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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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r>7. Jahrgang. Nr. 51. ®er^n* 22. Dezember 1893. WeiLage zurr „Allgemeinen Zeitung öes ZuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten.! Deutschland. -f- Berlin, 14. Dezember. In der Nacht vom 12. zum 13. b. M. j ist in der Altersversorgungs Anstalt der hiesigen Gemeinde der bekannte! Geograph und Schriftsteller Julius Löwenberg im Mer von j 94 Jahren sanft entschlafen Der Verstorbene, im Jahre 1800 zu Strelno , geboren, widmete sich schon in jungen Jahren der geographischen Wissen- > schaft. Alexander von Humboldt war sein Gönner, und ans dessen Leben; hat er viele Erinnerungen veröffentlicht. Von Löwenberg's Schriften! sind besonders zuerwähnen: Afrika (1835), Geschichte der Geographie (1840), j Humboldts Reisen in Amerika und Asien (1844), Historisch-geographischer z Atlas (1836 - 40), Alexander von Humboldt (1842), Geschichte der! geographischen Entdeckungen (1882), Die Entdeckung^ und Forfchungs-! Reisen in den beiden Polar-Zonen (1886). Löwenberg war auch ein guter! Jude, und die Allgemeine Zeitung des Judenthums hat ihm manchen! werthvollen Beitrag zu verdanken gehabt. Die Beerdigung des Verblichenen! fand am 14. auf dem jüdischen Friedhof zu Weißensee statt. Viele i Verwandte, Freunde und Berufsgenossen waren zu der ernsten Feier > herbeigeeilt. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Weiße. Ehre dem j Andenken Löwenbergs! j Berlin, 20. Dezember. Die Beschlagnahme des von den Antiz semiten in Umlauf gesetzten „Reisepasses nach Jerusalem" (Verlag! von C. Schröter, Dresden), durch den die Passanten der Friedrichstraße! so oft belästigt wurden, ist nach einer Mittheilung der Staatsanwalt-! schaft au die Betheiligten aufgehoben worden, nachdem der auf dem! Werk fehlende Name des Druckers und Verlegers nachträglich aufgedruckt I worden ist. Denn das allein war der Grund der Beschlagnahme! i X. Thorn, 18. Dezember. In unserer Gemeinde wurde am 10. d M. die vom Frauenverein veranstaltete Chanukahs eier festlich begangen, j Zu derselben fanden sich die Schuljugend der Religionsschnle, circa! 2OO Schüler und Schülerinnen, sowie zahlreiche Gemeindemitglieder ein. —! Vor circa 14 Tagen fanden die Neuwahlen zu den: „Verein für j Kranken- und Beerdigungs-Wesen" wie auch für den „Wohl-! thätigkeits-Verein" statt. Es wurden die altbewährten, laug-! jährigen Vorstandsmitglieder von Neuem wiedergewählt, und nur 2 Mitglieder traten neu ein. In beiden Vereinen führt Herr Sultan scn. den Vorsitz. Herr Ad. Jacob, Repräsentantenvorsteher, ist gleichzeitig Vor-! sitzender des „Ausschusses im Krankel:- und Rendant im Wohlthütigkeitsj Verein. Als Vorstandsmitglieder des Krankenvereins fungireu noch die! Herren: A. W. Cohn (Krankenpfleger), Rawitzki (Schriftführer), Samuel j Wollenberg (Rendant), A. S. Cohn, H. Jaeobsohn, A. Kirstein und! D. Sternberg sen. als Beisitzer. Den: Vorstande des Wohlthütigkeits-! Vereills, der seinen Mitgliedern gegen Pfandunterlage oder Wechsel Geld; bis zu 600 Mk. ohne Zinsen leiht, resp. ärmeren Familien unter die! Arme greift, gehören noch als Beisitzer die Herren Hermann Loewen- | sohn, D. Sternberg und Julius Lissak an. Vorsitzende des oben erwähnten Fraueuvereins ist Frau Johanna Sultan, die anderen Vori standsdamen sind Frau Fabian, Frau Dr. Horowitz, Frau Asch, und j werden dieselben von den Herren D. Wolfs, stellvertretendem Vori sitzenden des Gemeindevorstandes, Ad. Jacob und Dr. Horowitz unter-! stützt. Der letztere Verein bezweckt, armen Wöchnerinnen insbesondere! beizustehen und Reconvalescenten besondere Pflege augedeibeu 511 lassen, j Außer diesen Vereinen haben wir noch einen „Armenverein" und einen! „Centralverein". Jener entwickelt hier an der polnisch-russischen Grenze j eine außerordentliche Thätigkeit, und sind bestimmte Stunden am Vor- I und Nachmittag zur Abfertigung festgesetzt; dieser, dessen Vorsitzender j Herr Nathan Leiser ist, bezieht seine Geldquellen aus allen hiesigen j Vereinen und Gemeindemitteln und sorgt für verschämte Arme wie auch! für solche, welche sich einen kleinen Erwerbszweig gründen wollen.! Ferner haben wir noch einen „Verein zur Abwehr des Antisemitismus",! der leider auch hier schon Wurzel gefaßt hat, und einen „Verein für i jüdische Geschichte und Litteratur" in Aussicht, über die ich später Bericht sende, sobald dieselben sich konstituirt haben werden. Die Vorbedingungen hierzu sind in die Wege geleitet und einer Kommission übergeben worden. So zeigt sich auch hier, daß die Grundsätze Simons des Gerechten: „Thora, Awoda und Gmilus chassodim“ rege befolgt werden; über den gedeihlichen Fortgang der ersteren berichte ich Ihnen nächstens. — In den letzten zwei Jahren sind bei der hiesigen Gemeinde außer dem Lehrer Kramer neue Beamte eingetreten. An Stelle des seligen Rabbiners Herrn Dr. Oppenheim trat Herr Rabbiner Dr. Roseuberg aus Brandenburg ein. Derselbe hat sich in der kurzen Zeit seines nur einjährigen Wirkens die Achtung und Liebe aller hier bestehenden Parteien erworben, wobei besonders hervorzuheben ist, daß er nicht etwa „nach der Parteien Gunst" handelt, sondern gemäß dem Grundsatz: „suaviter in modo, fortiler in reu — mild in der Form, tapfer in der Sache — sowohl in Schule wie im kultnell religiösen Leben unentwegt ausführt, und mit dem streng sachlichen Inhalt auch die äußere gefällige Form verbindet, so daß die Gemeinde sich zu dieser getroffenen Wahl nur Glück wünschen kann. - An Stelle des Herrn Kantor Leipziger träte:: die Herren E. Zwillenberg und die Knltusbeamten H. Heilpern und Wolffsohn und Kantor Kulikoff aus Grätz ein. Am vergangenen Dienstag, den 5. d. Mts , feierte Herr Moritz Nnthansohn, der früher in Lobsms ansässig und Stadtältester war, aber seit 2 Jahren hier wohnt, seine goldene Hochzeit. Derselbe spendete aus Anlaß dieses Tages 100 Mark an die Stadt, mit der Maßgabe, sie ohne Unterschied der Konfession zu vertheilen. Herr Rabbiner Dr. Roseuberg überreichte mit einer Ansprache die von Ihren Majestäten gestiftete Ehejubiläumsmedaille an das Jubelpaar, welches von Kindern und Enkeln umgeben war und sich noch des rüstigsten Wohlseins erfreut. Xp. QstroUw, 12. Dezember. Nach einer amtlichen Zusammenstellung neueren Datums zählen die Volksschulen in: Regierungsbezirk insgesammt 106,523 Kinder, davon waren 61,953 katholisch, 42,388 evangelisch und 2090 jüdisch. Von den Lehrern waren 727 evangelisch, 622 katholisch und 36 jüdisch. Die Volksschulen im Reg.- Bez. Posen zählten zusammen 200,207 Kinder. Hiervon waren 150,018 katholisch, 47,153 evangelisch und 3019 jüdisch. Von den Lehrern waren 863 evangelisch, 1452 katholisch und 56 jüdisch. Demnach kommen durchschnittlich auf eine jüdische Lehrkraft 55 Kinder, während bei den Katholiken und Evangelischen 102, resp. 53 Kinder in der Provinz Pvsen auf eine Lehrkraft kommen. Von den Juden diesseitiger Provinz sind etwa 10 pCt. Volksschüler, von den evangelischen 16 pCt. und von den katholischen Bewohnern nahezu 21 pCt. Rein konfessionelle Schulen giebt es in der Provinz Posen 54, von denen 5 dreiklassig, 8 zweiklassig und 41 einklassig sind. 20 jüdische Lehrer wirken an Simultanschulen. X Schneidemühle 17. Dezember. Um meinen kleinen Bericht :nit Erfreulichem schließen zu können, bin ich gezwungen, mit dem Unerfreulichen zu beginnen. Seit einigen Wochen hat auch Schneidemühl seinen antisemitischen Verein. Ein hiesiger Restaurateur ist sein Begründer und Vorsitzender. Nicht ebenso leicht ist innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinde die Gründung eines Litteratur-Vereins gelungen. Er wird ja gewünscht, noch aber fehlt es an rechter Initiative. Viel Interesse dafür zeigt neben unfern: greisen Rabbiner Braun der jüdische Gemeinde- Vorstand mit seinem Vorsitzenden Bauquier Berliner. Letzterer ist 12 Jahre im Verstände, und die Gemeinde-Vertretung hat ihn als Beweis ihres Vertrauens vor einigen Wochen auf weitere 6 Jahre gewählt. - Es dürste vielleicht interessiren, daß, entgegen den Gepflogenheiten der meisten posenschen Gemeinden, in der hiesigen Synagoge an allen Sabbathen des Jahres Predigt stattflndet, und daß die Andacht durch Chor- und Gemeindegesang geordnet ist — Die Ausführung des Beschlusses, die Synagoge mit Dampfheizung zu versehen, ist nur der Brunnenkalamität wegen aufgeschoben. — Eine Chauukahfeier ist wie alljährlich auch diesmal unter reger Betheiligung der Gemeinde-Mitglieder begangen worden. — Große Genugthnung haben christliche Notabeln unserer Stadt, theils den höheren Beamtenklassen, theils dem angesehenen

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