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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-22 · Heft 51 (22.12.1893) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 602 (sequence 4)
Language
German
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602 Wdiiyou nuv Lolche als Pfarrer, Kauzelredner und Kooperatoren verwendet werden können, die der ungarischen Sprache mächtig sind", (Geltung verschafft werde. Ter Ausschuß glaubt die Aufmerksamkeit der Regierung auf das Oiesagte umso eher lenken zu sollen, da er überzeugt davon ist, daß aud) die patriotisch fühlenden israelitischen Mitbürger die Durchführung dieser Verfügungen mit Freuden begrüßen werden. Obgleich der Bericht vom Ausschuß nicht einhellig angenommen worden ist, unterließ die Minderheit doch jedwede Einsprache gegen denselben und wird auch im Plenum des Abgeordnetenhauses ein Minoritätsvotuiii nicht eingebracht werden. Tie Annahme des Gesetzentwurfes wird allgemein als außer Zweifel stehend betrachtet. Das Aktenstück, welches die Motive hierflir ausspricht, ist ein ehrenvolles Zeugnis; wahrer Humanität für das ungarische Bolk, ebenso sehr wie fiir die ungarischen Juden. Das ausgezeichnete Elaborat schließt mit folgenden Worten: „Ter Ausschuß empfiehlt den Gesetzentwurf zur Annahme, weil er in demselben außer der sich darin kundgebendcn Idee der Gewissensfreiheit die Erhebung des Landes über den konfessionellen Gesichtspunkt gegenüber unseren Mitbürgern israelitischer Konfession erblickt, welche ans dem 0)ebiete des Patriot!smns. der Bienschenliebe, der Wissenschaft, der Litteratur und Kunst, wie auch der Nolkswirthschaft dem von uus über Alles geliebten theuren Vaterlande nützliche Dienste geleistet haben." U Die Woche. Berlin, 20. Tezernber. Tie antisemitischen Lkandalblätter haben, weil einer der Pariser Anarchisten zufällig Alerander Eohen heißt, natürlich das Thema: Anarchismus und Judenthum wieder einmal abgehaspelt. Es verlohnte sich wahrlich nicht der Mühe, näher darauf einzugehen, läge es nicht nahe, den Spieß gelegentlich auch ilmzukehren und bett Zusammenhang von Anarchismus und Antisemitismus zu beleuchteil. lieber das abscheuliche Verbrechen, welches der Anarchist Auguste Vaillant in der französischen Kammer beging, indem er eine Höllenmaschine ins Haus warf, welche mehr als sechzig Personen verwlmdete, schreibt der Pariser Antisemitenhällptling Eduard Trumont in seiner?.IuI)re Parole“ vom ln. b. Mts. auf der ersten Seite, in der zweiten Spalte, 44. Zeile, die folgenden verbrecherischen Worte: ..Tombee au baue des Ministers, la bombe anarehisle n'amaii Irappe <jiie des eriminels qne personne n'auntii solide ä plaimlre.“ — „Ware die anarchistische Bombe aus die Ministerbank gefallen, würde sie blos Verbrecher getroffen haben, die zu beklagen Niemandem eingefallen wäre." — Ter deutsche Reichskanzler Graf Eaprivi nannte den Antisemitismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie. Ter Reichskanzler wird jetzt lvohl einsehen, wie sehr Unrecht er den — Sozialdemokraten gethan hat. Im badischen Landtag hat es am 15. d. Bk. and; eine antisemitische Debatte gegeben. Wir geben den Bericht badischer Zeitungen einfach wieder, da in der Debatte auch nicht ein neuer Gesichtspunkt geltend gemacht wurde. Abg. Striibe inatl.j berichtet Namens der Petitions-Kommission über die Petition des deutsch-sozialen Vereins, Karlsruhe, die staatliche Prüfung der jüdischen Geheimgeselze betreffend. In der Petition sei ausgeführt, das; verschiedene (belehrte nackgewiesen kälten, daß im Talmud Lehren stau een, die nicht nur unsittlich, sondern aud) slaatsgefährlich seien. j Dies habe in der Bevölkerung eine große Beunruhigung hervorgerufen. In j jenen Lehren des Talmud sei angeblich den Juden gestattet, falsch zu schwören,! zu betrügen, zu wuchern, und aus diesen gehe hervor, daß die Juden eine! festgeschlossene Gemeinde in unserem Staate, daß sie eine feindselige Veri schwöruug bildeten gegen unsere Gesellschaft. Im öffentlichen Interesse! liege es, über die Geheimlehren Aufschluß und Aufklärung herbei-! zusühreu. Besonders sei darauf noch hinzuweisen, daß das vierte Buch von Schulchan Aruch sittenwidrige Lehren enthalte. Die Petenten! schlagen vor, das Kultusministerium möge eine nichtjüdische Kom-! Mission ernennen, bestehend aus Professoren der orientalischen Sprachen,! welche die jiidischen Religionslehrbücher prüfen sollten. Was den Stand- - Punkt der Petitionskounnission anlangt, so könnte dieselbe sich nicht! damit einvern.ander: erklären, daß die Regierung sich damit beschäftige,! die jüdische Litteratur einer Prüfung zu unterziehen und Maßregeln zu ergreifen, wenn sie auch zugebe, daß im vierten Buch Schulchan Aruch Sätze stünden, die den heutigen Anschauungen widersprachen. Bon großer Wichtigkeit sei, daß die Religionslehrbücher zur Erziehung der Jugend keinerlei Stellen enthielten, rvie die angedeuteten, und daß in keiner Schule ein Lehrbuch im Gebrauch sei, das mit der öffentlichen Moral im Widerspruch stehe Dazu komme noch, daß keine Negierung einen Schritt gethan habe, wie ihn die Petenten anstrebten. Ans diesen Gründen komme die Kommission zu dem Antrag, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Abg. von Stock Horn er (kons.): Er stehe der Petition wie den z Petenten persönlich fern und sei auch ohne jede Gehässigkeit gegen! seine jüdischen Mitbürger. Allein er sei der Ansicht, daß der Bericht! der Kommission nicht zutreffend sei. Biele Gelehrten hätten schon daraus i hingewiesen, daß im Talmud Lehren niedergelegt seien, wie sie in der! Petition angedeutet. Recht hätten die Petenten, wenn sie behaupten, das;! im Volke die Talmudlehren große Beunruhigung hervorgernfen hätten, und! der Staat Hütte daher Grund, in der Sache eine Prüfung eintreten zu lassen. Mehrere von den Sätzen aus dem genannten jüdischen Religions-; buche seien, wenn sie richtig übersetzt, sehr gravirend. Die Petenten bäten; um eine Untersuchung des jüdischen Gesetzbuchs und zu diesem Wunsche hätten dieselben ein berechtigtes Interesse. Wenn bis heute die Juden sich! unseren Verhältnissen auch praktisch angepaßt hätten, so hingen sie doch! mit Zähigkeit an ihren alten Traditionen fest. Im Budget sei für Unteri stntzung der israelitischen Religionsgesellschaft die Summe von 18,600 ' Mark vorgesehen; wenn jene staatsgefährlichen Lehren bestätigt seien,! würde gewiß Niemand für die Bewilligung dieser Position stinnnen. i Wenn die Unterlage der Petition eine berechtigte sei, dann habe der; Staat ein Recht, aber auch die Pflicht, Klarheit zu schaffen. Er nehme keine fe'ndliche Stellung gegen die Juden ein, er wünsche nur Klarstellung Er begreife schwer, wie die Kommission zu diesem Anträge habe gelangen! können; er verlange ja keine empfehlende Ueberweisung, aber er werde, wenn er die nöthige Unterstützung finde, de;: 'Antrag auf Kenntnißnahme stellen. Die Regierung werde gewiß ohne jede Gehässigkeit an diese : Frage herautreten und er habe auch die Hoffnung, daß, wenn sein : Antrag Annahme finde, die besseren Elemente der Juden von selbst eine Klarstellung herbeiznfnhren suchen würden. ''Abg. Rüdt (Soz.): Es sei nicht zu verkennen, daß dieser 'Antrag ein Stück Antisemitismus sei, der nun auch anfange, in dieses Haus einzudringen. Ter 'Antisemitismus mit seinen Kawpfesmitteln sei eine Ungerechtigkeit und stehe in: Widerspruch mit der Entwickelung unserer Verhältnisse. Mit der Annahme der Petition sei der erste Schritt zur Ansnahmegesehgebung gethan, die der Antisemitismus herbeiführen wolle. Was die Bücher Schulchan 'Aruch anlange, so müsse man bedenken, daß dieselben im Mittelalter entstanden seien zur Zeit der, Judenverfolgung, damals, als man die Inden in der blutigsten Weise unterdrückt und verfolgt habe. Sie seien damals Parias gewesen, die keinen Grund und Boden gehabt hätten und die man zu keinem Handwerk zugelassen habe Seit Emanzipirung der Inden sei bei denselben ein gewaltiger Fortschritt in Bezug auf Sittlichkeit und Rechtsanschauung eingetreten. Es habe, sich auch hier wieder bewahrheitet, daß man unter den Fitligen der Freiheit vorwärts schreite. Er gebe zu, daß es bei den Juden Betrüger gebe, wie bei un§ Christen. (Wacker: Uns Christen?) Ja, bei uns Christen. Die in Frage stehende Litteratur verstünden sehr wenige der Inden mehr; mit Auszügen ans derselben werde nichts anderes bezweckt, als antisemitische Verhetzung 511 treiben. Er glaube aber nicht, daß diese Bestrebungen bei den Besseren, Gebildeten und Edleren unseres Volkes

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