Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- Seite 619 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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619 Aus der Jugendzeit. Von Pros Dr. H. Steinthal. Das allgemeinere Interesse, das sich an die folgenden Erinnerungen; ans meiner Knnbenzeit knüpfen kann, scheint mir darin zu liegen,! daß ans denselben klar wird, welcher geistige Strahl von der ehef maligen Herzoglichen Franz-Schule zu Deflau auf die zum Ländchen f Anhalt-Dessau gehörigen kleinen Städte überging. Die Anziehungskraft der Franz-Schule reichte bis Konstanz am Bodensee; diese; Handelsschule hat ungezählte gebildete Kaufleute unter den Juden i geschaffen; was aber hat sie, abgesehen von der Hauptstadt, für die; Juden des Landes geleistet? — Ich bebaute nur, daß meine Erinnerung sehr lückenhaft ist, und daß mir kein Archiv zu Gebote steht. i Die nahe gelegenen Wörlitz und Jeßnitz enipfingen das Licht j von Dessau dadurch ganz unmittelbar, daß nicht wenige Eltern von! beiden Orten ihre Kinder auf die Schule nach Dessau brachten. In i meiner Vaterstadt Gröbzig, ferner gelegen, ist ein solcher Fall nur! ganz vereinzelt vorgekomme», bis 1830 sich die Sache auf höheren Befehl änderte. Um diese Aeuderuug zu würdigen, muß ich aber den vorangehenden Zustand des Unterrichts und der Kultur der Juden meiner Vaterstadt beleuchten. Die Gemeinde wird im ersten oder zweiten Jahrzehnt des vorigen f Jahrhunderts gegründet worden sein. In meiner Knabenzeit zählte > sie ungefähr 150 Seelen. Gegen Ende des vorigen und zu Anfang des laufenden Jahrhunderts fehlte es nicht an reichen und wohlhabenden Mitgliedern. Die reichen hielten für ihre Kinder einen! Hauslehrer, und der eine oder andere begabtere Jüngling zog dann! auf die Jeschiba nach Fürth. Auch das ist wohl bemerkenswerth, daß mein Großvater im lebten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts von der Leipziger Messe ein Chumosch mit „Mosche Dessau's Deutsch" mitbrachte und es seinen Söhnen mit den Worten übergab: „Nun : werdet ihr das Chumosch richtig übersetzen lernen." Die nicht reichen, aber wohlhabenderen Mitglieder vereinigten sich und unterhielten einen gemeinsamen Lehrer, welcher auch die Kinder der; Aermeren unterrichtete, für welche dieTalniud-Tanro-ChewroH bezahlte, i Der Lehrer war zu allermeist ein Pole, der Talmud verstand, oder wohl auch ein eingeborener talmudisch Gelehrter. Wie für das Er-; lernen des Deutsch-Schreibens und -Lesens und des Rechnens gesorgt; ward, weiß ich nicht, aber cs ward gesorgt. Die meisten Männer, i die ich als Knabe kannte und deren Kindheit in die angegebene Zeit fiel, schrieben deutsch und rechneten genügend. Mein Vater, zu den , Jüngsten dieser Generation gehörig, ward mit einigen Altersgenossen j von dem, in der Geschichte der jüdischen Litteratur genannten R. Fürstenthal (damals natürlich iroch jrnrg) unterrichtet. Ob er auch sein Französisch von diesem Autodidakten gelernt hat, weiß ich nicht. — Sehr bald aber trat eine Verarmung der Gemeinde ein, die Hauslehrer schwanden, lind es wuchs ein rohes, aller Kenntniß bares Geschlecht auf. Da mm eben hatte David Fräntel, der Direktor der Franz- Schule, von der Regierung deil Befehl an die jüdischen Landgemeinden erwirkt, die polnischen Lehrer (nicht Vorbeter) zu entlassen und dafür einen der jungen Männer zu nehmen, welche auf der ') Außer dem genannten Verein gab es noch zwei: die Chewro Kaddischo zur Leichenbestattung, iinuier ans 18 (77 Anspielung auf Leben) verheirathete» Mitgliedern bestehend und die Chemro für Unterstützung der Armen. Bor dem jüdischen Gottesacker wurden 18 Pappeln ge- . pflanzt, sie alle gediehen und heute noch stehen Jeder der drei Vereine j ließ sich jeden Sonnabend einen Vortrag halten. Ich hörte als Knabe! diese Vorträge ziemlich fleißig und kannte daraus die Sage» von Abra-! Ham, Joseph, Moses und der Zerstörung des Tempels.! Dessauer Schule gebildet waren. Gröbzig erhielt ein Stadtkind, Baruch Herzfeld, einen der beiden Gröbziger, welche die Franz-Schule besucht hatten; der andere, ebenfalls zum Lehrer bestimmt, war körperlich verunglückt. Herr Herzfeld war also mein Lehrer etwa vom 8. bis zum 13. Jahre. Er ist jetzt todt imb sein Andenken ist gesegnet. Er war ein begabter Mensch. Er war ein Liebling des Direktor Frankel und hatte das volle Maß der Kenntniffe. die für einen Volkslehrer wünschenswerth sind. Er verstand auch Talmud, das er in dem damals in Dessau noch bestehenden Beth-HamidraschZ gelernt hatte. Er wußte Geschichte und Geographie genügend, deutsche Grammatik, wie sie zu der Zeit gelehrt ivard, als Heinsius noch herrschte und mau weder Grimm noch Becker kannte; er sprach französisch und verstand auch etwas englisch. Pädagogik als Wissenschaft hatte er wohl nicht gelernt; er übte sie eklektisch, nach Ersahrung. Die glückliche Methode, nach der heute die Kinder so leicht und schnell schreiben und lesen lernen, war damals noch unbekannt, ist ja ganz jungen Datums. Er hatte aber gewiß von Pestalozzi und Basedow u. s. w. gehört, und wohl auch manches hierher Gehörige gelesen. — Er sprach angenehm, erzählte vortrefflich, nicht zu kurz und nicht zu lang. Er predigte bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten, besonders bei Konfirmationen. Denn diese führte er ein und vollzog sie am Sabbath der Bar-Mizwa; er lehrte und prüfte nach Johlson. Ueber den Werth seiner Predigten hatte ich kein Urtheil; aber ich glaube, daß sie nach Inhalt und Fornr dem Zweck und den Ansprüchen völlig genügten. Bevor er sie hielt, gab er sie dem christlichen Geistlichen der Stadt zur Durchsicht-). Als ich als Primaner ihm eines Tages meine Disposition zr> einem Aufsatze zeigte, sagte er mir: „Siehst Du, das haben wir nicht gelernt. Ich habe Gedanken genug für Predigten, aber eine solche Eintheiluug kann ich nicht machen." Er ward als Gemeinde-Lehrer nngestellt, erhielt 00 Thaler als Gehalt und bei den Mitgliedern der Gemeinde wechselnd Mittags- Freitische, wie letzteres auch früher bei den polnischen Lehrern der Fall gewesen war. Bald leuchtete das Ungeziemende eines solchen Verhältnisses ein, Herzfeld aß bei seiner noch lebenden Mutter, und sein Gehalt wurde auf 100 Thaler erhöht. Ja, sehr bald stieg sein Gehalt auf 150 Thaler, indem er zugleich Sekretär der Gemeinde ward. Ais dahin nämlich gab es für die Juden kein Staudes-Amt; das Mohel-Buch war für die Knaben ein zuverlässiges Geburts- Register, für die Mädchen gab es keine amtliche Aufzeichnung. Von jetzt ab kvar Herzfeld beauftragt, nachdem er ein Verzeichnis; sämmtlicher Mitglieder der Gemeinde und ihrer Familien anfgenommen hatte, die Geburten sorgfältig aufzuzeichnen. Die Ehen wurden vor dem Richter geschlossen, bevor das Paar unter die Chuppa ging. Aus dem älteren Verhältnis; rührt es z. B., daß ff Talmud-Lehrer dieser Anstalt, an welcher der Dessaner Rabbiner (damals Lipschütz) nicht thätig war, war niein Onkel Josua Falk, von dein ein Enkel, Dr. Falk Cohn, irgendwo in Deutschland heute noch, hoffe ich, Rabbiner ist. -) Der Verkehr einiger Juden Gröbzigs mit dem dortigen Pastor verdient wohl eine Anmerkung. In meiner Kindheit lebte dort ein ehrwürdiger Greis Walkopf, aus der Rationalisten-Schule, der recht gut hebräisch verstand; und namentlich waren es zwei gelehrte Juden (der jüngere hatte in seiner Jugend die Jeschiba von Fürth besucht), mit denen er gern umging. Mir ist aus guter Quelle erzählt, daß er am Sterbebette des älteren jüdischen Freundes, als dieser eben das Leben aushauchte, neben dem jüngeren stehend, gesagt habe: loomus rwtdebi maus jeschorini n. f. w. — Auch mit dem jungen Nachfolger dieses Mannes stand H. in freundlichem Verkehr; er hatte vor Thaluek's Herrschaft studirt,