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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 612 (sequence 14)
Language
German
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Gl 2 Spverhsaal. Wenn die Erwiederung auf meine Korrespondenz in der letzten Nummer d. Z. das bekannte „Füßchen" nicht gar zu sehr herausgesteckt hätte, so märe sie uuerwiedert geblieben, „y" meint, daß das Anwachsen der antisemitischen stimmen bei der letzten Reichstagswahl auf die „Zünftlerpartei zurückzuführen sei, deren Programm die Antisemiten zu vertreten versprachen." Nun hatte diese Partei aber einen eigenen Kandidaten aufgestellt, der auch eine Anzahl Stimmen erhielt, die also in den Tausenden antisemitischen Stimmen nicht enthalten sind Wie reimt sich das zusammen? Ebensowenig ist die „einzige Thatsache" mit dem „Bürgerschafts-Präsidenten" ohne Bedeutung. Der Herr mar nämlich erster Vizepräsident, als sein Vorgänger in den Senat gewählt wurde, und ist nur eine alte Praxis geübt morden. Die Behauptung, daß keine hiesige politische Zeitung „antisemitisch" gesinnt sei, ist sehr cum grano salis gemacht, „y" hält eben alle Zeitungen, die antisemitische Nachrichten verbreiten, wie auch die beiden ausgesprochenen Antisemitenblätter, die hier erscheinen, einfach für ,nicht politisch". Daß von 57 höheren Mädchenschulen vielleicht 3 oder 4 den jüdischen Kindern nicht gestatten, die Sabbathfeier zu beobachten, ist wieder sehr diplomatisch ausgedrückt. Vielleicht sind es auch mehr und: „es kommt doch sehr darauf an, was man zur Sabbathfeier rechnet." Für „y" ist das vielleicht irrelevant, was für „2" sehr erheblich ist. Das noch mehrere höhere Mädchenschulen am Orte sind, die unter fachkundiger jüdischer Leitung stehen, ist nirgends bestritten worden, allein die durch die Geburt verursachte Zugehörigkeit zur „Judenheit" ist noch keine Gewähr für „jüdische Gesinnung", für die Hochhalten des „Judenthums", befähigt noch nicht, Leiter einer „jüdischen" Schule zu sein. Es sind diese Schulen meist simultan und wird an ihnen mehr christlicher als jüdischer Religionsunterricht ertheilt Tie „gebührende Rücksicht", die diese „jüdischen" Leiter auch der „religiösem Erziehuug schenken", besteht darin, was „y" ja auch sicher weiß, daß am Sonntag eine Stunde oder, wenn die Schülerzahl erheblich ist, mehrere Stunden sogenannter Religionsunterricht ertheilt wird. Die „Töchterschule der israelitischen Gemeinde", „deren Ziele nicht weit von der höheren Töchterschule liegen" (wieder diplomatisch ausgedrückt), ist eine allgemeine Volksschule und kann doch unmöglich für die ganze jüdische Bevölkerung Hamburgs ausreichen und liegt ja, wie „y" selbst geschickt umschreibt, in ihren Zielen einer „höheren" Töchterschule fern. Ob ein Realschul-Direktor, der <>00 Kinder zu beaufsichtigen hat, nicht auch noch eine „Töchterschule" beaufsichtigen kann, das zu entscheiden muß „y" der Schulbehörde überlassen; nur soviel ist sicher, daß einer eher 600 oder 1000 Kinder in einer Schule, zu leiten versteht, wie ein anderer 50 bis 100. Die Seitenhiebe auf den Herrn Oberrabbiner übergehe ich und behaupte nochmals: Eine Schule die „für die Hoheit und Reinheit des jüdischen Lebens" zu begeistern im Stande ist, hat Hamburg nicht gehabt, und ist aus dieser Erwägung heraus, die neue Schule ein Bedürfniß, und werden ihr aus diesem Grunde die Sympathien aller Kreise entgegengebracht. Ausgeschlossen sind natürlich die zur „Judenheit" gehörigen Kreise, die in der Errichtung dieser neuen Schule einen materiellen Schaden für ihre Schulen befürchten.?. M. H a m bura, 13. Dezember. Als ich den Aufsatz meines verehrten Kollegen Herrn Julius Strauß in der vorigen Nummer dieser Zeitung las, fiel mir sofort der Satz aus einem alten Volksliede ein, welcher lautet: „Nach Einem Ziele streben wir Alle hin!" Wir Beide vertreten ja, ein Jeder nur mit anderen Worten, gleiche Ansichten und werden, im Grunde genommen, von ganz denselben Ideen geleitet, ob nun der Eine seinen Syuagogenchor alle vierzehn Tage vierstimmig oder der Andere diesen nur zu den Feiertagen und besonderen Anlässen, wozu ich die Halbfeste Ehanukah, Purim, die Neumondsabbatle, ja alle vier Wochen die Sabbathe der Nenmondverkündigung rechne, vierstimmig singen lassen will. Wir sind uns ferner darüber einig, daß der Synagogenchor jeden Sabbath antreten soll, um das Fundament des Gemeindegesanges zu bilden. Einig sind wir uns ferner darüber, daß der Jude im Gotteshause nicht btos passiver Zuhörer sein will, sondern thätig mit eingreifen möchte: es singt häufig, sagt Herr Strauß, eine Gemeindemitglied die bekannteren vierstimmigen Chöre gleich doppelstimmig mit. Das ist doch nur eine Bestätigung meiner Behauptung. Mein Ideal ist und bleibt daher in allererster Linie die Psiege des Gemeindegesanges, erstens durch Pflege desselben durch den Lehrer in der Schule. Diese legen den ersten Grundstein für die hebräischen Synagogenmelodien und die deutschen Ehoräle, und zweitens durch die Synagogenchöre als kräftige Träger und Führer des Gemeindegesanges. Nicht zu oft aber trage der Synagogenchor vierstimmige deutsche Chöre vor, alle vier Wochen zur Neumondverkündigung ist genug. Nicht jeder Chor steht auf solch künstlerischer Höhe, alle vierzehn Tage gediegenes Neues bieten zu können; denn nur Gediegenes soll er bieten, j Wir haben in Soest schon vor fünfzig Jahren gute Synagogenchöre gehabt und seit dreißig Jahren stehe ich aus Liebe zur Sache mit an deren Spitze. In Soest bestand eher ein Synagogen-Chor als ein Kirchenchor, welche hierorts erst Kinder der neueren Zeit sind. Letztere singen nur zu den Feiertagen und anderen festlichen Veranlassungen, nicht aber alle vierzehn Tage, also umgekehrt, wie Herr Strauß angiebt. Da ich nun die Erfahrung einer Generation hinter mir habe, so rufe ich auf Grund dieser meiner Erfahrungen den Leitern von heute oftrechtblühenden Chören zu: Sucht Eure Stärke nicht in dem Dominiren des Chors (was ja auch Herr Kollege Strauß nicht will), sondern sucht Eure Stärke mit Hilfe der Schule im Gemeindegesange! Ein heute blühender Chor kann nächstes Jahr durch verschiedene Umstände und Veranlassungen und durch die fluktuirende Zahl der jüngeren Mitglieder vielleicht gar wenig gesangstüchtig sein. Kann d e Gemeinde aber einmal singen, und sie sollte jeden Sabbalh ihre Choräle singen, so kann sie im schlimmen Falle des Chors entrathen, ohne daß die Feierlichkeit des Gottesdienstes darunter leidet. Denn das Gotteshaus ist eben kein Konzertsaal. Ich hatte eben zum Sabbath den Aufsatz des Herrn Strauß gelesen, worin er, was mir leid that, bezweifelt, d. h. zwar herzlichst wünscht, aber vorläufig noch bezweifelt, daß der Gemeindegesang die Feierlichkeit des Gottesdienstes erhöhe. Ich beschloß, sofort eine Probe zu machen. In der Synagoge trat ich, als vor dem deutschen Vortrage der deutsche Choral gesungen wurde, von meinem Platze neben dem Organisten au der Orgel zurück und begab mich zur Brüstung der Estrade der Chorbühne,! von wo ich Alles nicht blos übersehen, sondern in diesem Falle hören j konnte. Es war ein alter, hier seit zwei Generationen gesungener Choral,! der der Gemeinde zu Fleisch und Blut geworden, welcher von allen Seiten! an mein Ohr schlug. Da brachten mir die Schallwellen die frischen Kinderstiunnen der Schüler und Schülerinnen von der einen Seite, von j der anderen Seite trugen sie mir den Hellen Diskant schöner Damen und! die kräftigen Töne geschulter Männerstimmen (der Chormitglieder) zu und aus dein hohlen Rarun des Gotteshauses brausten mir dieselben, markigen und gut gesungenen Töne entgegen: wahrlich, es war das etwas Erhebendes. Ein gleicher Gedanke wurde von Allen singend! ausgesprochen, in gleichem Tone, in gleichem Zeitmaß, mit gleicher Inbrunst! Lieber Freund Strauß, hätten Sie neben mir gestanden. Sie würden an der packenden Wucht des Gemeindegesangrs nicht mehr zweifeln. Doch streiten wir uns nicht hierüber, und thun wir Jeder an seinem Platze derart seine Schuldigkeit, als wenn Jeder von uns den richtigen echten i Ring besäße, der nach Lessing die Eigenschaft hat, vor Gott und Menschen! angenehm zu machen. Mit Sängergruß Ihr! Soest, im Dezember. Julius Ruhstadt.! Mit Verwunderung las ich kürzlich in diesen Blättern, die Rabbiner I würden nicht oder doch nur selten zu solennen Einweihungen von; Schul Häusern und Kirchen, nue überhaupt zu öffentlichen Manifestationen zugezogen. Dem muß ich widersprechen. In ganz Süddeutschland, i in Bayern und Württemberg, Baden und speziell im Großherzogthum! Hessen geschieht es überall. Ich selbst bin zur Grundsteinlegung j und vor ein paar Tagen erst zur Einweihung einer neuen evangelischen > Kirche eingeladen gewesen, bin sogar auf dem Programm als zur! Geistlichkeit zählend namhaft angeführt, konnte derselben aber : leider wegen Unpäßlichkeit nicht beiwohnen und mußte mein Wegbleiben - entschuldigen. Man sollte doch solche, das Ansehen der Rabbinerwelt! schädigende Aeußerungen unterlassen. Gießen, 4. Dezember. Rabbiner Dr. Levi. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantworlllch für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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