Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- Seite 604 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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604 zweifelhaft dadurch belegt, das; jährlich im Verhältnis; etwa doppelt so viel Juden wegen Verletzlmg der Wehrpflicht (d. h. Auswanderung) in contimiaciuni verurtheilt iverden als Christen. Natürlich wirkt die Auswanderung nicht sofort, sondern erst nach einigen Jahren. Wenn 1881—1885 mehr Juden ansgewandert sind, können sich die Wirkungen nicht in der Zahl der in denselben Jahren geborenen Kinder zeigen, sondern erst in der Geburtenzahl späterer Jahre, frühestens cttva 1886—1890. Um also sachgemäße Vergleiche anzustellen, mußte die Zahl der jüdische» Cheschließungen auch aus dem Jahrzehnt 1871—1880 zu Rathe gezogen werden. Diese Seite der Frage läßt sich also mit ein paar Worten nicht erledigen, sie verlangt ausführlichere Behandlung. Es iväre verdienstlich, wen» Sie einen Mann von Beruf peranlaßte», die interessante Frage i» extenso zu behandeln.') 9 Unsere Sünden. Von Fritz S t i e r - S o m l o. Jüdischer Antisemitismus. Das ist e ine unserer Sünden. Wie paradox! wird Mancher gesagt haben, als man zuerst von ihr sprach. Ein Anderer dachte wohl: wer die Fehler seiner Angehörigen kennt, j wird sie am ehesten tabeln. Aber das Band, das die Religion, gemeinsame Leiden und Zurücksetzungen um die Juden geschlungen haben, sei doch stärker, als daß sich ein unbewußter Gegensatz unter ihnen ausbilden könnte. Und doch ist ein solcher vorhanden. Er ist um so gefährlicher, als er von Alltagsströmungeu beeinflußt, nicht auf den Grund der Sache geht. Er verallgemeinert nnterschiedlos nach dem Beispiele des Pöbels. Schlagwörler gelten ihm als Niederschlag der Wahrheit, das Gehörte als Erahrnng. Das Band der Religion ist nicht mehr so stark. Woher kommt dies? Aus der Unkenntnis;. Und woher das Ueberhanduehmen der letzteren? Wir müssen etwas ausholen. Mit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sind unerhörte Umwälzungen verknüpft. Tie letzten Reste des klassischen Alterthums werden verdrängt durch einen nationalen Geist, der in jedem zivilisirten Lande auch die Juden ergreift. Sie wachsen ans in den Sitten und Gebräuchen ihres Vaterlandes, bedienen sich fast ausschließlich seiner Sprache. Durch diese Thätigkeit, bei der viel Versäumtes nachgeholt werden mußte, ist das alte Studium der Religionsbücher zurückgedrängt worden. Das an das Mittel einer j frernden Sprache geknüpfte „Brich der Lehre" findet immer weniger! Leser. Infolge schwacher Geldmittel ferner, die jüdischen Gelehrten und Schriftstellern zur Verfügung stehen, schreitet auch das Werk der Uebersetzungen, Verarbeitungen der alten Gedanken äußerst langsam j vorwärts. Dazu kommt, das; der Religionsunterricht sporadisch, selten gediegen, meist ganz nebenbei betrieben wird. Hiermit ist der Mangel eines einheitlichen Religionsunterrichtes verbunden, damit zugleich die l fehlende Anregung der Berufene», das Vorhandene durch Kritik z» läutern, durch pädagogische Studien zu verbessern. Man findet keinen Tank und selten — Leser. Vor einem obligatorischen Religionsunterricht hat man Angst. Dabei hat das Judenthnm niemals in Lehrsätzen c t h i scher Natur die Erfordernisse der Zeit außer Acht gelassen. Sein ganzer Lehrt uh alt ist ja der in Form gebrachte Kultus der Moral. Eine Verknöcherung des Systems, eine Dogmatisirung und Katechisiruug ist durch die Natur der Sache ausgeschlossen. Und wo eine Form mit den Wünschen der Gegenwart in Konflikt gerieth, ist doch das Leben über die ersteren stets hinweggegangcn. Auch die jüdische Wissenschaft entbehrt der intensiven Pflege und Förderung sowohl von Seiten der Juden, als auch von Seilen des Staates. Das letztere bezieht sich darauf, daß nirgend ein Lehrstuhl auf einer Universität für einen Zweig spezifisch jüdischer Wissenschaft besteht, während für Chinesisch, Japanisch und Türkisch bestens gesorgt ist. Aus sich selbst muß der jüdische Theologe auch in seinen jungen Jahren Anregung schöpfen, sich selbst die Wege bahnen. Es giebt keinen Mittelpunkt für seine Wissenschaft. Die Zeitschriften gehen nach kurzem Aufflackern wegen Mangels an materieller Betheiligung ein. Die spärlichen Werke moderner Männer werden nicht gelesen, oder von einer bcfliffeneu Presse ohne Kritik gelobt und damit vor nichtjüdischen Fachleuten vernichtet. Dabei müßte gerade heute, da fast jede Wissenschaft eine neue, modernisirte Färbung erhalten hat, ein Fortschreiten für den jüdischen Gelehrten geboten sein. Jedes äußere Mittel fehlt also, um die meisten und nicht die schlechtesten Elemente jüdischer Rasse dem Judenthum zu erhalte». Es fehlt fast an jeder Handhabe, auf möglichst rasche, leichte und vernünftige Weise der Unkenntniß zu steuern. Und welch ein langer Weg ist noch von der bloßen Kenntnis; bis zur Verinnerlichung, bis zum eigenthumsähulicheu Jnnewcrdcn des Gelernten! Mögen Diejenigen die heutigen Zustände auf ihr Gewissen nehmen, die sie ver-! schuldet haben oder die die Behebung der Mängel hindern! Gewöhnlich philosophire» die jüdischen Antisemiten so. Früher sagte man, die Religion sei den Menschen von der Natur eingeimpft. Da heute immer weniger Menschen das Bedürfnis; religiöser Erbailuug haben, so müsse jener Satz falsch sein. Oder jene Behauptung ist wahr, und dann brauchen trir keine äußeren Mittel. Denn was die Natur ohne weiteres schafft, wie etwa die Mutterliebe, bedarf nicht menschlicher Hilfe. Beide Annahmen sind irrig. Angenommen, aber nicht zugegeben, das; die Menschen heute weniger Bedürfnis; nach religiöser Erbauung haben, so hätte dies keineswegs allgemein giftige, sondern blos für unsere Zeit zutreffende, zufällige Gründe. Unsere Generation ist ein Resultat vieler Jahrhunderte. Gedanken, die viele Menschenalter hindurch nach Verwirklichung rangen, sind zur That geworden. Die Periode der Erfindungen hat begonnen. Alles hastet und eilt. Man hat gewöhnlich keine Zeit zum Denken, zur Einkehr in sich selbst. Die VvlkSwirthschaft aller Länder ist durch tausenderlei Umstände, die hier nicht ausgezählt werden können, in einer merkwürdigen Verschiebung begriffen. Erst spätere Zeiten werden die Gesetzesmäßigkeit dieser Vorgänge klar legen. Dies Alles hat den! Kampf um die Existenz erhöht, der nicht-alltäglichen Gedanken überhaupt abhold ist. Ferner treten durch die Leichtigkeit des Verkehrs unendlich viel mehr Gedanken über die Bewußtseinsschwelle als > früher. Dies bedeutet einerseits eine Konfusion und Oberflächlichkeit des Durchschnittsmenschen in allen geistigen, also auch religiösen Dingeii. Andererseits ein Ringen ohne Pause und ohne Besinnung. Ewig kann das nicht so bleiben. Alles ist ja vergänglich und wandelbar. Wir müssen bedenken, daß gerade unsere Zeit vor entschwundenen ausgezeichnet ist. Wie viel Jahrhunderte sind verflossen, seitdeni man die primitivsten Fahrzeuge erfunden hat! Und erst nach so und so viel Jahren ist der Dampf in den Dienst des Verkehrs gestellt worden. Die Gesetzesmäßigkeit der Naturvorgänge läßt vermuthen, daß wieder eine längere Periode der Stagnation oder langsamen Fortschreitens zu erwarten steht. Es wird sich dies auch auf die menschlichen Gefühle übertragen. Man wird sich an das vcrschnellerte Tempo der neue» Erfindungen gewöhnen und wieder in Gleichgeivicht kommen. Die Bestrebungen nach Ausgleichung der Härten des Leben werden zu etwelche» Resultaten führen. Ruhigeres Denken >vird Platz greifen und mit ihm das Bewußtsein vom ') Wird geschehen. Die Red.