Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 603

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 603 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228038--50450-3272086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

603 Eingang finden würden. Uebrigens sei der Antisemitismus des Herrn von Stockhorner nicht so weit her, denn derselbe habe neulich für die Giltigkeit der Wahl des Abgeordneten Ladenburg gestimmt, der doch ein Jude sei. Was den Inhalt von Religionsbüchern im Allgemeinen betreffe, so müsse er darauf Hinweisen, daß er aus Zeitungsnotizen ersehen habe, daß seiner Zeit in Baden der Schuljugend ein unsittliches Lehrbuch zugänglich gemacht worden sei, das vom Erzbischof approbirt gewesen und das den Ritualmord als Thatsache behandelte. Er hoffe, daß die Volksvertretung den Traditionen des badischen Volkes gemäß Alles vermeide, was zur Erregung des religiösen Fanatismus beitrage. Menschenliebe und Duldung seien in dieser Frage für ihn bestimmend, weshalb er sich dem Kommissionscurtraqe anschließe. Abg. Benedei) (Dem.): In seiner Einleitung führte der Abgeordnete v. Stockhorner aus, daß im Volke wegen jüdischer Geheimgesetze eine große Beunruhigung hervorgetreten sei. Er habe von einer solchen Beunruhigung nichts gemerkt und wisse nicht, wo Herr v. Stockhorner dieselbe entdeckt haben will. In der vorliegenden Frage handle es sich um die Frage des Rechts und wir stünden auf dem Boden des gleichen Rechts, es gebe kein christliches und kein jüdisches Recht. In seinen vier Wänden könne Jeder machen was er wolle, wenn dagegen nach außen etwas unternommen werden wolle, das unserem Rechte zuwiderlaufe, daun hätten wir Gesetz und Staatsanwalt, die einschreiten könnten. Die Enquete, welche die Petenten wünschten, hätte gar keinen praktischen Werth und die Negierung hätte auch kein Geld für eine derartige Enquete. Das Resultat derselben möge sein wie es wolle, der Streit wäre dadurch nicht beseitigt. Abg. v. Stock Horn er (kons.) wendet sich gegen die Ausführungen Rüdt's und Venedey's. Der Abgeordnete Rüdt habe gar kein Recht, ihn: gegenüber von Antisemitismus zu reden. Er stimme in allen Fällen stets nach seiner Ueberzeugung. Die Beunruhigung, die bestritten werde, sei in der That vorhanden. Er verweise auf die letzten Landtagswahleu und auf die große Stimmenzahl, die dabei besonders im Bezirk Eppingen für den antisemitischen Kandidaten abgegeben worden sei. Abg. Wacker (Centr.) wendet sich gegen Rüdt, der von einem schlimmen Fanatismits gesprochen habe. Ein schlimmerer Fanatismus als der in den Kreisen der Partei, der Rüdt angehöre, könne nirgends herrschen, und wehe der übrigen Gesellschaft, wenn dieser Fanatismus die entsprechende Macht bekomme. Herr Rüdt habe auch von Menschenliebe und Duldung geredet. Menschenliebe und Duldung Rüdt'scher Färbung bringe nur Unheil. Von Herrn Rüdt erwarte er den Beweis, daß in irgend einem Lehrbuch irgend einer christlichen Kirche unsittliche Lehren zu finden sein werden; er könne heute schon sagen, wie dieser Beweis ausfallen werde. Bezüglich der Petition, bei der nach seiner Ansicht der Antisemitismus nicht in Betracht komme, steht Redner auf dem Standpunkt, daß die Regierung kein Recht habe, über die Bekenntnisse der einzelnen Religionen durch Kommissionen Untersuchungen anstellen zu lassen Er stimme daher für den Antrag, wie dies auch die Nationalliberalen thun, worauf er dieselben ganz besonders aufmerksam mache in der Hoffnung, daß dieselben in der Zukunft bei religiösen Fragen die gleiche Stellung einnehmen werden. (Fieser: Das werden wir thun, indem wir zur Tagesordnung übergehen. Große Heiterkeit.) Abg. Fieser (nntl.). Mit dem Kommissivnsantrag sei er einverstanden, wenn auch nicht ganz mit dem Bericht. Zweifellos sei, daß der Staat eine Religion auf ihre Ethik und Dogmatik prüfe, ehe er einen öffeutlid)en Gottesdienst gestatte. Wenn behauptet werde, daß eine große Beunruhigung im Lande herrsche, so müsse er gleichfalls sagen, daß dies unrichtig sei; existire im Land eine Beunruhigung, so sei dieselbe nicht aus dem Volke heraus entstanden, sondern in dasselbe hineingetragen worden. Jeder verabscheue den Wucher, aber wenn man darüber sein Urtheil fälle, so dürfe man nicht ungerecht sein unb Alle für Einen leiden lassen. Der Antisemitismus, der nur frage, ist es ein Jude oder nicht, sei ein Schandfleck für uns. Wenn man einer Beunruhigung entgegentreten wolle, dann müsse auf anderem Wege der Wucher bekämpft werden. Durch eine in der Form harmlose Petition: habe man den Antisemitismus in den Landtag hereiubringen wollen. Abg. Schumann (freist) steht auf dem gleichen Standpunkt wie der Abgeordnete Veuedep. Was soll eine Untersuchung bezweckend Soll man die Bücher mit Beschlag belegend Diese alten Lehrbücher könne er als Erkenntnißquellen bezeichnen, die, wie andere ähnliche Werke, dem Studium dienten. Man dürfe doch heute die Inden nicht verantwortlich machen für das, was früher gethan worden sei. Seine Partei werde stets von dem Grundsatz geleitet: „Gleiches Recht für 'Alle" unb deshalb nehme sie Stellung gegen derartige Petitionen. Abg. Rüdt (Soz.) tritt den 'Ausführungen Wackers entgegen, weist dessen Angriff gegen den Volksfreund zurück und weudet sich mit kritischen Bemerkungen gegen die heilige Schrift. Abg. Gerber tritt dem Standpunkt Wackers bei und meint, daß der Staat manches für sittlich ansehe, was er für unsittlich halte; so sei beispielsweise das Duell sittlich erlaubt, was er verdamme und das er für unsittlich halte. Den Ausführungen Rüdts bezüglich der heiligen Schrift, die verunglimpft worden sei, müsse er laut widersprechen; das sei eine wahre Gotteslästerung. Präsident Gönner rügt diesen Ausdruck. Abg. Gerber spricht noch über den Ritualmord und ist der Ansicht, daß, da Ehristen Juden gemordet hätten, die Juden auch Ehristen morden würden. (?) Ministerialrath H ü b sch weist zunächst auf das Kirchengesetz hin und betont, daß in den israelitischer! Lehrbüchern an den Schulen nichts von dem stehe, was in der Petition behauptet sei. Ter Talmud sei an den badischen schulen nicht zu finden. 'An den preußischen Kultusminister sei eine ähnliche Petition gerichtet worderr; derselbe habe eine Enquete in der gewissenhaftesten Weise veranstalten und daun im Reichsanzeiger bekarrnt geben lassen, daß Bücher rvie in der Petition angeführte im Lande nicht verbreitet seien. Hierauf wird der Kommissiousantrag mit allen gegen 1 Stimme (von Stockhorner) angenommen und danrr die Sitzung geschlossen. d Noch ein Mort über die relative Verminderung der Inden in Preußen. Von Dr. Heinrich Meyer Cohn. Der nnbctheiligte Dritte mag die wichtigen Ergebnisse, welche durch die Polemik der Herren Traubenbcrg und Bambus zu Tage gefördert sind, vielleicht besser würdigen als die Bctbeiligteii. Wer im Streite ist, muß sich darauf eiulasscu, seine Behauptungen im Einzelnen zu rechtfertigen, der Tritte kann sein Urtheil viel allgemeiner halten und darf sich ans die Hanptpnnkte beschranken. Ich glaribe sie dahin znsanimenfassen zu können: 1. Es steht fest — hierüber sind mich beide Theilc einig — daß die jüdische Bcvölkernng Preußens relativ abgenommen hat. Im anßerprcußischen Deutschland hat sogar eine absolute Berminderung stattgesnnden. 2. Die Perminderung ist zu ungefähr Ö4 Prozent durch Auswanderung, „ 29 „ geringeren Geburtenüberschuß, „ 7 „ „ Taufe und Mischehen verursacht. •2. Wie weit der geringere Geburtenüberschuß durch Auswanderung beeinflußt ist, ist schwer zu entscheiden. Vielleicht wäre der Gewinn durch Geburten bei den Inden auch dann ein geringerer, wenn Auswanderung und Ucbcrtrittc außer Betracht bleiben könnten; das laßt sich allerdings schon deshalb annehmen, weil die städtische Bevölkerung, insbesondere der Kanfmanntzstand, allgemein eine geringere Zahl bon Geburten aufiveijen wird. Es ist aber doch sehr fraglich, ob das Minus an Geburten nicht durch das Minus an Todesfällen ausgewogen würde — falls Auswanderung und Ilcberlrilte nicht als weiterer Faktor für die Berwindernng der Geburten in Betracht kämen. Der Einfluß dieser Faktoren läßt sich allerdings schwer Nachweisen. Tic Thatsache, daß Inden in größerer Anzahl auswandern, steht aber unzweifelhaft fest, auch die Thatsache, daß eine große Zahl von junge» Männern auSwandert. Sie ist un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.