Knaben in der Schule plötzlich an Schreib-Materialien fehlte, an Papier oder Federn: traten sünuntliche Kinder zu einen: (so darf ich es jetzt neunen) Konsum-Verein zusannnen. Wir gründeten eine Schul-Kasse, so nannten nur es. Ter Aelteste oder Erste führte die Kasse, hielt die Materialien unter Verschluß und vertheilte sie. So hatten wir auch besseres Papier und bessere Federn, als wir sie in dem Oertchen hätten haben können. Wir bezogen den Bedarf aus Eöthen. Alles stand natürlich unter Aufsicht unseres Lehrers; aber wir übten in voller Selbständigkeit freie Selbsthilfe. Zu Rosch-Haschono schrieben wir den Eltern stets Neujahrs- Wünsche. Die älteren Knaben mußten immer versuchen, eigene Wünsche auszuarbeiten; es wollte aber nie gelingen. Wir wollten nicht jedesmal n:it den Worten beginnen: „Schon wieder ist ein Jahr vorüber"; aber wir fanden keilte:: anderen Anfang. In den Zwischen-Tagen des Peßach war jährlich ein öffentliches Examen, zu den: außer den Eltern die Vorsteher der Gemeinde, der Pastor und der Justiz-Amtmann erschienen. Letzterer fragte aus der alten Geschichte, Ersterer aus der neueren, auch wohl nach Naturkunde. Einmal fragte er, was Atmosphäre sei, was Nieinand von uns wußte. Zu den Prüfungen gehörten auch Probeschriften, deutsche und hebräische, wobei wir unsere ganze Kunst in gothischer, tu hebräischer Quadrat- und Raschi-Schrift offenbarten. Es ward auch von einigen Knaben deklamirt. Wir lernten in: Laufe des Jahres niunches Gedieht, namentlich von Getlert, Pfeffel. Tie Auswahl unu gering. Unsere Lesebücher von Funke und von Heiupel hatten nur sehr wenig Poesie. In der ganzen Gemeinde aber gab es kein Exemplar von Schillers Gedichte::. Einmal deklannrte ich die drei Ringe ans den: Nathan. — Nachmittags war Prüfung in: Hebräischen, und auch da ward gelegentlich ein hebräisches Gedicht deklamirt ans der Sammlung von den Anhänger:: Mendelssohns. Zu Purim aber ward ein Lustspiel ausgeführt — entweder ein Stück, das für Kinder geschrieben war, oder eins, welches H. so gestaltete, daß es von Kindern gespielt werde:: konnte. Zn diesen Aufführungen war die Gemeinde geladen, und inan kann denken, wie nur beklatscht wurden. Einige Jahre nach 1840 (wem: ich nicht irre, schon vor 1848) ward die Schule aufgelöst; die Kinder gingen in die allgemeine Stadtschule und erhielten von einen: Manne, der als Ehason, Schochet und Religionslehrer angenommen ward, den Unterricht in Religion und Hebräisch. Hierüber lveiß ich nichts Näheres. Wenn nun der Leser Sympathie mit meinem Lehrer Varuch Herzfeld gewönne:: hat, so nimmt er wohl noch die Nachricht hin, daß derselbe bald nach 1840 seine Stelle niederlegte, das schönste und gebildetste Mädchen heirathete, ein Geschäft erössnete und sich durch seine höhere Bildung und strenge Gelvissenhaftigkeit die Achtung seiner Mitbürger in innner höherem Maße erwarb. Sein Andenken zun: Segen

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