Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 ist abgestreift, wie in Odessa, der Nachbarstadt. Auch das Erziehungswesen ist sehr vernachlässigt Die 80,000 Seelen zählende Stadt, welche am Bug und in der Nähe des Meeres gelegen ist, hat eine frische, linde Luft in den schönen breiten geräumigen Straßen. Ter Getreide Export, der hier seit Jahren betrieben wird, bietet den Einwohnern erhebliche Erwerbsquellen. Argentirlirn« F. Elaro (Entre - Rios), im November. In allen jüdischen Kolonien, die hier gegründet worden, arbeiten die Juden mit Liebe und Fleiß. Halb bewundernd, halb eine besondere Genugthuung empfindend, muß man es gewahren, wenn man hier das Treiben auf dem Felde betrachtet, wie schnell die Schneider und Schuster, ja selbst Talmudlehrer über stacht zu Bauern geworden sind und nun emsiglich ihrem Acker obliegen. Eine besondere Freude gewährt es auch, die Kinder im Felde zu sehen, die mit einem unermüdlichen Fleiße und mehr Fähigkeiten — als wären sie beim Acker ausgewachsen — den väterlichen Bauern zur Seite stehen. Leider findet sich bei einzelnen Kolonisten noch ein Fehler vor, dessen Tragweite man nicht unterschätzen sollte. Es ist dies der Mangel an Kenntniß der Regeln der agronomischen Lehre, der landwirthschaftl chen Bräuche und Gesetze. In derselben Kolonie, in welcher ich mich freuen durste, zwei 8 - 10 Jahre alte Kinder mit Ochsen die Felder ihrer Ellern pflügen zu sehen, in derselben mußte ich einen .Kolonisten gewahren, der nicht die geringste 'Ahnung von Aussaat des Weizens hatte. Mit Gartenanlagen befassen sich die Kolonisten weniger, weil ihnen hierfür Kenntnisse fast vollständig abgehen. Während meiner hiesigen 0monatlichen Aufenthattsperiode gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß Juden talentirt und geeignet sind, Landwirthschaft zu betreiben, denn in sehr kurzer Zeit eignen sie sich die Bräuche an und werden zu Kolonisten in des Wortes wahrster Bedeutung. Auch daß Argentinien sich zu Kolon isations- Zwecken am besten eignet (es giebt hier im Umkreis von Entre-Rios noch vielen Grund und Boden, der noch nie bearbeitet worden ist) wurde ich bald überzeugt. Weizen, Mais, Hirse und Flachs gedeihen hier besonders. Wenn auch Heuschrecken periodenweise auftreten (dieselben sollen sich ans je 7 Jahre niederlassen, denen alsdann 7 Jahre des Ueberflusses folgen-, so trägt doch der Acker eine immerhin gute Ernte, denn die Heuschrecken schaden vornehmlich dem Mais und den Gartenpflanzungen; Weizen und alle Pflanzungen, deren Saat im Monat Mai vorgenommen wird, iverden von der Heuschreckenplage wenig berührt. Im vorigen Jahre, in welchem hier im Kreise Entre - Rios die Heuschreckennoth herrschte, trug jeder Hektar dennoch 24 Centner Weizen, wovon sogar viel nach Europa exportirt wurde. Die Emigranten, die sich hier häuslich niederlassen sowohl, als auch die Kolonisten genießen dieselben Privilegien und liechte, die die Eingeborenen besitzen Deshalb erscheint uns Argentinien um so eher als der geeignetste Platz zur Anlegung jüdischer Dörfer und Kolonien. Wir hoffen, daß nach der Gründung der neuen 0 Kolonien uufere Besitzungen zu einer besonderen Blüthe gelangen werden. Handwerker können hier — aber nur irr geringer, begrenzter Anzahl — ihre gute Existenz finden, sie müssen jedoch in ihrem Handwerk gut beschlagen und ein wenig bemittelt sein, um für die erste Zeit sich häuslich einrichten und ernähren zu können, bis sie Beschäftigung finden. Leider sind die meisten einwandernden Handwerker vollständig unbemittelt und nur zu oft noch Stümper in ihrem Fache. Ein Theil der Emigranten, welche in den Kolonien des Barons Hirsch agrikulturell thätig waren — sie rekrutiren sich zumeist ans Handwerkern — haben sich nunmehr mit Hilfe des Vorstandes des Kolonisations-Vereins in Buenos - Ayres angesiedelt. Zimmerleute, Maurer, Erd- und Kanalisationsarbeiter finden hier keine ständige Beschäftigung. Eine Masse dieser Handwerker und Arbeiter hat in Buenos-Apres überhaupt noch keine, wenige auf einzelne Tage nur Beschäftigung gesunden. Allerdings wurde den Arbeitern der Tag mit 3 Dollars bezahlt. Tie Ansicht des Herrn Cohn, daß die Kolonisten schon zum Frühling 1804 ihre Familien aus Rußland nach Argentinien nachkommeu lassen können, ist eine richtige. Von Nah nnd Fern. — Tie deutsch-soz ialen Anti semiten brachten einen Antrag ein, den Reichskanzler zu ersuchen, ein Gesetz einzubringen, wodurch den Personen, die nicht in Deutschland geboren und erzogen sind, die dauernde, berufsmäßige Beschäftigung mit der Seelsorge, dem Jugendunterricht und der Erziehung verboten wird. — Unter reger Betheiligung der Bürgerschaft, sowie der Behörden feierte am 16. d. M. Sanitätsrath Dr. Kirschstein in Anklam das seltene Fest des 50jährigen Doktorjubitäums. Die Universität Berlin erneuerte dem in großer körperlicher wie geistiger Rüstigkeit noch seines Amtes waltenden Arzte das Doktordiplom honoris causa. Der Kaiser ehrte die großen Verdienste des Jubilars durch Verleihung des Rothen Adler-Ordens mit der Zahl 50. — Das Verbot der Beförderung russischer Auswanderer über Hamburg wurde durch Senatsbeschluß für diejenigen Auswanderer aufgehoben, welche die Untersuchung und Desinfektion in der Auswandererstation Ruhleben bei Berlin durchgemacht haben und vollbezahlte Fahrscheine der Packetfahrt - Gesellschaft besitzen. — Der Stadtverordneten - Vorsteher Dr. med. Mannheimer in Veuthen O.-Schl. feierte am 12. d. M. an seinem 60. Geburtstage das seltene Jubiläum der 25 jährigen Amtsthätigkeit als Haupt der Stadtverordneten - Versammlung. In Anerkennung seiner Wirksamkeit und seiner Verdienste hat die Bürgerschaft den Jubilar zum Ehrenbürger ernannt. — Dem Prediger und Religionslehrer Herrn S. Pionkowski in Brieg ist seit Mitte Oktober d. I. von dem Oberst Graf v. d. Schulenburg der Auftrag geworden, dem hiesigen Offizierkorps des 51. Niederschlesischen Infanterie-Regiments Unterricht in der russischen Sprache zu ertbeilen. — Dem Rechenschaftsbericht des „Vereins zur Unterstützung von Wittwen und Waisen armer israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs zufolge wurden im verflossenen Rechnungsjahre ca. 2000 M. an 9 Lehrerswittwm und deren Waisen vertheilt. Der Verein, dem sämmtliche Lehrer und Vorsänger des Landes angehören, zählt 138 außerordentliche Mitglieder. Das Gesammtvermögen des Vereins beträgt 43,882 M. 64 Pf. — Einer der Führer der Frankfurter Antisemiten, der Tuch- und Loosehänoler Gleim, der sich bei den jüngsten Wahlen und auch sonst durch seinen Antisemitismus besonders hervorthat, ist mit Hinterlassung bedeutender Schulden unb mehrerer gefälschter Wechsel nach Amerika durchgegangen. — Das Rabbinerpersonal in El! aß-Lothringen besteht aus 3 Ober- und 40 Lokal-Rabbinern, lUnter-Elsaß 1 Ober- und 19 Lokal-Rabbiner, Ober-Elsaß 1 Ober- und 20 Lokal-Rabbiner.) — Herr Dr. Goldzieher in Budapest wurde von der Akademie der Wissenschaften in Budapest mit der Abhaltung der Gedenkrede über Ernst Renan, das auswärtige Mitglied derselben, betraut. — Handelskammerrath Dr. Kolischer in Lemberg wurde in den neukonstituirten galizischen Eisenbahnrath berufen. — Ein polnischer Romanschriftsteller, Josef Rogosz, läßt vom 1. Dezember d. I. an in Krakau ein antisemitisches Tagblatt, betitelt „Glos JVarodu" („Volksstimme"), erscheinen. Air judenfeindlichen Auslassungen haben es auch die älteren Krakauer Journale nicht fehlen lassen. — Der berühmte russische Bildhauer- Bern stamm in Paris ist mit der Ausführung der Büste des Admirals Avellan, welche die Stadt diesem tapferen Offizier zur Erinnerung an seinen jüngsten hiesigen Aufenthalt widmen will, betraut worden. — Auch in Ferrara hat der Antisemitismus begonnen sich zu regen. Antonio Draghetti, der Herausgeber eines dunklen Wochenblättchens, erzählte seinen Lesern von den Massacren, welche die Juden immer um die Osterzeit herum unter den Christkindern anrichten. TXr Staatsanwalt stellte jedoch Draghetti vor den Richterstuhl, weil er zum Hasse gegen Staatsbürger aufgereizt hatte. Der Angeklagte berief sich nun auf eine Reihe christlicher Gelehrten, darunter auch auf Rohling, die Alle Srein und Bein darauf schwören, daß die Juden Christenblut zu ihren Osterbroden verwenden. Der Richter erklärte jedoch, daß alle diese Gelehrte für Italien nicht maßgebend seien. Draghetti wurde daher zu einer Kerkerstrafe von 105 Tagen verurtheilt. — Wie man uns aus Cairo schreibt, hat der Ministerpräsident Riaz Pascha, nachdem er davon Kenntniß erhielt, daß eine große Anzahl ausgewiesener russischer Juden sich aus Smyrna nach Aegypten zu begeben beabsichtige, den Gouverneur von Alexandrien, sowie die Behörden der übrigen ägyptischen Häfen angewiesen, die Landung dieser Juden nicht zu gestatten. Die den Verkehr zwischen Aegypten und Syrien vermittelnden Schifffahrtsgesellschaften, sowie der Bali von Smyrna sind hiervon telegraphisch in Kenntniß gesetzt worden. — Der Präsident der südafrikanischen Republik Transvaal, Mr. Krüger, hat den armen Juden von Jerusalem den Betrag von 60 Pfd. St. zukommen lassen. Rabbiner Salant hat für diese hochherzige Spende dem Präsidenten Krüger den Tank der Gemeinde ausgedrückt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.