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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 606 (sequence 8)
Language
German
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das; sie Alles, was sie einmal lieb gewonnen habein nicht so leicht! aufgeben, mit einem Worte, das; sie eigentlich konservativ sind. i Doch soll nicht in Abrede gestellt werden, das; die auch nur l einigermaßen Gebildete;; unter den Spaniolen, gerade so, wie die ans der gleichen Bildungsstufe stehenden Grieche;! und Türken, des i französischen vollkommen mächtig sind, das sie entweder in den i Schulen der Alliance israrlile lernen, oder von französischen oder; deutschen, aber des französischen kundigen Gouvernanten, die in jedem besser situirten Hause gehalten werden; natürlich spricht jeder Jude in der europäischen Türkei außerdem noch türkisch, so das; sehr viele in drei Sprachen ihren Gedanken Ausdruck geben können, aber unter sich reden sie, wie gesagt, spanisch, was namentlich das Gros der jüdischen Bevölkerung betrifft. Es herrscht überhaupt ein gewaltiger Unterschied, wie wir ihn! im Abendland gar nicht kennen, sowohl was die Tracht als was die! Erwerbsart, die tägliche Beschäftigung anlangt, zwischen der bester j gestellten Minderheit und der ärmeren Bolksklasse unter den Inden.! Während jene, unter der sich übrigens keineswegs so reiche finden, wie; sie bisweilen in Europa zu finden sind, europäisch sich kleiden, nur ' mit dem Fez. aber ohne Turban aus dem Kopfe, tragen diese ineist! eine den Oberkörper bedeckende Jacke, an die sich weite Pluderhosen! anschlieszen, und welche beide, naruentlich am Sabbath, ein langer Kaftan umhüllt, der ganz oder theilweise — nur verbrennt — mit Pelz beseht ist und selbst bei großer Hitze getragen imrb, wie ich es selbst gesehen habe. Auch bei den frauen ist ein Unterschied in der; Kleidung wahrznnehmen; so tragen sich die Mädchen bis zu ihrer Berheirathnng europäisch, nach derselben wird ihnen natürlich, wie bei den Jüdinnen in den stavischen Ländern, das Haar abgeschnitten; und ein bunter Kopfputz mit nach hinten herabfallendem Wulst tritt; an seine Stelle. j Was das Erwerbsleben der Juden anbetrifft, so sind sie nicht blos Kaufleute und Industrielle, die eben zur besser situirten Minderheit gehören, sondern auch alle möglichen Hantirnngen und Handwerke dienen ihnen zum Lebensunterhalt. So findet man fast dnrchlveg nur jüdische Bootsleute und Lastträger, so das;, als an einem Sonnabend der österreichische Lloyddampfer „Niobe" von Salonik nach Konstantinopel gehen sollte und das Aus- und Einladen von allerlei Waaren im Hafen von Salonik bis in die sinkende Rächt dauerte, der Vertreter der Lloyd - Agenzie es dainit entschuldigte, das; am Sabbath die jüdischen Lastträger und Bootsleute für alles Geld in der Welt nicht zu haben wären. So sagte mir dort auch der deutsche Konsul, Herr Tr. Mordtmann, der ein Studiengenosse von mir ist, und der sich meiner auch in der liebenswürdigsten Weise angenonnnen hatte, das; er am Sabbath vollkommene Ruhe habe. Nebenbei bemerkt — bekanntlich behaupten die Antisemiten, das; die Juden nur auf Schacher ansgeheu und die schwere Arbeit scheuen, — dürfte es Manchem interessant sein, zu erfahren, das; auch in Polen die Juden nicht blas Handwerker, sondern auch Lastträger sind; und ich erinnere mich noch ganz genau, das; uh nicht wenig erstaunt war, als ich Ende der fünfziger Jahre als Knabe ans meiner Vaterstadt, Rzeszow in i Galizien, nach Breslau kam, christliche Lastträger zu sehen, da ich nur Inden als solche kannte.! Blau kann überhaupt eine sehr weitgehende Aehnlichkeit zwischen > den polnischen und orientalischen Juden wahrnehmen. So wird,; wie bei jenen, auch bei diesen der Sabbath sehr heilig gehalten. j Sobald es Freitag Abend dunkelte, wurden alle Läden geschlossen,! und Alles eilte zur Synagoge; die Arbeiter und Lastträger nnmittel-! bar von der Arbeit in ihren zerlumpten und zerrissenen Arbeitsanzügen, die sie nst am andern Morgen mit besseren unb saubereren vertauschten. Ebenso ist die Art und Weise des Betens ganz so wie bei den Chassidim in Polen: es war am Freitag Abend, im Vorhof der Synagoge, sobald sich da an irgend einer Ecke ein Minjan (zehn Leute) zusammenfand, ging es imnrer von Neuem mit „Borchn" (den! Beginn des Maarib) los, und zwar so laut, so schreiend, das; ich froh war, nicht zn denen zu gehören, die zu glauben scheinen, daß der liebe Herrgott stocktaub sei. Ich will aber nicht verschweigen, das; gewisse Formen des Gottesdienstes bei den Türken gar sehr an jüdische erinnern. Es geht z. B. im Kloster (tekke) der heulenden Derwische in Stntari, dem asiatischen Theile Konstantinopels, — auch Salonik besitzt ein solches Kloster — noch weit schlimmer zu: dieser ohrenzerreißende Lärm, dieses Keuchen und Schäumen vor lauter Ekstase und das Hin- und Herwerfen des Oberkörpers sind geradezu unbeschreiblich. So wurde ich an meine früheste Jugend erinnert, als ich eines Freitags Nachmittags — während des Gottesdienstes ist der Eintritt nicht gestattet, — der bekanntlich der türkische Sabbath ist, eine Moschee in Konstantinopel besuchte und einen halb erwachsenen jungen Mann über den! Koran sitzen sah, so laut als möglich ihn schreien hörte und dann wahrnahm, wie er dabei den Körper von vorn nach hinten ununterbrochen bewegte: ganz so, dachte ich, wie wir es im Clieder (der Talmudschnle) in Polen als Knaben gethan haben, oder als Erwachsene im Beth-lia-midrasch. An letzteres gemahnte mich auch die Art und Weise, wie der Koran in den Moscheen erklärt wird. Ta saßen in einer derselben-— ich glaube, es war die berühmte Suleimanije in Konstantinopel — so ziemlich in einer Reihe, aber von einander entfernt, drei Derwische, die um sich je einen Hansen alter und junger Leute sitzen sahen, denen sie den Koran oder einen Kommentar desselben, und zwar so laut, daß es schallte, und fast mit denselben charakteristischen Handbewegungen erklärten, wie inan sie nur noch in der polnisch-jüdischen „Klans" oder im Beth-ha-inirirasch, wo der Maggid den Midrasch zum Wochenabschnitt oder ein mittelalterliches Sefer-Iui-mussar (Sittenlehre) seinen andächtig lauschenden Zuhörern erklärt, zn beobachten Gelegenheit hat. Doch zurück zu den Inden in Salonik. Wie gesagt, am Sonnabend ruhen alle Geschäfte und sind alle Läden geschlossen, so daß, wie mir erzählt wurde, als zwei deutsche, dort eingewanderte Juden es wagten, am Sabbath ihre Laden offen zu halten, ihnen vom Chacham (den! Rabbiner) bedeutet wurde, daß das nicht ginge und daß sie der allgemeinen, jüdischen Sitte sich fügen müßten, was sie auch gethan haben. Es war meine Absicht, auch am Sonnabend Morgen die Inden in der Synagoge zu beobachten, ihre Art zu beten, ihre Sabbathgesänge zu hören u. s. w., allein als ich um halb neun Uhr früh in die mir zunächst gelegene Synagoge kam, war der Gottesdienst bereits beendet, und zwar aus dem Grunde, wurde mir bedeutet, fange tium früh zu beten an, damit man zur rechten Zeit das Scheina (Höre Israel) sprechen könne. Aber trotz aller Frömmigkeit konnte inan am Sabbath in den Cafehüusern, die in Salonik, wie in den oriental!schen Städten überhaupt, zahllos vorhanden sind, Inden sehen, die, wenn auch nicht um Geld, Karten spielten; eine Unsitte, die der Chacham in seinen Predigten, wie mir gesagt wurde, iunuer und immer wieder rügt, aber ohne Erfolg. Uebrigens machen das die sonst orthodoxen Juden in Elsaß-Lothringen ganz ebenso, wie ich inehr als einmal als Soldat im Jahre 1870/71 in Pfalzburg in Deutsch-Lothringen zu beobachten Gelegenheit hatte. Doch sind es in Salonik nur jüngere Leute, die im Cafe Karten spielend den Sabbath zubringen, wie überhaupt die männliche Jugend, wenigstens soweit sie westeuropäische Bildung besitzt, ganz wie bei

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