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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Wilhelm Witter von Gutmanu, vom Präsidium der israelitischen .Kultusgemeinde zurückzutreten, allgemeines Bedauern. Das Vertreterkollegium versuchte, durch eine Deputation ihn von seinem Entschlüsse abzubringen, leider vergebens. — Wie es heißt, dürfte die Wahl des neuen Präsidenten bis nach den erfolgten allgemeinen Vorstandswahlen vertagt bleiben. Da vor Genehmigung der neuen Statuten Vorstandswahlen überhaupt nicht stattfinden tonnen und eine Erledigung des Statutes vor dem Herbste kaum in Aussicht steht, so muß man sich auf ein langes Interregnum gefaßt machen. L Budapest, 30. Dezember. Der vor einigen Tagen vom Landesrabbinerseminar veranstalteten Trauerfeier, um M. Wahrmann, bei welcher Herr Dr. S. Händler eine gehaltvolle Gedenkrede hielt, folgte heute eine solenne Trauerfeier in der großen Synagoge, welcher ein zahlreiches Publikum beiwohnte. Dr. Kohn hielt die Gedenkrede, in welcher er, die Verdienste Wahrmanns würdigend, unter Anderen: Folgendes hervorhob: „Der heutige Tag ist für das ung. Israel ein höchst bedeutungsvoller, denn vor 25 Jahren proklamirte an demselben Tage eine edle und ritterliche Nation die Gleichberechtigung der ung. Juden. Es war dies blos ein Akt der Gerechtigkeit, aber es war dies gleichzeitig blos eine halbe That! Denn zur politischen Gleichberechtigung gesellte sich nicht auch die Religionsfreiheit. Nichtsdestoweniger sind wir der großen ung. Nation dankbar, daß sie die Gleichberechtigung der Juden zum Gesetz erhoben. Sie hat dadurch 600,000 treue Söhne dem Vaterlande gegeben, die nie vergessen werden, was sie der Nation schulden! Wahrmann trat als gleichberechtigter Jude auf den Plan, er verstand es, das Vorurtheil zu besiege!: und zu beseitigen. Er besaß jüdisches Gefühl und ung. Geist und war gleichsam das verkörperte Bild eines gleichberechtigten Juden, er war Jude und Ungar!" Herr Dr. Isidor von Kraus hat dem Unterstützungsverein der Landes-Nabbinerschule 5OO fl. als Gründungsbeitrag geschenkt, Unszlnud. ß Moskau, 28. Dezember. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo die Folgen der Judenaustreibung aus der heiligen Zarenstadt hier allgemein gefühlt werden. Der Handel der russischen Industriestadt hat sehr wesentlich abgenommen, indem die Juden fast gar nicht mehr die Stadt betreten dürfen. Wie streng die Maßregel der Fernhaltung der Juden ans Moskau gehandhabt wird, ist daraus zu ersehen, daß auch Leute, welche notorisch mit Moskauer Firmen in geschäftlichen Beziehungen stehen, sich in der Stadt nicht einen Augenblick aufhalten dürfen. Die jüdischen Kaufleute aus den: Süden und den südwestliche!: Gebieten beziehen nunmehr ihre Maaren aus Warschau, Lods und dem polnischen Jndustrierayon, welches jetzt in Aufschwung kommt. Der Moskauer Jndustrierayon, welcher fortwährend mit Polen konkurrirt und in den letzten Jahren die polnische Industrie auch übertroffen hat, geht nunmehr zurück. Die Moskauer Kaufleute spüren das wohl und bedeutende Firmen wie S a w w a M o r o s o w, Tsch e rb ak o w und Andere gründen nunmehr Filialen ihrer Geschäfte in Warschau und den größeren Städten des jüdischen Ansiedlungsrayons, wie Minsk, Witebsk, Gomel u s. w. Dieser Eröffnung von Filialen wird wahrscheinlich auch die Begründung von Fabriken folgen, um mit den pounschm Fabrikanten erfolgreich konkurriren zu können. Die Nachtheile, welche für Moskau von der Vertreibung der Juden entstanden sind, werden auch von einem Theile der russischen Presse zugegeben und es fehlt nicht cm Klagen über den industriellen Rückgang des „Herzens Rußlands", wie in der Sprache der russischen Patrioten Moskau genannt wird. Indessen wird die Lage der wenigen noch in Moskau gebliebenen Juden immer mehr verschlimmert. Von Kurzem traf die Entscheidung an, daß die sogenannten „Nikolajewski-Soldaten", d. h. die Juden, welche unter der Regierungszeit des .Kaisers Nikolaus fünfundzwanzig Jahre als Gemeine in der Armee gedient, und dadurch sich auf Grund eines kaiserlichen Erlasses das Aufenthaltsrecht im ganzen Reiche erworben haben, Moskau ebenfalls verlassen sollen. Man spricht jetzt auch davon, daß die jüdischen Apotheker sowie Juristen aus der Stadt ausgewiesen werden sollen Was die Juristen anbetrifft, so wird als Grund angegeben, daß dieselben sich nicht ihrem Juristenberufe widmen, sondern Geschäfte treiben. Nun dürfen aber seit drei Jahren Juden nicht mehr Rechtsanwälte sein, und die große Zahl der jährlich von den Universitäten als Juristen abgehenden Jugend muß sich,' wenn auch gegen die eigene Neigung, den verschiedenen kaufmännischen Berufen widmen. Was die Regierung durch ihre Gesetze und Einschränkungsmaßregeln in Bezug auf die Juden selbst verursacht, das dient ihr zur Veranlassung, um die winzigen Rechte der Juden noch wehr einzuschränken. Ein echtes Muster moskowitischer Logik und Gerechtigkeit! Don Nah und Fern. — DerWohlthätigkeitsverein ObebraAemiluZ chassodim feiert am Sonntag, 8. Januar, in Dräsels Festsälen sein IO jähriges Stiftungsfest durch Soiree und Tanzkränzchen. — An: 1. Januar feierte Herr C. Zender, Hierselbst, Alexandrinenstraße 25, sein fünfundzwanzigjähriges Geschäftsjubiläum. — Die goldene Hochzeit feierten in voller Rüstigkeit am 19. Dezember v. I. die Lauferffcheu Eheleute in Krotoschin. — Der Frau Baronin v. Königswarter, früher als Schauspielerin unter dem Namen Jolanda bekannt, in Hannover ist die Sachsen-Ernestinische Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen worden. — Den: Rathsherrn Rentier Louis Blumenthal in Oranienburg, welcher mit Schluß des Jahres aus seinen: Amte scheidet, dem er 24 Jahre lang vorgestanden, überreichte eine Abordnung der städtischen Behörden, an der Spitze der Bürgermeister Peterson, das Ehrendiplom als Stadtältester von Oranienburg. — Für die Reichstagsersatzwahl in Liegnitz ist von dem Liegnitzer Antisemiten-! verein Rechtsanwalt Hertwig, der Verlheidiger Ahlwardts, als; Kandidat aufgestellt worden — Aus Gelsenkirchen wird uns von einer wohlgelungenen Feier berichtet, welche die Clhebra Gemiloth chassed; an: 1. Chanukahtage veranstaltet hat. Die Festrede hielt der Vorsteher! Herr Israel. — Das „Clever Kreisblatt" theilt auf Grund von : Erkundigungen an maßgebender Stelle mit, die Staatsanwaltschaft des! Clever Landgerichts habe nicht allein gegen den Bildhauer Wesendrup, sondern auch noch gegen eine zweite Person wegen Verdachtes, - den Knabenmord in Xanten begangen zu haben, die Untersuchung ein j geleitet. Zeugenvernehmungen haben neuerdings in erheblicher Zahl! stattgefunden. Im Ahlwardt-Kultus sind die Sachsen den Ber > linern „über". In Löbau hat die Stadtverordnetenversamn:! lang gegen die Stimmen der Sozialdemokraten beschloffen, eine Straße in „Ahlwardtstraße" umzutaufen. — Demnächst kommt eine; Ahlwardt-Büste zum Preise von anderthalb Mark in den Handel. —! Ter ungarische Episkop at hat zu den neuen Gesetzen bereits Stellung genommen. In dem betreffende:: Schriftstücke heißt es: „Gegen die gesetzliche Gleichstellung der Juden hat der Episkopat gar nichts ein zuwenden, und er wird dieser Verfügung der Legislative keine Schwierigkeiten entgegenstellcn. Anders freilich steht es um die Frage des Ueberlrittes vom Christenthum zum jüdischen Glauben, welche mit der Frage der Gleichstelluüg verquickt wird Hier spielen wieder die dogmatischer. Lehren der Kirche hinein." — Den meisten in Petersburg thätigen jüdischen Advokaten wird demnächst die behördliche Weisung zugehen, ihre Berufsthätigkeit lediglich in den Städten auszuüben, wo die Ansiedlung von Juden gesetzlich gestattet ist. Auch die Zahl der Apotheken iv. Petersburg, deren Besitzer Juden sind, soll erheblich vermindert werden. - Unter dem Titel „Religion und Vaterland" hat der Oberrabbine: von Frankreich die beiden Ansprache::, welche er im Monat November bei der Entlassung der jüdischen Seminaristen und der Gedenkfeier für die in Dahomey und Tonkin gefallenen jüdischen Offiziere gehalten hat, als Broschüre veröffentlicht. — Die israelitischen Arbeiter von Brooklyn (New-Pork) haben unter den: Namen Hebrew Literary Association einen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur ins Leben gerufen. — An fangs Dezember wurde der erste Spatenstich zum Bau der Eisenbahn welche Haifa mit Damaskus verbinden soll, gethan. Die Feierlichkeit wurde am Berge Carmel abgehalten. Die Gemahlin des Präsidenten der C'iseubahngesellschaft, Frau Pilling, vollzog die Feierlichkeit in Gegenwart der höchsten türkischen Beamten des Distrikts und 15,000 Zuschauern. Am Abend waren die Spitzen der Gesellschaft mit den türkischen Beamten zu einem Festrnahl vereinigt. Truck und Verlag von Rudolf Rio Ne tu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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