Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- Seite 610 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-*©>- FEUILLETON! Raphael Goldschmidt. (Sine Erzählung aus Oberhessen von Ferdinand Runkel. (Fortsetzung.) „Ich geh jetzt, also um halb acht/' Anna warf ihre kleine Fleischmulde unter den linken Arm imb tänzelte den Hain hinauf nach der Bohueugasse. Tie war die Tochter des reichsten Metzgers im Städtchen und mit Recha von Kindheit an befreundet; auch die Räter machten schon Jahre lang zusammen Geschäfte. Raphael und Recha blieben allein zurück.; „Tie Anna hat alle Schlag einen Andern," unterbrach sie jetzt! das minutenlange Schweigen. I „Sie denkt sich da nichts dabei." „Aber sie kounnt ins Geschrei." „Mehr als schon ist, kann sie llicht hineinkommen. Man sagt : schlimme Tinge non bcm Mädel." „Was denn zum Beispiel?" Raphael wurde im Augenblick blutroth, als ihn Recha so unvermittelt fragte. „So was denkt mau, aber spricht's nicht aus," eutgegnete er; verwirrt. „Gott ja, sie ist lebenslustig und schön, da wird leicht was gesagt, ich glaube llicht, daß die Allna schlecht ist. . . Aber mein Essen, ich muß ja mal in die Küche. Komm', Du wirst auch Hunger ' haben." Tamit lief Recha weg. dem Hause zu. Raphael blickte ihr eine Zeit lang sinnend nach. „Sie ist doch ein schönes Mädchen," dachte er. „So eine wünschte ich mir zur Frau." Tann dachte er wieder, daß der Ephraim Hirsch imleit am Marktplatz, der ein Ledergeschäft hatte, sich für Recha interessirte; mit ihm konlite er nicht konkurriren. Erstens war er viel älter und konnte jeden Tag heirathen, und dann war er ein schöner Manll mit vollen! schwarzen Bart und kirschrothen Lippen. Raphael wußte wohl, daß er nicht berückend war. Zinn ersten Male heute that es ihm leid. Wenn er nur Rechas Gesinnung ausforschen könnte, ob sie warten wollte, bis er ausstudirt. Tann wollte er ja auch gerne Rabbiner werden, obgleich er gar keine Neigung dazu verspürte. Er möchte sie so gerne fragen . . . Nur ein Stündchen mit ihr allein! . . . Und heute Abend, ja, das war die beste Gelegenheit. Langsam ging er ins Haus. Rechas kleine Geschwister kamen ihm mit Körben entgegen, um das Mittagbrod auf die Wiesen zu tragen. Im großen Familieuzimmer des Feist Wolf'schen Hauses war der Tisch schon gedeckt. Raphael setzte sich. Wenige Minuten darauf erschien Recha mit der Suppe. „Wir sind heute ganz allein." sagte sie, „also iß, und ich will nur das klebrige holen, dann setz' ich mich zu Dir." „Ich wart', bis Tu wieder kommst." Es wurde Raphael so eigenthülnlich wohl zu Muth, wenn er; das hübsche Mädchen so nürthschaften sah. Sie würde einmal eine tüchtige Hausfrau werden. Wer sie bekam, machte sein Glück. Jetzt kam sie zurück, setzte sich an den Tisch, und die Beiden aßen und Plauderten harmlos wie zwei Kinder. Nach dem Essen holte sich Raphael seine lange Pfeife, Recha! legte die Hände in den Schoos; und blickte den Fliegen nach, die an! der Tecke des niedrigen Zimmers ihre Kreise zogen. Draußen brütete die Mittagsgluth, sie zitterte über den Erbsen und Bohnen im Hain, , sie drückte auf die Blätter der Obstbäume und beugte die Grashalme zu Boden. Tie beiden Menschenkinder fühlten das heiße, wollüstige Wehen in der Natur, ihre Gefühle drängten einander entgegen und dennoch hielt Jedes die eigene Scheu zurück. Recha hatte die Augen geschlossen und saß in der Ecke des altväterischen Sophas, Raphael saß am Fenster und blickte auf den Hain hinaus. Es kam etwas über ihn wie schwüle Sommerluft, die die Nerven lähmt und das Denken verwirrt. Er sah Recha vor sich als sein Weib, sein schönes, bescheidenes Weib. Auf einmal wurde ihm heiß in der Kehle, die Lippen wurden ihm trocken, er lechzte nach Erfrischung, ein Kuß von ihrem Munde, ein Kuß... Er sprang plötzlich auf und rief „Recha" . .. Sie sah ihn an ... da ... da ... ging die Klingel im Laden und das Mädchen lief hinein, um zu bedienen. „Ist Raphael zu Hause?" hörte er im Laden fragen und erkannte die Stimme seines Klassenbruders Bodenbender. „Ja, bitte," antwortete Recha, und Beide traten ins Zimmer. „Guten Tag, Raphael. Bist Du mir noch böse wegen heute Morgen? Ich Hab' Dich wirklich nicht ärgern wollen. Gott, Du weißt ja, wie es so geht, die Zunge ist schneller als der Verstand." „Mach nicht so viel Redensarten, die Sache ist vorbei und dauiit gut." „Wollen wir nicht ein bischen ausgehen, auf den Ramsberg oder nach dem Thiergartenteich baden? Ich war gestern schon dort, das Wasser ist hübsch. Schalter Hab' ich vorhin gesprochen, er kommt auch mit." Raphael war unschlüssig. Aber Recha nickte ihm zu und sagte: „Geh nur, aber mach, daß Du zum Kaffee wieder hier bist. . . Dein Badezeug habe ich in den Garten gehängt." Raphael ging ungern; erstens war ihm Bodenbender seit dein Auftritte von heute Morgen noch unsympathischer und zweitens fühlte er sich so wohl mit Recha allein zu Hause. Schließlich gab er doch den; vereinten Drängen nach, denn auch Schalter war vor dem Hause erschienen und hatte gepfiffen; als man ihn nicht gehört, war er heraufgekommen und trank wie immer einen Liqueur in Feist Wolfs Laden. Sie gingen über den Marktplatz, da kam ihnen Anna entgegengehuscht: „Na wohin, schon wieder baden?" „Ja," antwortete Bodenbender, „nach dem Thiergartenteich." „Gott, der fordert jedes Jahr sein Opfer, nehmt Euch nur in Acht." Alle Drei lachten und Schalter eutgegnete lustig: „Hab' nur keine Angst um uns. Einer bleibt Dir ja doch noch übrig, und wenn's der Raphael ist." „Schallerche, Schallerche!" drohte Anna.- Es war Abend geworden, ein stiller, duftiger Abend, die Sonne fuhr noch einmal wie liebkosend über das hohe Thurmdach des Solmsischen Schlosses, dann schwand sie langsam hinter den Bogelsbergen. lieber den Ramsberg huschte die Nacht, sie legte ihre weichen Schwingen um Wald und Feld. Oben am Berg, wo die Hecke den grünen Weg, der aus dem Herrengarten heraufführte, abschloß, lagen Bodeubender und Raphael im hohen Grase. Sie warteten auf die beiden Mädchen. Schon schlug es unten auf dem Kircheuthurm acht Uhr, eine halbe Stunde war schon über die verabredete Zeit verstrichen, da erschienen unten am Kasinogebäude die Mädchen. Sie stiegen langsam bergan. Mit jedem Schritt erhöhte sich die Ungeduld der Wartenden mehr. Bodenbender wußte, was ihm gewährt wurde, Raphael sehnte sich nach etwas Ungewissem, das er nicht fassen konnte, aber etwas unendlich Süßes mußte es sein, das