Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- Seite 620 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- Gröbzig 1× ep/1045803
- Isaiah 1× ep/1005097
- Rashi 1× ep/1002670
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620 ich erst spät meinen Geburtstag nach unserem westeuropäischen Kalender kennen lernte, und daß, wenn mein hebräischer Vorname nicht fest stiinde, ich nicht sicher wüßte, wie ich heiße. Denn mein deutscher Vorname ist nicht amtlich beglaubigt und willkürlich verändert. — Das Gehalt für die Lehrtätigkeit H.'s ward nur von den Eltern der Schulkinder aufgebracht; und wie die Anzahl der Kinder wechselte, so auch die Höhe des für jedes derselben zu erlegenden Schulgeldes. Auch jetzt noch bezahlte für die Armen ent-! weder die Talmud-Tora-Chewra oder die Gemeinde. Auch Kinder! des nahe liegenden Torfes kamen nach Gröbzig zur Schule und er-! hielten, wenn sie arm waren, Freitische. Die Schule befand sich anfangs noch in einer gemiethetcn Stube, später in dem gekauften Gemeindehause, und dies war zugleich der Ort für die Gemeindeversammlungen (in denen meine > Mutter als Beitrag zahlende Wittwe auch ihre Stimme hatte).! Diese Schulräumlichkeit war sehr einfach ausgerüstet. Es stand darin ein längerer und ein kürzerer Tisch, Mer für etwa 12 Knaben, dieser für 8 Mädchen. Die Mädchen kamen um ein oder zwei Jahre spätes zur Schule als die Knaben, und verließen sie meist ein Jahr früher. Tie Knaben begannen mit dem zurückgelegten sechste» oder auch schon fünften Jahre. Wir saßen ans vier Bänken ohne Lehnen. Ter Lehrer halte einen Stuhl. Die Wände waren weiß getüncht und völlig leer; doch gab es eine schwarze Tafel, ein kleines Bücherbrett für H.'s Bibliothek und eine Guitarre für seinen Privatgesang. Unterricht im Singen erhielten wir nicht. l H. hielt allerdings darauf, daß wir ordentlich deutsch sprechen sollten, aber wir thaten cs nur beim Unterricht. Es schien uns gar zu seltsam und unnatürlich, daß wir nein statt nee u. s. w. sagen! sollten, oder gicb mir für jib mich. Wir Judenkinder hatten! nämlich einen ganz eigenen Dialekt, wir sprachen nicht wie die! christlichen Bewohner des Städtchens, das damals etwa 1300 Seelen zahlte, in einem mitteldeutschen Dialekt. Wir malischelten, aber nicht so sehr wie unsere Eltern, wenn diese unter sich waren; denn mit den Christen sprachen sie wie diese. Wir sagten nicht du host, sondern du hast; nicht gei h, sondern geh. Wir sprachen auch besser, als die christlichen Kinder; wir sagten ja, jene jo, unsere Eltern jai». Etwa 20 Kinder, Knaben und Mädchen, G—13 Jahre alt, in einem Raume zu unterrichten, bleibt immer eine schwierige Aufgabe. Wir zerfielen iratrirgemüß in drei Klassen; die beiden unteren enthielten auch Mädchen, die obere hatte nur Knaben. Die Schule begann des Sonuners rnn 8, des Winters um 9, und dauerte bis 12 Uhr; daun des Nachmittags von 1—5, im Winter bis 4 Uhr. Daß ein Lehrer bei 7—8 Stunden täglich nicht allezeit gleich angespannt sein kann, versteht sich wohl von selbst, und unser H. war es auch nicht. Manche Schulstunde verbrachten wir Kinder in heiterem Geplauder, während H. irgend etwas trieb. Auch hatte er die Einrichtung getroffen, daß einer der älteren Knaben die jüngeren abfragte, wie wir sagten: verhörte. Der Vormittag war wesentlich dem Hebräischen gewidmet, der Nachmittag dem Deutschen, elfteres jedoch mit einer Ausnahme, von der unten die Rede sein wird. Der Unterricht begann mit einem deutschen Gebet (ans Johlson); dann orten (beteten hebräisch) die Kleineren das Schachris (Morgengebet). Von den Aelteren konnte mit Grund vorausgesetzt werden, daß sie es schon zu Hause gethan hatten. Jene beteten, indem je Einer ein Stück laut las; dabei kontrolirte einer den andern. H. konnte sich nicht um sie kümmern. In der Zeit nämlich, wo jene laut betete», diktirte er der ersten Klasse, um sie in der Rechtschreibung zu üben. Am Dienstag aber gab es statt des Diktates eine Aufgabe z» einer Erzählung oder einem Briefe. Diesen Aufsatz machten wir sogleich aus unserer Bank, und sobald wir fertig waren, wurden sie von H. korrigirt, wie auch die Diktate sogleich korrigirt wurden. — Die Reihenfolge der Schüler machte sich ganz von selbst rmter allgemeiner Zustimmung der Knaben, und zwar vom ersten Schuljahre ab. Ein Rauf- und Runterkommen gab es nicht; die Ordnung war fest, weil naturgemäß: das begabtere Kind saß oben. Danach ward Chumosch vorgenommeu. Jede Woche ward der Wochenabschnitt übersetzt. Die erste Klasse konnte es, die zweite Klasse hörte zu und lernte es. Die Sache ist mir al er räthselhaft und meine Erinnerung nicht mehr vollständig; gar leicht erscheint Einem etwas besser, als es wirklich gewesen ist; aber ich vermuthe, daß,mir Tausende aus ihrer Kindheit meine Bemerkung bestätigen werden. — Unser H. nämlich hat den Anfängern ein Stück vorübersetzt, aus dem Pentateuch und dem Gebetbuche. So ward mir ebenfalls die Genesis vorübersetzt bis zur Geschichte Josephs. Von da an übersetzte ich sebstständig die erzählenden Stücke, mit Nachhilfe gewiß, aber nur geringer; und besonders, wenn Stücke kamen wie die Beschreibung der Stiftshütte mit ihren Geräthe, so mußte viel geboten werden. Wir übersetzten auch das Gebetbuch von einem Ende zum andern. Die Gebete für Wochentage und Sabbath wurden irgend einmal im Laufe des Jahres übersetzt; vor den Herbstfeiertagen wurden die Gebete für dieselben von beiden Klassen fleißig übersetzt. Ebenso aber auch das hohe Lied, Ruth, die Klagelieder und der Prediger; für ersteres und letzteres jedoch war die Zeit nie ausreichend, da vor Ostern auch die Haggada übersetzt werden mußte und zwischen dem Jom Kippur und Hüttenfest zu kurze Zeit liegt. Im Sommer waren die Sprüche der Väter Leseiibungen für beide Klassen und für die Mädchen; sie wurden aber auch übersetzt von Knaben und Mädchen, welche Letzteren auch alle Stücke des Gebetbuches, aber nicht den Pentateuch mit übersetzten. — Diesen hebräischen Kursus machten wir wohl drei- oder viermal durch. Nebenbei wurden auch etwa die 25 ersten Psalmen, die ersten 12 Kapitel des Jesaja, die ersten Kapitel der Sprüche übersetzt. Hebräische Grammatik aber ward recht wenig getrieben, obwohl H. selbst die empirische Formenlehre inne hatte. Raschi ward zu manchen Abschnitten des Pentateuchs übersetzt. — Die Methode, nach der in früherer Zeit hebräisch lesen gelehrt ward, war diese: Kometz dalet— do u. s. w. Ich hatte aber schon bei einem Polen nach einer neueren Methode gelernt: dalet o—du. Das war gewiß kein kleiner Fortschritt gegen die alte, bei welcher das Lesenlernen sehr schlvierig sein mußte. Nun aber unter H.'s Leitung ivard die Lautir- Methode eingeführt: ckd-o—cko. Es kam mir jedoch lächerlich vor, nicht mehr sagen zu sollen: „der kann schon das alef Leis", sondern: „er kann das ebege". Immer aber ward hebräisch lesen früher gelehrt als das deutsche ABC. Wir übersetzen derart, daß wir unmittelbar nach dein hebräischen Worte die deutsche Uebcrsetzung sprachen, ohne Rücksicht auf die deutschen Wortstellrings-Gesetze, und so den Pentateuch von vorn bis hinten, ohne ein Wort anszulassen. Also z. B. rveüoockom und der Mensch joda erkannte es chawo Eva ischtau seine Frau, watahar lind sie ward schwanger wateiled und sie gebar u. s. w. Ebenso die Erzählung von Lot und seinen Töchtern u. s. w. auch den Abschnitt tasria und niezauro, der uns blos sehr unangenehm war und von dem wir noch weniger verstanden. Daß dies unserer Sittlichkeit schädlich gewesen wäre, darf ich entschieden leugnen. Die Stimmung war eine ernste, und es ward nicht weiter über das Unverstandene nachgedacht. Schlechie Uebersetzungen ließ in solchen Fällen unser H. wohlweislich ohne Korrektur vorübergehen. So besinne ich mich, daß ich in der Peßach-Haggada übersetzt habe: periscluis derech erez „die Ausmessung des Landes", ohne korrigirt