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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 611 (sequence 13)
Language
German
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Cll nihlte er. Je näher die Mädchen kamen, desto schwüler wurde cs ihm zu Mnthe, es stieg ihm etwas wie Furcht beengend int Halse empor. Nun waren sie oben, leise grlis;tcn sie. Bodenbender nahm ohne Weiteres Annas Arm und schritt voraus ans dem breiten Weg, der zur Höhe leitete. Raphael folgte mit Recha in einiger Entsernung. „No," fragte er, „bist Tn gerne heraufgekommen?" „Warum sollte ich nicht," gab Recha zurück. „No, ich meine nur ... der Anna zu Gefallen, nicht wahr. .." „Ja, gewiß .. . Und Du?" „Gott, der Bodenbender hat mich so gedrängt . .. sonst ..." „No was .. . sonst? Sonst wärst Du wohl nicht mitgekommen?" „Ach doch, gewiß, ja .. . Tenn ich wollte Dir schon lang ... weißte . . . schon lang. Sieh mal da dorne." Bodenbcnder hatte Anna um die Hüfte gefaßt, und sie küßten sich fortwährend im Gehen, es sah zu Possirlich ans, wie zwei Bäume, die der Wind in gewissen Zwischenräumen zu einander beugte. Recha lachte rmd drängte sich unwiltkürlich dichter an Raphael. Resolut nahm sie seinen Arm. „Könnten wir nicht ein Paar abgeben," sagte sie und sah ihm schelmisch in die Angen. . „Wenn Tn wolltest, schon!" „Wirklich?" Raphael wurde ans einmal so wohl ums Herz. Er drückte Recha's Arm fest an sich, langsam steigend hatten sie die Höhe erreicht, ein schmaler Pfad führte in den Wald. Die Fichten standen so dicht, daß man kaum zwei Schritte weit sehen konnte, aber alle Bier kannten jeden Faß breit Landes ans dem Ramsberg. i Der wild wuchernden Natur war hier von Menschenhand ein! Ziel gesetzt. Die schmalen Bnschpfädchcn liefen ans breitere Schneisen,; i die wieder ans künstliche Rnndplätze stießen. Ileberalk waren lauschige! i Bänke im Walddnnkel anfgeschlagen. Ter Graf von Solms hatte s hier eine Art Stadtpark anlege» lasse». Der schönste Sri war eine Rnndbank »in die hohe Eiche, ein gesuchter Koseplatz für Liebes- Pärchen. Um die Abendzeit freilich war Niemand mehr dort. Es war zu dunkel und unheimlich. Raphael und Recha erreichten in harmlosem Kinderplandern die Bank. Es war gerade der Mond s anfgegangen und die Blätter der Eiche zitterten im Silberlicht. Bon drunten herauf klang das Abendläuten. Die beiden jungen Menscheni kinder setzten sich auf die Bank, ohne ihre verschränkten Arme zu I lösen. Sie hielten im Plaudern ein und lauschten dem Klange der Glocke», deren voller Akkord vom kühlen Wind gedämpft heraufi getragen wurde. Es kam etwas wie Märchenstimmnng über Raphael, j Wie ein Rausch legte sich ihm der Duft der Fichten auf die Sinne. I Er blickte durch die glitzernden Blätter der einzelnen Eiche hinauf nach dem Mond, zwei dunkle Wolkeufetzen verhüllten ihn halb, sic s wuchsen und breiteten sich immer mehr aus, so daß in wenigen Minuten die Scheibe in ihrem Dunkel verschwand. Jetzt schwiegen auch unten im Städtchen die Glocken. Es wurde ans einmal todtenstill im Walde, selbst der Wind war eingeschlafen. Ein warmer Hauch, schwer von Tannindüften, senkte sich ans die Liebenden. Recha wagte nicht zu athmen, es wurde ihr bänglich zu Mnthe, und unwillkürlich schmiegte sie sich fester an Raphael. „Ich bin müde" sagte sie leise. „Soll ich die Anderen rufen, wollen wir gehen?" fragte Raphael. „Nein, laß!" )Sie sah ihm glücklich in die Angen. Er fühlte das Schlagen i ihres Herzens an seiner Brust, der Athem ans ihrem halbgeöffnete» l Mund berührte ihn leise. Da erwachte eine unbezwingliche Sehni sucht in seinem Herzen, er zog leise den Arm fester um Recha's i Schulter, sie gab nach und drückte sich enger an ihn. ES war dunkel und still im Walde. Raphael neigte seinen Kopf, und ehe er wußte, was er that, legte er seinen Mund fest ans ihre weichen Lippen. Da brach der Mond wieder durch die Wolken und goß volles Licht auf die stille Bank im Walde. Die beiden Liebenden sahen sich an und erröthetcn tief, dann aber sanken sie sich von Neuem in die Arme und Raphael fand endlich Worte: „Wistst Du meine Frau werden, Tn Gute, Liebe?" „Ach ja!" sagte sie. Und dann traten sie heraus aus dem Walde, wo der Ramsberg felsig in das Ackerland abfiel. Der Biond lag voll über dem Lande, er blitzte auf dem See im Herrengarten und zitterte ans den Schieferdächern des Schlosses. „Wie schön, wie schön!" rief Recha begeistert aus, dann sprang sie vorne durch das Geröll den Berg hinab. III. Als Raphael am andern Morgen erwachte, konnte er sich nicht gleich besinnen, was ihm Liebes widerfahren sei. Wie die letzten Strahlen der scheidende» Sonne noch die Höhen vergolden, so hatte das gestrige Glück einen Abglanz auf seinem Gesichte zurückgclassen. Er mochte nicht gleich anfstehen. Es träumte sich so süß bei dem Rauschen des alten Birnbaums, der seine Beste bis in die Stube streckte. Raphael dachte noch einmal Alles durch, er besann sich, wie es doch gekommen sei, und überlegte, wie er sich nun weiter verhalten solle. Im ersten Augenblick kam ihm der Gedanke, die Schule zu verlassen und ein Handelsmann zu werden, wie sein Micthswirth der Feist Wolf. Aber da mußte er doch auch erst einige Jahre warten, ehe er heirathe» konnte. Alle seine Zweifel wurden ihm benommen, ats er hinunter znm Kaffee kam. Rechas Mutter, eine gute, etwas rundliche Bäuerin, kam auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. „Willkomme, Widder bei uns Raphael. Bleib fest bei Deim Entschluß, 's Rechelche hat mer Alles gesucht. Bleibt uch gut, er sollt uch kräige. Der Ephraim, das Gehlche, so e Laudschame, dem steckt se in der Noos, die Recha, aber ich dhuus net. D» bist ma Mann. . . Gebt nch en Kuß. er seid verlobt." Raphael küßte das liebe Mädchen, aber ihr Mund war kalt, ihr Kuß hatte nichts von dem süßen Feuer des gestrigen Abends. Nun die Alte wieder: „Geb' mer nach en Kuß, Du bist jetzt nach ma Sohn." „Mach kah Schmnhs, Alt," warf jetzt Feist hinein. „Setz der nf bei Stuhl. . . Raphael, daß mer »ix der Widder sin, wo de die Recha willst minime, hast de gesehn, awer, das iverscht de zngewe, de bist noch e Bub un mußt erst Manu iverdc. Geh ruhig in bei Schul im dhu bei Pflicht nach wie vor. Die Verlobung bleibt nnner Uiis." „Gut is," bestätigte die Alte. Feist stand auf und wollte an seiii Geschäft gehen. Es war Dienstag, da trieb er gewöhnlich nach Butzbach znm Biehmarkt. Zwar hatte sich Raphael schon gewundert, daß er noch im Hause, aber sein Verweilen ans die Verlobung mit Recha geschoben. Jetzt wurde sein Erstaunen vollkommen, als er Feist nach dem Karst greifen sah. „Ich hacke Kartoffele an der Röthgeser Straß," sagte er und ivandte sich zur Thür. „Net nach Butzbach?" fragte Raphael. „Butzbach, da lcs e mol die Zeitung;" und Feist Wolf kramte unter den Papieren auf dem altmodischen Schreibtisch ein Zeitnngsblatt hervor. < Forts, folgt.) *

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