Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- Seite 609 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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609 belebung des Mittelalters anstrebten, keine Rede, dagegen wurde die römisch-katholische nicht nur von dem ehemaligen Protestanten Overbeck, sondern auch von PH. Beit ausschließlich betont. Das bedeutendste gemeinsame Denkmal dieser Schule, die Fresken der Casa Bartholdy, behandelt die Geschichte Josephs. Diese im oberen Stock der Berliner Nationalgalerie befindlichen Bilder sind von streng sittlichem, alttestanientarischem Geiste durchweht und fast frei von der sonstigen romantischen Verschwommenheit dieser Schule. Eine selbstständige deutsche Kunst begann in der Mitte dieses Jahrhunderts in München und Düsseldorf aufznblühen. An dieser Stelle darf wohl hervorgehoben werden, daß die bedeutendsten Führer der Düsseldorfer Schule vielfach anregende Beziehungen zu Juden unterhielte», so Schadow. Auf der Familientafel des Geschlechtes David Fciedlanders finden wir Professor I. Hübner (ff 1882). Von größerer Bedeutung ist Eduard Bendemann, dessen großes Geschichtsbild „Jeremias auf den Trümmern Jerusalems" im Vestibül der Berliner Nationalgalerie allgemein bekannt ist. Eduard Bendemann, geb. 1811, gehörte einer der vornehmsten jüdischen Familien Berlins an. Der im Jahre 1857 im Alter von 89 Jahren verstorbene Kommerzieurath A. Bendemann war Mitbegründer des Auerbach'schen Waisenhauses, als dessen Kassenverwalter er bis zu seine:» Tode wirkte. Eduard Bendemann schuf, 1838 nach Dresden berufen, im dortigen Schlosse seine bedeutendsten Werke und wurde Direktor der Düsseldorfer Akademie. Ganz dem jüdischen Gemüth entsprossen ist eines seiner Bilder, welches die Juden an den Wassern Babylons darstellt, da sie ihre Harfen aufhingen und um Zion weinten. Der Psalm 137 „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten", ist das Motiv des ersten großen Bildes des jugendlichen Bendemann, das sich unter dem Namen „Die gefangenen Juden in der Verbannung" im Walraff-Richartz-Museum zu Köln befindet. Der Maler dieses im Stil eines Wandgemäldes komponirten Bildes, dessen Figuren sich durch eine lyrisch-elegische Haltung auszeichnen, gehörte schon wegen dieser einen Darstellung in diese Betrachtung über den (Einfluß) Jdeenkreis des Judenthums in der Malerei, obwohl ihn jene Zeitepoche, in der nach Heine's witzigem Worte „die Taufe das Entreebillet zur europäischen Kultur" war, seinem Stamm entfremdet und dem Chlistenthum zugeführt hatte. Als Sohn des bereits genannten Bankiers A. Bendemann am 3. Dezember 1811 in Berlin geboren, wuchs der junge Bendemann in jenem Milieu auf, das durch Freundschaft zwischen Schleiermacher und Henriette Herz am treffendsten charakterisirt wird, und bei dem das Judenthum unter den damaligen geistvosten Vertretern der Litteratur und Kunst schon deshalb sehr in den Schatten gestellt wurde, weil man es einerseits zu wenig kannte, andererseits Alles vom Standpunkt der schönheitsseligeil Romantik beurtheilte. In diese verschwommene Geistesrichtung trug Ed. Bendemann, von Jugend auf mit der ernsten Poesie der Psalmen unb Propheten vertraut, seine Begeisterung für die herrlichen Gestalten des alten Testaments. Schon während er noch die Prima des Joachimsthal'schen Gymnasiums besuchte, nahm er einige Stunden in der Woche, von seinem jungen Freunde und nachherigen Schwager, Julius Hübner, angeregt, an dem Ilnterricht in der Akademie Theil. Seine Mutter, eine geborene van Halle, einer alten jüdischen Patrizierfamilie angehörig, war eifrig bemüht, seine Geistes- und Gemüthsrichtung durch stete Anregiing zii entwickeln. Im Sommer 1827 folgte Bendemann seinem Meister Schadow nach Düsseldorf. Ein im Herbst 1828 gemaltes Bildniß, Bendemann's Großmutter, rief als die Leistung eines Siebzehnjährigen allgemeine Beivunderung hervor. Seinen ersten Versuch als Jdylleninalcr des alten Testaments unternahm Bendemann mit dem Bilde „Boas und Ruth". Immer niehr vertiefte er sich in den Geist elegischer Stiinmung lind in das tragische Geschick seines Stammes. Die erste Frucht seiner italienischen Reise und dieser Studien war, wie schon genannt, jenes Bild, das die Juden an den Wassern Babels darstellt (1832), ferner ein Albiimblatt nach den Worten des Hohen Liedes „Und ich bin dein und du bist mein." (1834). Als erweiterte Variation der nationaljüdische» Klage führte Bendemanu auf Bestellung des Kronprinzen und nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm IV. in den Jahren 1834—35 sein zweites Hauptgemülde „Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem" aus. Mit diesem im Besitz des Kaisers Wilhelm II. befindlichen und jetzt im Schlosse zu Hannover j befindlichen Bilde errang der Künstler im Alter von 25 Jahren die große goldene Medaille und einen berühmten Namen. Inmitten der Verkörperung tiefster Trauer und Resignation fesselt vor Allem die mächtige Gestalt des Propheten das Auge. Im Jahre 1838 zog er mit seinem Schwager I. Hübner als Profesior der Akademie nach Dresden, wo er neben seiner ersprießlichen j Lehrthätigkeit das königliche Schloß mit Cyklcn von Wandgemälden! schmückte, unter denen die Gestaltenreihe der Gesetzgeber des Alterthums i Moses, David, Salomo, Zoroaster, Lykurg auch an dieser Stelle j Erwähnung verdient. 1855 waren diese Arbeiten vollendet. Immer wieder kehrte Bendemann von der Antike zu dem Jdeenkreise des alten Testaments zurück. In dieser Zeit malte er das Aquarell! „Mosis Lobgesang nach dem Durchzug durch das rothe Meer"! (1857. Im Privatbcsitz in Berlin) und den leider unvollendet ge-! bliebenenKarton „Zion und Babel" (1860—70). 1859 übernahm j Bendemann als Nachfolger seines Schivagers, W. v. Schadow, die j Direktion der Akademie zu Düsseldorf, wo er viele Schüler uni sich! sammelte. Nachdem er für das Haus seines Bruders in der Viktoriai straße in Berlin die Darstellung der vier menschlichen Lebensalter l geschaffen, folgte 1864 seinem jetzt in Kassel aufbewahrten Gemälde j „Penelope" ein monninentales Bild für dcii Schangerichtssaal in - Naumburg, „Kain und Abel". Unter den Porträts Bendemanns verdienen hier Erwähnung das Porträt seines Vaters, des Banquiers j A. Bendemann (1862), des Professors Droysen, Heinrich v. Sybels, Ferdinand Hillers (1864), Jakob Henles, E. Jakobsons (1868),! Julius Friedlünders (1870) und Georg Beselers. Das Hauptwerk voir Bendemanns späterem Leben, das ihn I mehrere Jahre beschäftigte, ivar das 1872 vollendete und im Vestibül der Berliner Nationalgalerie ausgestellte Kotossalgemälde der „Wegführung der Juden in die babylonische Gefangenschaft". Im Gegen-; satz zu seinem früheren mehr elegischen „Jeremias" packt Bendemann! hier durch dramatische Kraft und kräftiges Kolorit. Namentlich mit diesem Werke schlug Bendemann die Brücke zum modernen : Realismus. I Auf diesem Gebiete sind aus dem Nachwiichs jüdischer Maler einige hervorragende Talente thätig. Wir schließen indes; hier unsere j Skizze, welche dargethan hat, daß die Nacht der Ghetti auch in j den bildenden Künsten die Reproduktionskraft und das Genie des! jüdischen Stammes nicht zu ersticken vermochte. Gerade hier gleicht j der jüdische Geist der Rose von Jericho. — Die Bilder von j Professor Moritz Oppenheim, welche das jüdische Familien-! leben darstellen, siiid unsereu Leser» bekannt. Ihnen wird man auch den Vorivurf mangelnder Originalität nicht machen können, den man sonst gern gegen die jüdischen Maler erhebt. U