Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- Seite 617 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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617 abmähte, eine Ecke desselben für die Armen stehen lassen. Diese betrug nach Anordnung unserer Weisen mindestens des Feldes. Ferner durfte er die etwa vergessenen Garben nicht heimholen, sondern mußte sie den Armen überlassen. Ebenso durfte er nach einmaliger Obst- und Weinlese keine Nachlese halten. Dann mußte er von seinem Erntesegen eine kleine Hebe (Terumah), die ungefähr 2 pCt. betrug, den Priestern geben. Und min erst hatte er seine eigentliche Steuer zu zahlen, einen doppelten Zehnten, also genau so viel, wie Joseph den Aegyptern auferlegt hat. Den ersten Zehnten mußte der Israelit an den Levitenstamm abliefern, der vom Landbesitz ausgeschlossen war; den zweiten Zehnten jedoch 1 nuißte inan absondern und aufbewahre», um ihn oder dessen Gegenwerth während des Aufenthalts in der heiligen Stadt nach göttlicher Vorschrift zu verwenden. Im dritten und sechsten Jahre jeder Jahrwoche wurde statt dieses gottgelveihten zweite» Zehnte» ein Armenzehent abgesondert, der einzig und allein zur Armenunterstlitzung verwendet werden durfte. Daß diese Fülle von Abgaben, welche der jüdische Landwirth Jahr für Jahr zu zahlen hatte — mit Ausnahme des Schemittahjahres, in dem jeder Feld- und Gartenbau unterbleiben mußte — dem Volkswohlstände keinen Abbruch that, das wissen wir. Palästina war ein reiches, blühendes Land und hatte niemals unter agrarischen Unruhen zu leiden, die anderswo den Staat in seinen Grundfesten erschüttert haben. Vergleicht man die vielen Pflichtabgciben des israelitischen Volkes mit dem „Fünftel", das Joseph in Aegypten einführte, einem Lande, das schon in der Bibel „der Garten Gottes" heißt und späterhin als die Kornkammer Europas gerühmt wurde, so wird man zugeben, daß Joseph's Forderung nicht unbillig gewesen. Jedenfalls bildet sein Verfahren einen rühmlichen, wohlthuenden Gegensatz zu demjenigen, welches in vielen Gegenden, bis in cnrser Jahrhundert hinein, üblich war, dem gemäß die zur Leibeigenschaft verurtheilten Bauern während der besten Arbeitszeit von ihrer Gutsherrschaft in Anspruch genommen unirbeit und überdies noch einen große» Theil ihres mühsam erzielten Erntesegens an die Herrschaft abliefern mußten. Meyer Saloinon Meyer gest. 22. Dezember 1893. Berlin, 25. Dezeiliber. Einen guten Mann haben sie zu Grabe getragen; — uns war er mehr. M. S. Meyer ist in den weitesten Kreisen unserer Gemeinde bekannt —und darüber hinaus; sein Name ist eng verknüpft mit den Wohlthätigkeitsinstitutionen und Wohlthätigkeitsbestrebungen der Juden Berlins. Ein edler und reiner Charakter, voll der begeisterten Liebe zum Judenthum, der hingebenden Barmherzigkeit und Milde für seine Nebenmenschen, besonders die Elenden unter ihnen, wußte er mit einer seltenen Energie und Schaffensfreudigkeit einen scharfen Verstand und größte Umsicht zu vereinigen. Diese herrlichen Eigenschaften stellte er in den Dienst seines warmen Herzens, seiner allumfassenden Menschenliebe, immer bereit, zu helfen mit Rath und That. Hatte er irgendwo die Nothwendigkeit erkannt, für eine gute Sache einzutreten, so waren sein klarer Kopf und sein Heller Geist nie in Verlegenheit um die Mittel zur Ausführung seines Vorhabens, das immer einer guten Sache, einem edlen Zwecke galt; und die ihm "angeborene Energie, der in ihm wohnende Thatendrang ließen ihn nicht früher ruhen, bis er das Begonnene zum guten Ende geführt hatte. So kam es denn, daß er in allen Zweigen gemeinnütziger Thätigkeit, zu denen ihn das Vertrauen seiner Mitbürger berufen hatte, bald eine führende Rolle spielte und den meisten Institutionen, iit denen er mitwirkte, das Siegel seines Geistes für die Dauer aufgedrückt hat. Wo aber eine Lücke in der großen Kette der beiu wahren Geiste des Judenthums entsprechenden Veranstaltungen unserer Gemeinde seinem Scharfblicke sich zeigte, da wußte er mit erfinderischem Instinkte eines warmen Herzens Neues zu schaffen und es für die Dauer lebenskräftig zu gestalten. Geboren zu Prenzlau im Jahre 1819, wurde er dort als Sohn einer frommen und vornehmen FamilE ganz im Geiste des traditionellen Judenthums erzogen. Früh wandte er sich bent kaufmännischen Beruf zu und brachte es verhültnißmäßig rasch bis zum Chef einer hochangesehenen Firma am hiesigen Platze. So reich an äußeren Erfolgen auch seine geschäftliche Thätigkeit war, so konnte sie doch seinem Geiste und Gemüthe die rechte Befriedigung nicht gewähren und seinen Thätigkeitstrieb nicht ausfüllen. Sein Herz zog ihn ganz im Sinne der echten und wahren Religiosität, sich der Wohlthätigkeit zuzuwenden, wobei er aber auch für andere geistige Bestrebungen besonders innerhalb des Judenthums und für dasselbe ein offenes Auge und ein warmes Herz behielt. Hierbei wurde er von seiner feinsinnigen und mit reicher Herzensbildung begabten, jetzt um ihn trällernden Gemahlin aufs Trefflichste unterstiitzt. Jnl Jahre 1860 wllrde er Mitglied der Armenkommission der jüdischen Gemeinde, welches schwierige Anlt er bis au sein Lebensende mit opferwilliger Pflichttreue versah. Bon der Last der Jahre gedrückt, wollte er, nicht um sich Rühe zu göllnen, sondern um seinen andereil Ehrenämtern um so mehr Kraft uiib Zeit zuzuwenden, dasselbe mit Ablauf dieses Jahres niederlegen. Als bezeichiielld für die Art seiner Aintsführling in diesem Zweige jüdischer Woblthätigkeit mag es gestattet fein, aus dem Entwurf einer Adresse, die bei seineni Allsscheidell aus deul Anlte von Seiteil der Armelikonlmissioil ihm überreicht werden sollte, folgenden Passus hier anzuführen: . . . „Rastlos im Dienste der Nächstellliebe, ein sorgsamer Freund und Berather der Aruien itnb Bedrängten, unermüdlich, wenn es zll helfen galt, voll Eifer, wenn es nothwendig, die Interessen der Ariiienverwaltiiiig zll wahren, so erschiellell Sie schon vor Jahrzehnteil Ihren Kollegen, so flanben Sie dem Nachwuchs als leuchtendes Beispiel vor Allgen." Im Jahre 1867 in den Vorstand des Krankenhauses berufen, fand er dort das ergiebigste Feld für seille Thätigkeit. Fünfzehn Jahre lang loar er Vorsitzender dieses Vorstaildes und hat als solcher die Anstalt so gehoberl, daß sie als milstergiltig für alle derartigen Anstalten gelten kann. Von ihr ivollte er sich nur mit feinem Tode trennen — unb so geschah's. Auch Dem Vorstande des mit dem Krankenhause räumlich verbundenen Sieehenhalises gehörte er seit dessen Begriindung (1876) an. Als die neue Synagoge in der Oraniellbllrgerstraße eröffnet lind dort eine Gottesdienstordilung eingesührt wurde, welche dem Geiste unserer Zeit entsprechend, die äußeren Formen veredeln und die innere Andacht heben sollte, als es zur Dlirchführullg dieser Aufgabe gegen die damals vorhandene sehr starke Opposition ellergischer unb zielbewußter Männer bedurfte, wurde M. S. Meyer (1867) in den Vorstand dieser Syliagoge berufen, und er gehörte ihm so lange all, bis das Ziel erreicht war, bis die neuen Formen bei den Besuchern des Gottesdienstes zur Gewohnheit gewordeil waren. Aber einer, und zlvar der ilreigensten Schöpfung des nunmehr Verklärten, sei hier galiz besonders gedacht. Es war int Jahre 1883, als Schreiber dieses ein Memorandunl ausarbeitete, in welchem auf die Schäden hingewiesen wurde, beneu die ärmeren jüdischen Kinder! der hiesigell Kommunalschulen in Folge des Mangels von Kleidiiilg uuD I Lehrmitteln ausgesetzt seien. Der nunmehr Heimgegallgelle gelaugt