Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3227988--49412-3272076
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

kommen, verringern sich die Unterhaltungskosten der Anstalt wesentlich. Es wird beabsichtigt, alsdann nicht nur den Pensionspreis zu ermäßigen, sondern auch eine Anzahl Zöglinge frei aufzunehmen. — Diejenigen Gemeinden und Korporationen, welche von Anfang an das Unternehmen unterstützen, werden alsdann naturgemäß bevorzugt. — Uebrigens ist der Pensionspreis von 400 M. für 'Alles, was den Zöglingen geboten wird, namentlich im Vergleich zu den Kosten anderer jüdischen Erziehungsanstalten, so niedrig bemessen, daß die Aufnahme als eine Begünstigung angesehen werden kann. Wir möchten daher allen denjenigen Gemeinden und Korporationen, welche nächste Ostern gesunde und moralisch unverdorbene Knaben unterzubringen haben, rathen, sich frühzeitig an Herrn A. Nt. Simon, Hannover zu wenden. A Hannover, 30. Dezember. Ihre letzte Nummer brachte vier Mitteilungen aus Hannover, über welche Herr Dr. Kaßriel Peßachsohn behaglich und verständnißinnig geschmunzelt haben wird. Ja, die Vereinsmeierei steht hierin schönster Blüthe. Die alten segensreichen Institutionen der Gemeinde, der Armenunterstühung-, Frauen - Wohllhätigkeitsvereine u. s. w. lassen in jebeiit Berichte eindrittgliche Klagen erschallen, das; den immer größer werdenden Anforderungen mit den vorhandenen Mitteln und jährlichen Beiträgen schwer genügt werden könne, lern Verein zur Förderung des Handwerks, welcher in jetziger Zeit doch gewiß alle Sympathien verdient, ist noch nicht die Hälfte der Gemeindemitglieder beigetreten, trotzdem der Verein schon über ein halbes Jahrhundert mit Erfolg wirkt. Aber neue Vereine und Vereiuchen werden >eden Tag gegründet, Natürlich werden die betreffenden Gründer Vorsitzende dieses Vereins, oder doch wenigstens Stellvertretende der Vorntzenden und wirken dann mit allem Eifer und mit einer besserer Zwecke würdigen Begeisterung lediglich für diesen ihren Verein. Die Folgen dieser Zersplitterung machen sich überall bemerklich. Jeder, welcher in dieser schweren Zeit für große und ideale Zwecke sammeln will und soll, hört auf Schritt und Tritt, wir zahlen schon zu dem Verein, oder zu jener Vereinigung, bedauern deshalb. Die Frage, ob denn diese neuen Vereine den Schaden, welchen sie hierdurch verrichten, durch die Erfolge innerhalb ihrer Grenzen wieder wett machen, wird ein objektiv denkender Veurtheiler in den meisten Fällen leider verneinen müssen. Die positiven Resultate sind kläglich und dürftig. Solange nun die Sucht nach neuen Gründungen nur von Männern betrieben wurde, mochte Stillschweigen geboten sein. Jetzt fangen unsere Damen aber auch an, auf diesem Oiebiete sich zu versuchen. Ihre vorige Nummer berichtet bereits von einer Frau Protektorin und von einer Frau Präsidentin. Wir gönnen den Damen diese selbst kreirten Ehrenstellungen von Herzen. Aber gegen ihre Schöpfungen muß Einspruch erhoben werden. Der „Israelitische Bräute-Ausstattungs-Verein", welcher, man denke! schon einen Fond von mehr als 1000 Mark hat, soll durch wöchentliche Groschensammlungcn zur Erfüllung des biblischen Verbots möglichster Vermehrung beilragen. Glaubt man wirklich einem Brautpaare durch eine solche Beihilfe einen Dienst zu erweisen? Ihnen und ihren Groschenkindern wird die Summe von 300 Mark, welche Ln den Vereinsrechnungen genau belegt werden muß, für die Zeit ihres Lebens vorgehalten werden. Bislang wurde in Rothfällen unter der Hand eine erforderliche Beihilfe zusammengebracht, so daß Geber »md Nehmer einander nicht kannten. Das Geben machte Freude, das Nehmen gereichte nicht zur Beschämung. Jetzt aber wird vrgauisirt Frau Präsidentin, Frau Vizepräsidentin, Frau Nechnungssührerin, gedruckte Statuten, gedruckte Berichte, Generalversammlungen, Tchlußtableau . . . Dank der gerührten Bräute vor versammeltem Volke, im nächsten Jahre Vorstellung des ersten Kindes u. s. w. Ja, wir haben es herrlich weit gebracht. Es fehlt uns nur noch ein Verein zum Gebrauch palästinensischer Ehanukahlichter, eine freie Vereinigung zum Genuß von reinem unverfälschten Mazzs, u. s. w. Wenn dann das letzte Gemeindemitglied mit freudiger Genugthuung seine liebe Ehefrau zu ihrem Amte als Vorsteherin, Präsidentin, Protektorin seines oder ihres Vereins beglückwünschen kann, dann ist es schön! Einigkeit und Einheit thut uns noth. Die neuen Gründungen, Bildungen und Organisationen, so gut getueint sie sein mögen, fördern nur die Zersplitterung aller Kräfte, führen zu einer Deeentralisation und zu persönlichen Reibereien, welche dem Ganzen schaden. Die jüngsten Wahlen haben daztt einen traurigen Belag gegeben. Bei derselben wurden Mittel in Anwendung gebracht, tvelche von dem anständigen und besonnenen Theile der Gemeindemitglieder mit Entrüstung als tmjüdisch gebrandmarkt wurden. Gott bessere es! -/V- Ans Württemberg. Eine eigettartige Bewegung bereitet sich in einzelnen Kreisen unserer jüdischen Bevölkerung vor. Die durch den Tod des Kirchenraths Dr. v. Wassermann erledigte Stelle soll in nächster Zeit besetzt werden. Aus diesem Grunde läßt ein gewisser Herr 54. ein Zirkular in allen jüdischen Gemeinden unseres Landes verbreiten, in welchem dringend ersucht wird, eine beiliegende Bittschrift an die königliche Oberkirchcnbehörde bezw. das Kult-Ministerium von sämintlichen israelitischen Gemeindemitgliederu unterzeichnen zu lassen, um durch diese Massenpetition die obengenatmte Behörde zu bestimmen, folgenden Wünschen gerecht zu werden: „Die k. israelitische Oberkirchenbehörde wolle bei der bevorstehenden Ernennung eines geistlichen Mitglieds dieser h. Behörde darauf Bedacht nehmen, daß für die Zukunft eine ernstere und konservativere Leitung unserer jüdisch-religiösen Angelegenheiten sichergestellt werde." Zur Begründung wird angeführt, daß durch die von den seitherigen Kirchenräthen eingeführten Reformen auf einen großen Theil der jüdischen Bevölkerung ein Druck ausgeübt werde, der von derselben als Gewissenszwang empfunden werde und auch schon an manchen Orten zu tiefer gehenden Spaltungen und Trennungen Anlaß gegeben habe. Dadurch sei auch die jüdische Bevölkerung Württembergs als „eine hervorragend reformistisch gesinnte überall in schlechten Ruf gerathen, umsomehr mit Recht, da durch diese Reformen „eine religiöse Gleichgiltigkeit, dann ein rascher Verfall und endlich eine erschreckende Leichtfertigkeit weite Kreise erfaßt" habe. Endlich wird noch darauf hingewiesen, daß durch die Folgen solcher Reformen uns Juden vielfach mit Recht oder doch mit einem gewissen Schein von Recht von seiten der Antisemiten zugerufen werde: „Die leichtfertigen Inden arbeiten an der Vernichtung der Religion." Bis jetzt hat diese, von einem Privatmann ausgehende Petition wenige Unterzeichner gefunden und glauben wir, daß überhaupt ein großer Theil unserer jüdischen Bevölkerung der Sache fern steht, umsomehr da die größeren, maßgebenden Gemeinden der Sache entgegen sind. Gleichzeitig wird in Stuttgart der Wunsch laut, matt möge die Stellung eines Kirchenraths und geistlichen Mitglieds der königlich israelitischen Oberkirchenbehörde von der eines Rabbiners und Predigers der Gemeinde Stuttgart trennen. 4k- Düsseldorf, 3. Januar. Der durch den Tod des seligen Herrn Dr. Wedell erledigte Rabbinatssitz ist durch die am 1. d. M. erfolgte Wahl des Herrn Dr. David aus Hannover wieder besetzt worden. Unter den zahlreichen Bewerbern waren außer dein Gewählten die Herren Tr. Dienstfertig, Dr. Jacob und Dr. Littmann, welche mit ihren in der hiesigett Synagoge gehaltenen Gastpredigten Beifall gefunden hatten, in die engere Wahl gekommen. 4= Aus Elsaß-Lothringen, 30. Dezbr. Als muthmaßlicher Mörder der alten Eheleute Dreyfuß in Sulzinatt wurde der Dienstknecht 'August Bühler aus Müllheim in Baden verhaftet. Derselbe leugnet zwar, die grausige That vollbracht zu haben; doch zeugen so schwerlastende Verdachtsgründe gegen ihn, daß er sich schon in den ersten Tagen des Monats Januar vor dem Schwurgericht in Kolutar zu vertheidigen haben wird. Die Untersuchung betreffend die Angelegenheit Blanche Kahn in Mülhausen im Elsaß ist dem Polizeirath Zahn aus Straßburg i. Elf. übertragen worden. Mehrere verdächtige Persönlichkeiten sind bereits verhaftet worden und hofft tnan, daß es der umsichtigen Leitung der Untersuchungsgeschäfte seitens des Herrn Polizeiraths gelingen wird, die Thäter zu ermitteln. — Schirrhofen, 28. Dezember. Herr Rabbiner Simon Levy in Schirrhofen schreibt: Ich lese in Nummer 51 Ihrer Zeitung, daß der neue französische Handelsminister, Herr Siegfried, Israelit sei und aus Mülhausen stamme. Vielleicht ist es Ihnen angenehm, eine Rektifikation darüber zu erhalten, und ich beehre utich daher Ihnen tnitzutheilen, daß Herr Siegfried kein Israelit ist. Es ist in der heutigen Zeit vielleicht besonders gut, in der Attribution der großen Würdenträger an die verschiedenen Konfessionen das 8uum cuique zu beobachten. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 3. Januar. Herr Wilhelm v. Gutmann hat sein Ehrenamt als Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde niedergelegt. Nach einer Meldung der „Montags-Revue" sollen Differenzen über innere Kultusangelegenheiten die Ursache des Rücktrittes gewesen sein. Selbstverständlich erregt dieser Entschluß de§

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.