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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 608 (sequence 10)
Language
German
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608 vorgetragen haben. Nach der Panse begann das Minchah-Gebet in dein, wie im vorausgegangenen Schachrith und Mußaf die Selichoth eine große Rolle spielen, eine weit größere als in unseren Gebetordnungen für die hohen Festtage. Jene haben auch den Borzug vor den unsrigen, daß sie in weit reinerem, iveniger gekünsteltem Hebräisch abgefaßt und auch ohne Kommentar verständlich sind, was bei letzteren bekanntlich nicht der Fall ist. Leider fühlte ich mich nicht ganz wohl, so daß ich genöthigt war, noch vor Beendigung des Gottesdienstes mein Hotel auszusuchen. Dagegen hatte ich noch Gelegenheit zu sehen, daß am ersten Feiertage des Laubhttttenfestes int großen türkischen Bazar, von dem man sich keine Vorstellung inachen kan», wenn man ihn nicht gesehen hat, trotz maga/in de Louvre, printemps und belle jardiniere in Paris, oder OLrfoii u. A. in Berlin, die jüdischen Geschäfte geschlossen waren, gerade so wie an türkischen Feiertagen die türkische» — so alle Freitag z. B. — und an christlichen die christlichen Läden — wenn man diese hölzernen, engen kleineir Buden, in denen aber trotzdem oft die kostbarsten Stoffe und Zeuge, sowie Gold- und Silbergeschmeide zu finden sind, so neunen darf. Und nun noch ein Wort zu ui Schluffe dieser Skizze über die physische Beschaffenheit der Juden in der europäischen Türkei. Bekanntlich behaupten die Antisemiten und andere Leute, die sich über Dinge ein Urtheil anmaßen, auch wenn sie von ihnen nichts verstehen, daß sämmtliche Juden der Welt körperlich gleich gestaltet sind; allein wer genau zusieht, muß gestehen, daß diese Ansicht haltlos und rein aus der Luft gegriffen ist. Ich habe sowohl in Frankreich als in Italien, wie in der europäischen Türkei Juden in den Synagogen gesehen, die ich auf der Straße ihrem Aussehen nach nie und nimmer für solche gehalten hätte: neben dem tiefdunklen findet man eine» ganz Hellen Typus, der an den sogenannten germanischen erinnert. Und wer, wie Schreiber dieser Zeilen, selbst in deutschen und polnischen Synagogen, wie in Berlin, Wien und anderen Großstädten, sein Augenmerk auf die physische Beschaffenheit der Juden richtet, muß zugeben, daß jene Ansicht von der völligen Gleichheit im Aussehen aller Juden eine ganz irrige sei. Aber was wurde und wird nicht Alles über die Juden behauptet! Doch darüber ein andermal. U Indische Maler und das Stoffgebiet des Iudenthums in der Materei. Von M. Friedeberg. Leroy-Benulieu erwähnt in seinem jüngste» Buche über „Israel bei den Völkern", wie die gründliche Besprechung unter dem Titel „Ein Apostel des Friedens" in diesen Blättern hervorhob, nur drei jüdische Künstler, aber alle drei von Weltruf, — um die Assimilationskraft des jüdischen Geistes auch auf dem Gebiete der Kunst zu erweisen — nämlich Antokolsky, Max Liebermann und Israels. Ueber den Bildhauer Antokolsky, der jetzt in Paris lebt, ist auch in diesen Blättern schon viel geschrieben worden. Max Liebermann der einer Berliner jüdischen Patrizicrfamilie angehört, ist vor Jahresfrist in „Westermanns Monatsheften" eingehend als das moderne Haupt des sozialen naturalistischen Genres gewürdigt worden. Ebenso wie Joseph Israels, der, nahezu 70jährig, in Hang lebt, entlehnt er die Stoffe seiner Genrebilder dem Lebe» der Armuth. Israels Bilder zieren die Museen seiner holländischen Heimath, in der er von seinen Kunstgenossen als Meister einer besonderen Schule offiziell anerkannt ist. Seine Genrebilder „Frauewoos", „Allein in der Welt", der „Kampf ums Dasein" u. v. andere zeigen große Innigkeit des Gemüths, ein Zug, der bei Liebermann hinter dem stark kritischen Gepräge seines Geistes zurücktritt. Wenn Liebermann erst kürzlich von einem antisemitischen Blatte seines Glaubens wegen schmählich angegriffen wurde, so braucht er sich auch über ein Uebermaß offizieller Anerkennung in Berlin nicht zu beklagen. Man kennt ihn besser au dem Wohnorte Leroy-Beaulieus als in seiner Heimath. Merkwürdig, wenn auch erklärlich, ist es, daß dieser französische Schriftsteller in seiner den Juden in der Kunst gewidmeten Betrachtung die beiden in Frankreich viel gefeierten Maler Henry Levi und Emil Levi nicht erwähnt. E. Levi ist bereits todt, sein Bruder H. Levi lebt hochaugesehe» in Paris, er steht in sozialer Beziehung dem Jndenthum viel näher als alle die bisher genannten Meister. Als junger Mann erhielt er den städtischen Preis von Paris, tvurde auf Kosten der Stadt zu Studien nach Italien geschickt und malte für das Pantheon mehrere dekorative Wandbilder aus der Geschichte, auch im Palais Luxembourg befinden sich Bilder dieses Malers. Jungen jüdischen Künstlern, die nach Paris kommen, widmet er ein besonderes Interesse, namentlich Unbemittelten erleichtert er die für sie besonders dornenvolle Laufbahn. — In Paris stndirte auch Max Michael, der, einer begüterten jüdischen Familie Hamburgs entsprossen, vor wenigen Jahren als Professor an der Berliner Akademie der Künste verstorben ist. Er lebte lange Jahre in Italien, und seine Genrebilder zeichneten sich durch erhabene Technik und schönes Kolorit aus. Michael war talmudisch gebildet und unterhielt sich mit seinen jüdischen Schülern gern über jüdische Fragen; die von ihm auch materiell Unterstützten richtete er gern mit dem Spruche auf: ♦rur» am am arr-i p Nichts konnte de» durch Medaillen in Berlin, Paris und Rom ausgezeichneten Künstler mehr verletzen als die Angriffe auf seine Glaubensgenossen, und oft gab er auch im Kreise seiner nichtjüdischen Schiller seiner Entrüstung über den Antisemitismus lebhaften Ausdruck. Bilder von Michael befinden sich in Galerien in Berlin, Cöln und Hamburg. Das Mitschaffen der Juden auf dem Gebiete der modernen Kunst ist noch zu jungen Datums, um eine gründliche kunstkritische Betrachtung auf das spezifisch Jüdische hin zu ermöglichen. Viel bedeutender als der Einfluß jüdischer Maler oder überhaupt von Künstlern jüdischer Abstammung ist der Einfluß des jüdischen Stoffgebietes in der gesammten Geschichte der Malerei. Es seien hier nur noch zwei Maler jüdischer Abstammung erwähnt, die für uns Deutsche besonderes Interesse haben, weil sie einer Periode angehörten, in der ein Jude sich nur durch eine Entfremdung von seiner Glaubensgemeinschaft ein Schaffensgebiet erobern konnte. Als Enkel Moses Mendelssohn nicht minder bekannt denn als Maler ist Ph. Veit, lange Zeit Vorstand der Kunstschule in Frankfurt, der ebenso wie sein Meister Overbeck zum Katholizismus übertrat. Ueber diese Richtilng, welche in der Kunstgeschichte die uazarenische genannt wird, einige Worte. Ursprünglich hatte sich das Christenthum in den ersten Jahrhunderten seiner Existenz, aus Opposition gegen den mit der Klinst eng verbundenen antiken Kultus, durchaus feindlich aller künstlerischen Thütigkeit gegenübergestellt. Anders war es im Mittelalter, in dem die Malerei die Magd der Religion war, bis die Renaissance wieder dem klassischen Alterthum den ihm gebiihrenden Einfluß zurück eroberte. Nach Ablauf der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts fand die klassische Auffassung einen mächtigen Gegner in dem neuen Ideal der Romantik. Von einer nationalen Auffassung >var bei dieseli Malern, welche eine Wieder-

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