Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- Seite 615 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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615 | Eine Stimme aus dem Norden. I Stockholm, Dezember 1893.; ß Bor kurzer Zeit ist hier in dem Adolf Bomiier'fchen Berlage j ein Buch erschiene», das überall nicht allein wegen seines gediegenen i wissenschaftliche» Inhalts, sondern auch seiner ans der lautersten : Wahrheit beruhenden Darstellung halber großes Aufsehen erweckt, i Der Titel ist: „Der Kulturkampf zwischen den Semiten und den Indo - Europäern." Der Verfasser K. L. Tallquist, i ivelcher als Dozent an der Universität zu Helsingfors (Finland) lvirksam ist, hat, mit dem besonderen Zweck, einen Beitrag zur Beleuchtung der Judenfrage zu geben, in großen Zügen in dem Buche j den großen Kampf geschildert, der seit Jahrtausenden zwischen den j semitischen und den indo-europäischen Rassen geführt worden ist. Da der Schreiber dieser Zeilen von der Annahme allsgeht, daß der Inhalt dieser verdienstvollen Arbeit auch die Leser dieser i Zeitschrift interessiren dürfte, wird er denselben hier kurz skizziren; vielleicht bietet sich später Gelegenheit, näher auf einzelne Kapitel, die namentlich die Kümpfe der Juden behandeln, znrückzukommen. Zunächst weist der Verfasser nach, daß in dem ersten Theil des! zweiten Jahrhunderts vor Ehr. eine von semitischen Stämmen ge-! getragene hoch entwickelte Kultur bestand, während die Finsterniß der Barbarei noch über Europa ruhte. Die Keilschriften, welche vor einigen Jahren in el-Amarna in Aeghpten gefunden wurden, haben das Zeugniß abgegeben, daß jene Stamme mit einander in Wechselwirkung sich befanden; deiln sie enthielten eine Korrespondenz zwischen babylonisch-assyrischen Fürsten unb syrischen und phönizischen Herren einerseits und dem ägyptischen Hofe andererseits. Der Briefwechsel stammt aus dem fünften Jahrhundert vor Christi Geburt. Die Phönizier, das wichtigste Handels- und indnstrietreibende Volk dieses fernen Alterthums, verpflanzten die orientalische Kultur durch ihre Entdeckullgsreisen und Kolonisations-llnternchmungen nach den Ländern des Mittelmeeres. Die Indo-Europäer wurden auf diese j Weise die Vasallen der semitischen Kultur; aber sobald jene einen ' gewissen Punkt der Entwickelung erreicht hatten, erhoben sie sich zum j Kampfe für ihre freie Entwickelung. Auf diese Weise begann der; bewußte Streit zwischen den Semiten und den Jndo-Emopüern. j Den ersten Abschnitt dieses Kampfes bilden die eigentlichen persischen! Kriege. Die Perser hatten nämlich nach der Eroberung des assyrisch-! babylonische» Reiches und Vorderasiens die Kultur der besiegte» j Semiten in sich ausgenommen, und von den persischen Kriegen kann! man daher sagen, daß sie einen neuen Versuch von Seiten der j semitischen Kultur bezeichnen, festen Fuß in Europa zu gewinnen. Es ist ungewiß, sagt der Verfasser, auf welche Weise die europäische Kultur sich gestaltet haben würde, wenn nicht die Heldenthaten bei Maraton und Salamis eine Mauer gegen den Orientalismus errichtet hätte. Die junge, lebenskräftige griechische Kultur ging siegreich aus dem Kampfe hervor. Später jedoch drang sie durch Alexander des Großen Feldzug auf das uralte Kulturgebiet der Semiten erobernd ein. Der makedonische Heldenkönig vernichtete die Macht der Phönizier, und nachdem er die übrigen Länder der Semiten in Asien sich unterworfen hatte, soll er Pläne genährt haben, bis nach Karthago vorzudringen. Allein es waren doch erst die Römer, welche dieses letzte Bollwerk der semitischen Kultur am Mittelländischen Meere vernichteten. Solchergestalt führten Alexander des Großen Zug im Osten und der panische Krieg im Westen den Untergang der Semiten als herrschende Kulturmacht in ihrer frühesten Form herbei. Jndeß gelangten die Juden in eine eigenthümliche Stellung in weltgeschichtlicher Hinsicht. Unter der Herrschaft der ägyptischen Ptolemäer, die sich auch über Palästina erstreckte, wurde das alte Testament ins Griechische übersetzt. Das war der erste Schritt zur Verbreitung der jüdisch-semitischen Ideen und Moralbegriffe unter den Indo-Europäern, eine Verbreitung, die später durch das Christenthum wieder ausgenommen und vollbracht wurde. Die Römer strichen die Juden aus der Zahl der Nationen, worauf sie sich über alle Länder des Mittelländischen Meeres verbreiteten; aber von Palästina ging durch das Christenthum die Macht des Geistes aus, die die ganze antike Welt zu ihren Füßen legte, indem es siegreich den blutigen Verfolgungen trotzte, denen es im zweiten und dritten Jahrhundert ausgesetzt war. Die christliche Kirche stellte sich in natürlicher Reaktion in ein feindliches Verhältnis; zur antiken Kultur und begann nun ihrerseits eine Verfolgung gegen die Vertreter dieser. Diese fanden eine Zufluchtsstätte in Vorderasien, das unter die Herrschaft der persischen Sasaniden gekommen war, und hierhin begaben sich auch die nestorianischen Christen, welche einer eigenthümlichen Lehre über die Person Christi huldigten. Auf den Hochschulen Edessa, Risil u. s. w. wurde die griechische und römische Wissenschaft gelehrt. Aristoteles und Plinius u. A. m. wurden verdolmetscht und ins Syrische übersetzt. Die Naturwissenschaften und die Medizin hatten hier hervorragende Repräsentanten. Als nun aber die Araber nach dem Hervortreten Mnhammeds ihren Eroberungszug begannen, kamen sie in Syrien mit klassisch gebildeten Nestorianern in Verbindung, und in Aegypten wirkten die Juden auf sie ein, welche voir den Spekulationen der platonischen Philosophie erfüllt waren. Auf diese Weise wurden die Araber für das Mittelalter Europas, was die Phönizier für das Alterthum gewesen waren, nämlich: die Apostel der Kultur. Der Verfasser giebt dann — sozusagen — im Lapidarstil eine interessante Schilderung der arabischen Kultur in Spanien und betont die große Rolle, welche die Juden in dem Geistesleben auf der pyrenäischen Halbinsel spielten. Die Kulturbewegung, wozu die Araber den Anstoß gaben, bereitete den intellektuellen Abfall von der katholischen Kirche und die Revolution in der Weltanschauung vor, welche den Abschluß des Mittelalters und die Wiederanknüpfung der europäischen Entwickelung zur Kultur der klassischen Periode bezeichnet. Wie die Indo-Europäer und die Semiten während der entschwundenen Jahrhunderte als kämpfende Rivalen einander gegenüber standen, gerade so ist der Kampf zwischen ihnen in linferen Tagen wieder auf Afrikas Boden entflammt. Die europäische Kultur, sagt Herr Tallquist, hat in fremden unzivilisirten Landen sich ein neues Terrain gesucht und ist wieder auf ihren alten Gegner, die arabische Kultur gestoßen. Es ist den Arabern gelungen, eine herrschende Stellung in Afrika zu erreichet:, die sie keineswegs gesonnen sind, an die Indo-Europäer abzutreten. Die Civilisationsarbeit, welche die Europäer in Afrika begonnen haben, hat daher den Charakter eines Kampfes gegen die Araber und den Islam angenommen. Diesen Kampf muß man im Zusammenhänge mit dem großen Kulturkampf betrachte», von welchem dieser das letzte Stadium bildet, und derselbe verdient um so mehr Aufmerksamkeit, weil er die ganze Größe des Verfalls, dem die Araber seit der Zeit, als sie in Europa die Fahne der Civilisation trugen, enthüllt. Der Verfasser giebt in dem Schlußkapitel eine Uebersicht über die soziale Stellung der Juden im Mittelalter bis herab auf die neuere Zeit. Er weist nach, wie die Inden von dem Besitz des festen Eigenthums, von der Ausübung des Handwerks und von Bekleidung eines Amtes im Staate ausgeschlossen waren, wodurch der Schacher und Wucher ihre Beschäftigung wurde, die sie oft grausamen Mißhandlungen aussetzten. Indem der Verfasser auf diese Leiden hiuwies, für tvelche es einem humanen Zeitalter Pflicht '