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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-29 · Heft 52 (29.12.1893) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 52 (29.12.1893)
Date
1893-12-29
Page
Seite 618 (sequence 8)
Language
German
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618 durch Zufall in beit Besitz dieses Schriftstückes. Sofort hatte sein hilfsbereites Wesen, sein um das Wohl seiner Glaubensgenossen ängstlich besorgtes Gemüth begrifsen, um was es sich handelte. Sein scharfer, im Wohlthuu erfinderischer Geist hatte auch bald das Mittel zur Abhilfe der Noth gefunden. Die seit nun einem Jahrzehnt so segensreich und wohlthätig wirkende Einrichtung der Chanukahbescheerung wurde von ihm ins Leben gerufen. Mit einem warmen Eifer und mit seltener Ausdauer nahm er sich der Sache au. Seine Menschenkenntnis; ließ ihn die rechten Personen finden, welche geeignet waren, seinen Intentionen entsprechend, sich der Kinder der Armen und Bedrängten anzunehmen, sie in den Stand zu setzen, sauber und reinlich gekleidet, gegen die Unbilden der Witterung geschützt, regelmäßig und pünktlich die Schulen zu besuchen. Daß aber diese Unterstützung nicht blos ein Akt der Wohlthätigkeit sei, sondern darüber hinaus ein Werk der Erziehung an den Kindern und durch diese auch au den Eltern, das war der Grundgedanke, der ihn bei dem Werk leitete, und der auch für alle an diesem Werke Betheiligten der leitende geblieben ist. Wie sehr nothweudig diese Art der Unterstützung und wie sehr praktisch der Weg zur Erreichung dieses Zieles war, davon legt der Umstand Zeuguiß ab, daß diese Institution sehr bald hier am Orte und in den meisten größeren Gemeinden Deutschlands Nachahmung gefunden hat. So sehen wir ihn überall helfend und rathend, sorgend und wohlbedacht für das Wohlergehen und die Interessen der Judenheit und des Judeuthums eintreteu. Tenn neben dem Gebote der Nächstenliebe stand ihm die Begeisterung für das überkommene geistige Erbgut unserer Väter am höchsten. Für die Begründung einer in Berlin herauszugebenden, die Ideen des fortgeschrittenen Judeuthums vertretenden Zeitung war er viele Jahre rastlos thütig. Er gehörte mit zu den Männern, welche der „Allgemeinen Zeitung des Judeuthums" seit dem Tage ihres Erscheinens in Berlin das wärmste Interesse euigegeubrachten. Als es galt, einem hochverdienten jüdischen Gelehrten eine Ovation zu bereiten, da wußte Ai. S. Meyer thatkräftig einzugreifen und dem richtigen Gedanken auch die rechte Form verleihen zu helfen. Kein Gebiet menschlichen Empfindens war ihm fremd, kein gemeinnütziges Unternehmen wandte sich vergeblich an ihn. Seiner Familie in selbloser Liebe zngethan, seinen Freunden ei» treuer Berather, seine» Mitmenschen ein Helfer und Netter, so lebt er fort im Andenken Aller, die ihn kannten, so ist sein Gedächtnis; zum Segen, so erfüllet sich an ihm das Prophetcnwort, mit tvelchem Herr Rabbiner Dr. Maybanm seine trostreiche Leichenrede schloß: innJE riJTm Und seine Ruhestätte wird sein in Ehren!" A. L. * Altbiblische und altgriechische Freundschaft. Bon Dr. S. Friedmann in Lublinitz. In der Bibel und in einem der Schiller'schen Gedichte wird uns bekanntlich ans alten Zeiten je ein herrliches und mächtig packendes Beispiel echter Frenudschast gelehrt. Des Dichters Ballade „Tic Bürgschaft" behandelt und besingt die Treue der Freundschaft, wie sie zur Zeit des pythagoräischen Geheimbnndes Ordenspflicht gewesen, in einem, wahrscheinlich historische» Beispiele, wenn auch mit einzelne», vom Dichter in genialer Weise erweiterten Zusätzen und Episoden. Während in der Bibel, im erste» Buche Samuel, das Frenndespaar Jonathan und David so lieb und so leuchtend dargestellt ist. Es dürfte nun nicht uninteressant sein, Beide einer näheren Vergleichung zu unterziehen und zu untersuchen, welches Frenndespaar — das älteste der Bibel oder das jüngere der griechischen Zeit — den Vorzug verdient, In der Ballade — so hat es wohl de» Anschein — wird die Freundschaft auf zwiefache Weise verherrlicht: 1. dadurch, daß der Bürge mit seinem eigenen Leben einsteht für die Rückkehr dessen,! der bei dem Tyrannen das Leben verwirkt; und 2. dadurch, daß der! Verbürgte der Versuchung widersteht, mannigfachen Gefahren für j sein Leben aus dem Wege zu gehen, sein eigenes Leben zu retten? auf Koste» des für ihn bürgenden Freundes. Aber in Wahrheit ist j es keineswegs der Verbiirgte, welcher die Frenndestrene repräsentirt,! und es ist nur nöthig, den negativen Fall zu setzen, um dies klar! zu erkennen. Wenn Möros-Phintias der Versuchung nicht wieder-! standen, wenn er das eigene, bereits verwirkte Leben gerettet, aber das unschuldige Leben des Bürgen Selinnntius-Damon preisgegeben hätte, so mußte er doch als ein nichtswürdiger Mensch, als ein leichtsinniger Mörder gelten. Indem er nun aber getha», wie er versprochen; indem er — wenn auch unter Kümpfen, Aengsten und Zittern — seinem Versprechen nachznkommen, bemüht und beetfett ist, hat er nur seine Pflicht — allerdings in besonders anerkennenswerther Weise — gethan. Von Zeichen besonderer Freundschaft aber kann bei ihm keine Rede sein. — Selinnntius-Damon allein bezeichnet j einen rechten Charakter der Freundschaft, der ohne jeden Einwand den Wunsch des Freundes als etwas Selbstverständliches „schweigend" erfüllt und sein eigenes Leben als Pfand dem Tyrannen überliefert. Und doch, wie sehr steht dieses bewnndernswerthe Beispiel noch hinter dem weit älteren Bilde der Bibel zurück! So sehr auch der Bürge in Lebensgefahr für den Freund schwebt, — hofft er doch bis zum letzten Augenblicke der gegebenen Frist, bis zu dem Momente,! da er schon an Stelle des Ansbleibenden den Tod erleiden soll, mit! der größten Zuversicht, daß der Freund unter allen Umständen zurückj kehren und ihn befreien werde. Es bedrängt ihn eigentlich nie eine wirkliche unmittelbare Gefahr. Ueberdics aber war er zur Erfüllung des Freundschaftsdienstes gewissermaßen verpflichtet durch seine Zugehörigkeit zu einem Geheimbnnde, dessen Mitglieder einen Frenndschaftsorden bildeten. Anders verhält es sich mit dem biblischen Paare. Jonathan, der Königssohn, folgt aus eigenster Initiative dem Drange seines reinen, der Wahrheit und deni Rechte ergebenen Herzens, als er zwischen dem königlichen Vater tmd dem Freunde David steht. Er geräth in Widerspruch und strengen Ungehorsam gegen Satil, er erträgt Beschimpfungen und Drohungen; er ist in den Augen seines Vaters ein ungetreuer Sohn unb in wirklicher fortwährender unmittelbarer Lebensgefahr in Folge seiner Freundschaft, er vernimmt aus dem Munde des Vaters Verdächtigungen gegen David i. als den nach dem Throne strebenden Mann, welcher ihn verdrängen! werde, und dennoch läßt er bis zu seinem Tode von dem Freunde nicht ab, welcher durch keinerlei That den eingebildeten Haß und die Verfolgnngssucht des Vaters begründet und rechtfertigt, sondern im Gegentheil durch sein Wesen und Thun die Liebe und Werthschätzung verdient. Wahrlich! Jonathan's Freundschaft bezeichnet in ihrem Ursprünge! und in ihren Wirkungen einen weit tieferen, innigeren Grad als j diejenige des altgriechischen Bürgen. Hier entspringt der Fceundschaftsdienst keinem äußeren Zwange, sondern der Quelle des verständigen Gemüthes und des gemüthvollen Verstandes; hier denkt Jonathan keinen Augenblick an sich und an sein Leben, sondern! nur daran, des Freundes Leben zti schützen. Und darnin verdient! das biblische Beispiel für immer den Vorzug vor dem anderen.

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