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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 605 (sequence 7)
Language
German
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605 höheren Berufe des Mensche». Man wird den alte» Gott i»t Herzen wiederfinden. So lehrt uns die Geschichte der Menschheit. In den abfließenden Gewässern der Vergangenheit spiegelt sich der Himmel der Zukunft. Man wird dann auch die Wahrheit jenes alten Satzes empfinden: Die Religion ist dem Menschen angeboren. Nur einen Beweis hierfür. Die Wirklichkeit ist unermeßlich. Niemals wird ihre unendliche Mannigfaltigkeit don einem Menschen erfaßt werden können. Immer bleiben Lücken. Diese füllt theils das Mnthmaßen, theils die Gedankenarbeit Anderer ans. Aber auch das genügt nicht. Fragen, die über dies Leben hinausgehen, und selbst solche, die innerhalb desselben austreten, erfordern irgend eine Lösung, die der Verstand nicht geben kann. Der Glaube muß das Bild! vollenden. Der Mensch wäre unglücklich, wenn er sich nicht eine; Vorstellung von dem machen könnte, was um ihn ist. Das Rüthsel! seiner Existenz wäre noch dunkler für ihn, ohne Trost, ohne Licht. j „Ich glaube nicht," sagt Friedrich Paulsen'), „das; die Religion .... aussterben wird. Ich glaube nicht, daß die Menschheit jemals ihr inneres Verhältniß zur Wirklichkeit auf das wissenschaftliche Erkennen einschränken wird. Wäre der Mensch ein rein intellektuelles Wesen, dann möchte er sich an den Bruchstücken der Erkenntniß genügen lasten, welche die wistenschaftliche Forschung nach und nach zusaunnenträgt. Aber er ist nicht blos Verstand. Er ist auch vor So einfältig-tief diese Wahrheit ist, so oft wird sie verkannt. Es ist nothwendig, sie auch in Bezug auf die Religion ausznsprechen. Also: Jedes Gefühl muß gepflegt werden. Sonst verdorrt es und führt zur Unnatur. Religion ist auch Gefühl. Sie erfordert eine intensive Pflege. Man muß, um sie rein zu besitzen, erkennen, was da war und ist, wie Andere dachten und fühlten. Es ist nach all dem klar, wie man dem jüdischen Antisemitismus, der von der Religion allsgeht, begegnen kann. Wir stellen folgende Forderungen auf: Obligatorischer Religionsunterricht und Einheitlichkeit der Lehrpläne. Unterstützung der jüdischen Wiffcnschaft, Schaffung eines Mittelpunktes für sie. Klarlegung der Grundsätze unserer Religion ans Grund geschichtlicher Methode, mit den Waffen der modernen Wissenschaft. Dann wird sich von selbst die Schätzung der jüdischen Religion allgemein verbreiten. Die staatliche Hilfe kann dann nicht ausbleiben. — Ein anderes Mal wollen wir auf andere Ursachen des „jüdischen Antisemitismus" eingehen. Diesmal sollte blos derjenige behandelt tverden, der von der Religion ausgeht. Auch andere „Sünden" werden dann besprochen werden. Allem ein wollendes und fühlendes Wesen. Und in dieser Seite seines Wesens hat die Religion ihre tiefste» Wurzeln. Gefühle der Demuth, der Ehrfurcht, der Sehnsucht nach dem Vollkommenen, mit der sein Herz in der Anschauung der Geschichte und der Natur erfüllt wird, bestimmen sein inneres Verhältniß zur Wirklichkeit unmittelbarer und tiefer, als es die Begriffe und Formeln der Wissen-! schaft vermögen." | Also die Religion ist in der Natur des Menschen begründet. Der Charakterzug unserer Zeit wird mit ihr verschwinden. Die Zeit der Skepsis wird vergehen, tvie sie kam. Man wird erkennen, daß der Ansturm gegen astes Gewordene verständlich ist. Man wird aber auch erfahren, daß mit der Verbesserung des Verbesserungsbedürftigen nur das Bestand hat, was geschichtlich geworden ist. An das Getvesene muß man anknüpfen. Auch auf die Lehren des Alterthums und des Mittelalters wird man znrückkommen, wie es geschehen ist auf dem Gebiete der Kunst, neuerdings in der Plastik. Wie antworten wir nun auf die Frage der Alltagsphilosophen? Wenn Religion in der Natur des Mensche» liegt, wozu braucht man dann äußere Mittel? Glaube ist Gefühlssache. Jedes Gefühl braucht Nahrung. Nehuren wir an, es behauptet Jemand, Liebe zur Musik zu haben. Wir werden ihn aber dann auslachen, wenn er behauptet, zur Kultivirung dieses Gefühls brauche er keine Musik zu vernehmen. Es sei gar nicht nöthig, daß er mehr als einmal Musik gehört, also einen Begriff vo^i ihr habe. Wir werden meinen, daß sein sympathisches „Gefühl" entweder Einbildung ist oder nie bestand. Oder nehme» wir das heikle Beispiel der Kinderliebe. Stellen wir uns vor, Jemand geht als Kind von seinen Eltern weg. Sie sind arm, sie freuen sich, daß es seinen Weg allein findet. Niemals lassen sie etwas von sich hören. Das Kind wächst auf, findet einen Gönner. Nach vierzig Jahren etwa kehrt es heim. Können wir uns denken, daß eine Entfremdung ansgeschlossen ist? Ist es wahrscheinlich, daß seine Elternliebe dieselbe wäre, als wenn er im väterlichen Hanse mit der größten Zärtlichkeit geliebt, in seinen geistigen und körperlichen Anlagen gefördert, in seinem Streben unterstützt tvorden wäre? h Ein!, in d. Philosophie. Berlin 1893. 2. Aufl. Die Juden in Salonik und Konstantinopel. Von Dr. I. Babad, Bibliotheks-Kustos in Greifswald. Seit Jahren gewöhnt, in den großen Universitäts-Ferien eine größere Reise zu machen, nahm ich mir in diesem Jahre vor, nach Griechenland zu gehen, um die Ueberreste antiker Denkmäler an Ort und Stelle zu studircn und zugleich Land und Leute kennen zu lernen. Auf Anrothen eines mir bekannten hiesigen Professors, der ein Jahr früher dieselbe Tour gemacht hat, fuhr ich nun Ende August d. I. zunächst nach Budapest, um von da über Salonik »ach dem erwünschten Reiseziel zn gelange». Allein ich hatte die Rechnung ohne die Cholera gemacht. An der serbisch-türkischen Grenze — Zibevtsche heißt die Bahnstation — mußte ich drei Tage in Quarantäne bleiben, und als ich dann nach Salonik kam, erfuhr ich zn meinem Bedauern, daß die griechische Regierung für alle aus türkischen Häfen ankommenden Schiffe eine zehntägige Quarantäne im Hafen von Piräus bestimmt habe; da ich mich einem zweiten, müßigen Aufenthalte — und »och dazu auf dem Dampfer — nicht aussetzen wollte, so gab ich meinen griechischen Reiseplan auf llnd ging nach Konstantinopel, mußte aber noch in Salonik, statt eines Tages, wie ich beabsichtigt hatte, mehrere Tage bleiben, und hatte so auch Gelegenheit, da hier, von einigen wenigen Moscheen abgesehen, nicht viel zu sehen ist, das Leben und Treiben der Juden sattsam zu beobachte». Es leben nämlich in Salonik nicht weniger als mindestens 60,000 unserer Glaubensgenossen, welche Nachkommen sind derer, die unter Ferdinand dem Katholischen aus Spanien 1492 vertrieben, dort und iir Konstai'.tinopel sich niedergelassen haben. Daher ist auch bis auf den heutigen Tag ihre Sprache ein mit Hcbraismen vermischtes Spanisch, ganz so, wie bei den Juden in Galizien und in Rußland das ans der ehemaligen Heimath in die neue mitgebrachte Deutsch, ebenfalls mit Hebraisnien durchsetzt, bis heute »och Umgangssprache ist. Es liegt eben im Charakter der Juden,

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