Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- Seite 607 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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607 uiif?, nieder so orthodox ist, noch so viel Hebräisch imb die jüdische I Vittemtni' kennt, als die Alten. Doch soll es in Salonik, wie mir! gesagt wurde, sehr diele Inden geben, die im Talmud und der mittelalterlichen jüdischen Litteratur wohl bewandert sind. So lernte ich einen dort allgemein bekannten alten Herrn femteu, an den ich von Wien ans eine Empfehlung hotte, der Kaufmann und jüdischer Gelehrter war. Ich stellte mich ihm in seinem Comptoir vor, das so primitiv tuie möglich eingerichtet war und vor hundert Jahren höchst wahrscheinlich ebenso ansgesehen haben wird, wie heute. Unsere Unterhaltung war zuerst hebräisch, das mir von meiner frühesten Kindheit an geläufig ist; aber da mir seine sephardische Aussprache, an die ich nicht gewöhnt bin, das Verständnis; erschwerte, so gingen wir ins Französische über. Es war nun höchst interessant zu beobachten, wie der Sohn des alten Herrn, \m es schien, der jetzige Geschäftsführer, europäisch gekleidet war unb ohne Kopfbedeckung da saß, während der Vater; sich türkisch trug, den Kopf mit dem Fez bedeckt hatte, und was; noch merkwürdiger war, in der rechten Hand einen „Rosenkranz" — 1 im katholischen Sinne gemeint — hielt, mit dein er immer spielte.! Es ist nämlich bei den Türken gerade so Brauch, den Rosenkranz hernnterzubeten, wie bei den Katholiken, infolgedessen jene stets eine, sei es aus Bernstein, Korallen oder Glasperlen bestehende Kette in der Hand tragen, die sie sonst auch geradezu als Spielzeug gebrauchen, damit die Hände eine Beschäftigung haben. Doch einzig und allein zu diesem Zwecke tragen die Juden eine solche Kette, denen das Rosenkranz-Beten ja völlig fremd ist, aber auffallend war die Erscheinung doch, die sich fast täglich auf allen Straßen darbietet. Ich setzte nun. wie gesagt, meine Reise fort von Salonik nach Konstantinopel. wo ich mich zwölf Tage aufhielt, den Jom-Kippur und die ersten Tage des Laubhüttenfestes verlebte, und so reichlich Gelegenheit fand, die Juden zu beobachten. Es leben in Koustantinopel gegen 50,000 Juden, die vorzugsweise am Goldenen Horn, in Bülat und Hasköi wohnen, d. h. in; Stambnl; es sind das ebenfalls Spaniolen wie in Salonik, während in den europäischen Vierteln Konstantinopels, wie in Pera und Kalata, meist deutsche, polnische und russische Inden wohnen, aber wie ich im Jom-Kippur mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, auch Sephardim. Am Vorabend des Versöhnungstages ging ich nämlich in eine Synagoge, — natürlich, ohne das; ich nach einer Eintrittskarte gefragt wurde, so wenig wie in den spaniolischen Synagogen in Koustantinopel selbst am Versöhnungstage, odervoriges Jahr in Mailand und Nizza, wo ich die hohen Festtage verlebte, in der nur Polnische und russische Juden beteten, natürlich ganz nach dem Ritus, wie er seit Jahrhunderten in osteuropäischen Synagogen im Gebrauch ist. Da lag sogar auf dem Fußboden, was deutschen Juden völlig fremd sein dürste, Stroh, damit man sich die nnbeschuhten Füße nicht erkälte, ganz so. wie ich es von Polen her kenne. In der That glaubte ich auch mich wirklich dahin versetzt: ich hörte da mir längst vertraute Laute, meine eigentliche Muttersprache, das Judendeutsch, „diesen vielgeschmahten Jargon", der allerdings vom sprachgeschichllichen Standpunkte aus weit interessanter und wichtiger ist, als mancher selbst unserer Glaubensgenossen meint, unb dem jetzt auch Germanisten ihre Aufrnerksamkeit schenken?); Ich erfuhr nun da von meinem Nachbar in der Synagoge, daß Dreiviertel der anwesenden Juden — und die Synagoge war ge- : l) Vergl. R. M. Werner im: Anzeiger für deutsches Alterthum und deutsche Litteratnr, Hrsg, von Steiumeyer, Bd XV 1889, S. 58 ff, und Bd. XVIII 1892, S. 291 ff., — und Leo Wiener in: ^meriean.journul of philolo-y, XIV 1893, S. 41 ff. - drängt voll — Schneider wären, die in Koustantinopel gut bezahlt würden und sich redlich und anständig ernährten. Ja, es giebt sogar, wie Jener mir sagte, eine kleine Synagoge für Schueidergeselien; nebenbei bemerkt, kenne ich auch von meiner Vaterstadt her eine „Schneiderschnl"; — was sagen wohl die Herren Antisemiten dazu? Ich erkundigte mich auch, ob irgend welche Beziehungen zwischen den türkischen und den deutsch-polnischen Inden vorhanden wären, da wurde mir zur Antwort: „gar keine"; schon ans dem einfachen Grunde natürlich, weil sie sich gegenseitig gar nicht verständigen können, während die Herren Antisemiten innner und immer lvieder behaupten, daß die Inden überall zusammenhalten wie die Kletten. Am Versöhnungstage selbst fand ich nun in Galata, ganz zufällig, mehrere Synagogen der Spaniolen, was mir schon deshalb sehr angenehm war, da ich den Polnisch-jüdischen Ritus seit Jahrzehnten zur Genüge kenne, während ich den sephardischen, ich meine den der Spaniolen, nur dann und wann kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Ich kam zuerst in eine sogenannte italienische Synagoge, die vielleicht daher diesen Namen hatte, weil die ersten Gründer derselben Italiener waren, denn die Anwesenden sprachen spanisch und trugen durchweg Fez. Sie sah ganz stattlich ans, war stark besucht und hatte sehr schöne und kostbare kle-kodesch (heilige Gerüthe) zur Bedeckung der Thorarollen, welch' letzteres auf eine wohlhabende Gemeinde schließen ließ. Auch hier waren die Gesänge, wie der den italienischen Juden in Italien selbst, — wie ich sie einmal in diesem Blatte geschildert habe, — ebenso die Art und Weise der Thoravorlesung (der „Trop") völlig verschieden von denen der polnischen und deutschen Glaubensgenossen: da war auch nicht eine Spur zu finden von den den Allermeisten wohlbekannten, wahrhaft erhebenden Melodien während.der hohen Festtage, wasmür nicht inehr auffiel, da ich das bereits von Rom und anderen italienischen Städten her kannte. Ich war dagegen ganz erstaunt, als ich hörte, wie der Synagogendiener, nachdem der Vorbeter des Schachrith das letzte Wort gesprochen hatte, laut aufing, die Mizwoth feilzubieten mit den Worten: quaranta danda Petichuh, d. h. 40 Piaster für die „Petichah" (das Oefsnen des Allerheiligsten, um die Thorarollen herauszunehmen), und in dieser Weise mürben auch die anderen Mizwoth regelrecht versteigert; ein Vorgang, der zwar nicht mehr, dank unserem modernen, würdigeren Gottesdienst, in deutschen, wohl aber in polnischen Synagogen noch gang und gäbe ist. An letztere erinnern auch die endlosen Mi-scheberach mit den obligaten Spenden dazu nach bem jedesmaligen Vorlesen des Thoraabschnittes, nur wurde dem Anfgerufenen, wenn er auf seinen Platz zurückkehrte, nicht, wie dort, vom Publikum das bekannte: Hascher koach, sondern cliasak (sei stark) zugerufen, als Dank für die Erwähnung im Mi-scheberach. Das darauf folgende Mnßaf-Gebet zeigte dasselbe Gepräge, wie in den mehrfach erwähnten italienischen Städten. Es fehlte vor Allem auch dort die piece de resistance am Rosch-Haschana und Jom-Kippur bei uns, der Uneihane tokef, der in keinem sephardischen Gebetbuch für die hohen Festtage zu finden ist. Als das Mußaf nun beendet war, — von einer Predigt war gar keine Rede — trat eine mindestens dreistündige Pause ein, während welcher sich eine ganze Schaar zusammenthat, um gemeinsam die Psalmen zu beten, wobei bald dieser bald jener laut vortrug; da ich aber keinen Psalmentext vor mir hatte, und ihre Aussprache des Hebräischen nicht leicht so ohne Weiteres verständlich ist, so kann ich nicht einmal sagen, ob Jene mit oder ohne Verständnis; des Textes