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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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eines Schußgeldes für Juden. Diese nichtswürdige Kundgebung der llnerhörtesten Rohheit erregte damals die allgemeinste Entrüstung, und wir betonten, daß diese Aeußerung auf gleiche Stufe zu stellen sei mit dein eben so berüchtigten Schlagwvrt „Kaufet nur bei Christen", denn es ist gleichgültig. ob Jemand seiner Konfession wegen erschlagen oder ob aus demselben Grunde ihm der Erwerb und die bürgerliche Existenz unmöglich gemacht werden soll Das Gericht har über diese Aeußerung objektive Erhebungen gepflogen und auf Grund derselben an das Abgeordnetenhaus das Begehren um Auslieferung des Ernst Schneider gerichtet. Der Ausschuß hat nun dieses Begehren abgelehnt, weil hervorgehoben wurde, daß Schneider in seiner Rede auch gesagt habe, er wolle den legalen Boden nicht verlassen, weil die Aeußerung nicht ernst zu nehmen sei und weit sich thatsächlich Niemand gefürchtet habe. — Der zweite Erfolg ist, daß die Volkshalle des Rathhauses dem Vereine „Christliche Familie" und den Hetzreden des Prinzen Liechtenstein für eine Versammlung überlassen wurde; iit Folge dessen erschien das Präsidium des israelitischen Wählervereines „Union", bestehend aus den Herren Dozent Dr. Josef Grünfeld, Dr. Markus Spitzer und Großhändler Jakob Jeiteles, beim Bürgermeister Dr. Prix, um Verwahrung dagegen einzulegen. Motivirt wurde das Einschreiten des obenerwähnten Vereines mit der bekannten Thatsache, daß der Verein „Christliche Familie" in seinen Versammlungen ausschließlich die Hetze gegen Juden betreibe und den Rassenhaß predige. Für die jüdische Kaufmaunswelt sei gerade vor den kommenden Feiertagen die gegen sie inszenirte Hetze von großem Schaden Der Bürgermeister erwiederte der Deputation, daß der Verein „Christliche Familie" schon anfangs November um die Ueberlassung der Volkshalle eingeschritten sei Damals sei er als Bürgermeister nicht in Funktion gewesen, und der Magistrat habe das Gutachten abgegeben, daß laut Gemeinderathsbeschluß die Volkshalle erst vom 1. k. M. für Vereinszwecke nicht überlassen werde, demnach gegen eine derzeitige Ueberlassung derselben kein Hinderniß obwalte. Dr. Prix erklärte schließlich, er bedauere dies umsomehr, als ihm bekannt sei, daß die israelitischen Wähler treu zur liberalen Partei halten. — Das Kuratorium der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, bestehend aus den Herren Oberrabbiner Dr Güdemanu, ferner Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk und Karpeles als Vizepräsidenten und den Herren Dr. v. Gutmann und Dr. Lichtenstern als Mitgliedern, wurde gestern vom Kaiser in Audienz empfangen, uni dem Monarchen für die der neugegründeten Lehranstalt bewilligte Staatssubveutiou von jährlich 5000 fl. den Dank auszudrücken. Oberrabbiner Dr. Güdemanu sprach erst bedeckten Hauptes mit ausdrücklicher Bewilligung des Kaisers den rituell vorgeschriebenen Segensspruch und gab dann in warmen Worten den Gefühlen des Tankes für die gewährte Subvention Ausdruck. Der Monarch antwortete hierauf: „Es gereicht mir zur Befriedigung, der israelitischen theologischen Lehranstalt eine Subvention zu gewähren und ich hege die bestimmte Hoffnung, daß ans dieser Anstalt Männer hervorgehm werden, welche die jüdischen Gemeinden in dem bewährten und mir bekannten Patriotismus erhalten werden." Ter Monarch erkundigte sich dann, wie es mit der Frequenz der ''Anstalt stehe, und als Dr. Güdemann an die Beantwortung dieser Frage die Bemerkung knüpfte, daß auch für die Kenntniß der Landessprachen vorgesorgt sei, wandte sich der Kaiser an den Abgeordneten Dr. Byk mit der Fra??, ob auch das Polnische gelehrt werde und wie zahlreich der Besuch aus Galizien fei. Dr. Bpk antwortete, daß die größere Hälfte der Frequentanten aus Galizien stauune und ihr Studium der polnischen Sprache am Seminar fortsetze. Ter Kaiser bemerkte hierauf: „Es freut mich, daß diese Frequentanten in Oesterreich ihre Lehranstalt haben und nicht mehr ins 'Ausland gehen müssen." Huldreich entließ hierauf der Monarch die Deputation. — Ter Stadtrath hat sich zu einer höchst ehrenden Kundgebung für eines der verdienstvollsten Mitglieder des Gemeinderathes, für den Baurath Wilhellu Stiaßny, vereinigt. Durch nahezu zwei Dezennien wirkt Baurath Stiaßnp in der ersprießlichsten Weise in der Wiener Stadtvertretung für die Stadt und seine Mitbürger. Im alten Gemeinderath hatte er unter den städtischen Technikern die umfassendste Thütigkeit ans dem Gebiete des Bau- und Verkehrswesens entwickelt, und die wichtigsten technischen 'Arbeiten, Schöpfungen und Unternehmungen der Genwinde sind mit seinem Flamen verknüpft. Als Mitglied des technischen Komitees der Donauregnlirungskvminission hat er sich große und dauernde Verdienste um Wien erworben. Für den Generalbaulinienplan von Wien hat er als ständiger Referent im Gemeinderath die Grundlagen geschaffen. Baurath Stiaßny zahlte als Architekt zu den renommirtesten und gesuchtesten Fachmännern. Er hat eine große Zahl von schönen öffentlichen und privaten Bauten in Wien geschaffen. Speziell das Rothschild-Spital, welches er gebaut, gilt in technischer und hygienischer Beziehung als ein Musterwerk, welches ebenso wie der Tempel in Mariahilf Stiaßny's Namen auch im Auslande zu Ehren gebracht hat. Als Mensch ist Baurath Stiaßny eine überaus wohlwollende und liebenswürdige Natur, unb es entspricht diesem seinem Charakterzuge, daß er sich allen edlen, Humanitären Institutionen und Unternehmungen jederzeit gern zur Verfügung stellt. Ueber der: Antrag Boschaus wird der Stadtrath dem Gemeiuderathe empfehlen, es sei dem Baurathe Wilhelm Stiaßny ans Anlaß seines 25jährigen Jubiläums als Architekt und der silberigen .Hochzeitsfeier, welche er gleichzeitig begeht, das taxfreie Bürgerrecht der Stadt Wien zu verleihen. — Der vormalige Prokurist und Börsendisponeut des Hauses Rothschild in Wien, Herr Girolamo Morpurgo, hat, wie wir erfahren, Wien verlassen, um nach kurzen: Aufenthalte in Paris von einer französischen Hafenstadt aus sich nach Argentinien einzuschisfen. Herr Morpurgo will sieh in Argenrinien bleibend niederlassen. B. Budapest, 15. Dezember. Das Ministerium für Kultus und Unterricht hat sich dieser Tage veranlaßt gesehen, den in Munka cs zum zweiten Rabbiner gewählten Hersch Spira zur Versetzung der Seelsorgeagenden für unqualifizirt und unfähig zu erklären und seine Wahl zu annulliren. Der des Schreibens und Lesens unkundige, ans Galizien eingewanderte Spira wurde nämlich nach dem Ableben seines Vaters, des Munkacser Rabbiners, bei Umgehung sämmtlicher gesetzlichen Vorschriften und der gewaltthätigen Ausschließung einer großen Anzahl andersgesinnter Gemeindemitglieder zum Rabbiner gewählt. In Folge des Protestes gegen diese Wahl hat diese Angelegenheit auf Grund der durchgeführten Unterfitcfymg in oben erwähnter Weise ihren Abschluß gefunden. — Mit großer Spannung wird auch das Urtheil des Ministeriums in der Miskolczer „Rabbineraffaire" erwartet. Die dortige orthodoxe Gemeinde wollte einen der ungarischen Sprache mächtigen Prediger lind Religionslehrer anstellen. In Folge des ausgeschriebenen Konkurses meldeten sich mehrere Bewerber, die ihre Studien im Budapester oder in einem ausländischen Nabbinerseminar absolvirt haben. Noch ehe es zur Wahl kam, wurde gegen dieses Vorgehen mit der Begründung Protest erhoben, daß eine orthodoxe Gemeinde keinen Seminarrabbiner anstellen dürfe. — Der Nealschulprofessor Tr. Ignatz Habüsz wurde zum ordentlichen Professor an der Klausenburger Universität ernannt. — Sigmund K o hner, der Präses der Pester israelitischen Neligionsgemeiude, wird, wie Egyenlösbg meldet, ins Oberhaus berufen. —Frau Bernhard Deutsch de Hat van hat dem israelitischen Landes-Taubstummeninstitnt <>000 Kronen gespendet. — Der hauptstädtische Magistrat votirte der Budapest-Steinbrucher israelitischen Religionsgemeinde eine Subvention von -1000 Kronen. Rußland. F. Nieolajew, 27. November. Ihr Korrespondent berührte neulich auf der Durchreise Nieolajew, eine sieben Stunden von Odessa belegeue Stadt, und beeilt sich, da dieser Ort nur wohl höchst selten in einem jüdischen Blatte erwähnt wird. Ihnen etwas über die hiesige Gemeinde zu berichten. Die Gemeinde Hierselbst ist neu, da zu Zeiten des Zaren Nicolai nur wenige Juden hier zu wohnen berechtigt waren. Unter der Regierung 'Alexanders 11., der den Inden die Pforten der Stadt eröffnete, wuchs die Gemeinde wieder heran. Siezählt gegenwärtig 15,000 Seelen. JhreErwerbszweige sind sehr verschieden. Wir haben unter ihnen äußerst reiche Leute, allerdings nur wenige, Getreidehändler, Unternehmer am Kriegshafen, Rentiers und Bankiers. Die meisten der jüdischen Einwohner sind Handwerker, Vermittler und Arbeiter. - Auch eine große Gemeinde von Staraint befindet sich hier. Den Mitgliedern dieser religiösen Sekte geht es finanziell sehr gut. Merkwürdig erscheint au den Anhängern dieser Sekte, daß sie, trotzdem ihnen alle Privilegien eingeräumt sind, sodaß sie in einzelnen Dingen noch besser daran sind als die eingeborenen Slaven, immer mir noch an dem Handel sesthalten und sich keinem anderen Berufe widmen; trotzdem wird gegen diese Sekte niemals der Vorwurf erhoben, daß sie Handwerks- und Erdarbeitsfeinde seien. Mehr Glück als Verstand! — Das Verhältnis; der Eingeborenen zu den Israeliten ist als ein äußerst günstiges zu bezeichnen, nur wenige Ausnahmen bringen antisemitische Gesinnung zu Tage. — Bedauerlich ist es, daß in moralischer und religiöser Beziehung die Gemeinde so äußerst frei ist. DieHeitighaltnng des Sab bat Hs

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