Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3227988--49411-3272075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2 beschäftigen. Znm Schlüsse der Sitzung verlas Don Fidel Fita eine in Madrid geschriebene Arbeit Tr. Kanserlings. Die Madrider Zeitungen brachten täglich Berichte über die Anwesenheit des gelehrten Gaskds. Tie Herzogin Te Orsuna, eine der geistreichsten Damen Madrids, kam zu Kavserling in die Ausstellung, um ihn nach halbstündiger Konversation zu Tische zu laden. Kavserling, der in Madrid in Ermangelung ritueller Fleischspeisen sich mit Milch, Eiern, Fischen re. nährte, lehnte j die Einladung dankend ab. "Am letzten Tage seines Madrider Ansj enthalts erhielt Tr. .Kavserling den Besuch des Botschafters Grafen! Dubskp, der ihm vom Tode Moriz Wahrmanus Kenutniß gab, und des! Adjutanten der Königin-Regentin, Grafen Trochu, der ibm mittheilte,! daß si h die Monarchin nach ihm erkundigt habe und ihn nach ihrer j Rückkehr nach Madrid empfangen werde. Dr. Kavserling mußte jedoch, i da 'er seine Abreife nicht aufschieben konnte, auf diese Auszeichnung dankend verzichten. Bon Madrid reiste Tr. Kavserling nach Toledo,! wo er die ehemals berühmte Svnagoge (später Santa MarirnKirche) j besichtigte und im Archiv Alkala de Hinares drei Tage verbrachte j Llach einem viertägigen "Aufenthalte im spanischen Kronarchiv zu S ragossa begab sich De. Kavserling wieder nach Barcelona, von wo er Mn 18. v. M. über Südfrankreich, die Schweiz und Oesterreich die Heimreise antrat und mit 21. v. M. Abends nach Budapest zurückkehrte j □ (<osel, 23. Dezember. In der Nacht vom 19. bis 20. d. Mts. * verschied der Stabsarzt a. D. Tr. Heinrich Brieger, der hier als einer der gesuchtesten Aerzte segensreich gewirkt und als Bürger unserer Stadt sich um dieselbe große Verdienste erworben hat. Ter so früh Entschlafene — er erreichte nur ein Alter von 55 Jahren — hat in unserer Stadtverwaltung während eines Zeitraumes von 20 Jahren das Amt eines Stadtverordneten bekleidet und seit 1883 das mühevolle Amt eines Stadtverordneten-Vorstehers in Folge seiner reichen Kenntnisse nnd Erfahrungen anfs Trefflichste verwaltet. In welchem Sinne der Verstorbene thätig war, beweist u. A. die vor länger als anderthalb Jahrzehnten erfolgte Gründung der hiesigen Progymnasial- Privataustalt, um deren Blühen und Gedeihen er als Vorsitzender des Kuratoriums derselben unausgesetzt und mit Erfolg bemüht war Auch dem jüdischen Gemeinwesen unserer Sradt, wie der hiesigen Brüdergesellschaft, brachte er in seiner langjährigen Angehörigkeit als Mitglied das regste Interesse entgegen. Während dreier Jahrzehnte gehörte er der Verwaltung der jüdischen Gemeinde, zuerst als Vorstandsmitglied, zuletzt als Vorsteher des Repräsentantenkollegiums an. Ter Verstorbene war auch Ritter des Eisernen 5kreazes. — Die am Tonnerstag stattgesnndene Beerdigung gestaltete sich denn auch zu einer imposanten Ehrenkundgebung für den in der Vollkraft seines Lebens Dahingeschiedenen. Dem Leichenwagen schritten Schüler des Progpmnasinms, Feuerwehrleute, Schützengilde und die Mitglieder beider städtischer Kollegien voraus. In dem überaus zahlreichen Trauergefolge, in welchem auch viele Bauern aus der Umgegend zu bemerken waren, befanden sich Vertreter des Kreises unter Führung des Landrathes, die Offiziere des Bezirkskommandos, die Geistlichkeit und Andere. In der Synagoge fand die eigentliche Trauerfeierlichkeit statt. Reiche Blumenspenden waren von den verschiedensten Vereinen nnd von zahlreichen Freunden, Verehrern und Patienten geschenkt worden. Das Andenken an den Verstorbenen, welcher in mehr als 3t)jähriger Thätigkeit in unserer Stadt sich Anerkennung nnd Verehrung in seltenem Maße erworben hatte, wird hier nie verlöschen. ** Samter, 20. Dezember. Welch' ernste und bedrohliche Seite bereits die gegenwärtige antisemitische Strömung annimmt, erhellt sich aus folgendem betrübenden Vorfall: In der Nacht vom 17. zum 18. d. M. begab ich mich gegen l Uhr nach dem hiesigen Wartesaal zweiter Klasse, um den 1 Uhr 22 Min. von hier abfahrenden Zug zu benutzen. Kaum hatte ich an einem der leeren Tische Platz genommen, in der Absicht, während der freien Zwischenzeit eine kleine Korrespondenz zu erledigen, als die mir gegenübersitzenden Herren, welche ich zumeist durch nachträgliche Information als einen Sanitütsrath, einen Rentmeister, einen Thierarzt und einen Kreissekretär erkannte, in Hochrufen auf Ahlwardt sich zu überbieten suchten. "Als bald auch die Ahlwardt- Broschüre vorgenommcn, die gemeinsten Stetten derselben unter noch stärkeren Randbemerkungen vorgenommen, meine Glaubensgenossen im Allgemeinen wie mehrere hiesige jüdische Kauflente im Besoudern in der brutalsten Weise beschimpft und verhöhnt wurden, stellte ich mich den Herren als Israeliten vor und bat sie, in einem öffentlichen, für Reise-, nicht für Kneipgäste bestimmten Raume solch provozirende Gespräche in solch ostentativer Weise zu unterlassen. Die Rücksichtslosen setzten jedoch ihr Vergnügen fort: ich sah, daß ich gegenüber solchen Naturen eine Bitte um Rücksichtnahme nur unter falscher Voraussetzung gethan hätte und verließ infolge der vorgegerückten Zeit den Saal und die Gesellschaft, jedoch mit dem Vorsatze, an geeigneler Stelle diese Ungehörigkeit zur Kenntnis; zu bringen. Nach diesem Vorspiel gaben jedoch diese Vertreter höherer Bildung und Lebensstellung ihre eigenen Bravourstücke zum Besten. Es traten mehrere hiesige und auswärtige jüdische Kaufleute in den Wartesaal, um 4 Uhr Nachts zu verreisen. Der Herr Sanitätsrath mit dem Bierseidel in der drohenden Hand begrüßte alsbald einen der Ankömmlinge: Da kommt schon wieder einmal so ein verfl.Jude, was will denn der Jude, raus mit ihm," einem andern spie er zweimal ins Gesicht unter Schmähungen und selbst Ohrfeigen. Noch um 03 4 Uhr hatte, ein für einen Inden gehaltener Pole, von Mielinski, unter Schlägen und schimpflichen Schmähungen die Nachwehen des Ahlwardt-Kults zu spüren. — Der ganze Vorgang ist natürlich bereits den Behörden zur Anzeige gebracht und harrt der gerechten Sühne; hoffentlich wird es noch rechtzeitig erkannt, wie der ganze "Antisemitismus zum Tummelplatz für die rohesten Leidenschaften und gemeinsten Triebe selbst in höheren Kreisen zu werden droht und nur durch Beherzigung des videmit consules bei Zeiten radikal ausgerottet wird. Dr. Leopold Wreschner. 5^2, Hannover, 1. Januar. Schon vor einiger Zeit haben wir in diesem Blatte darauf aufmerksam gemacht, daß beim Soolnnd Schwefelbade Limmerbrunnen, unweit der Stadt Hannover, eine Erziehungsanstalt für jüdische .Knaben erbaut wird, welche dazu bestimmt, ist, neben dem Unterricht einer Volksschule, den nothwendigen Kenntnissen der heiligen Sprache und einer Erziehung im Sinne des traditionellen Judenthums, sowie Ausbildung im Turnen, Schwimmen und sonstigen Ausübungen, die Knaben schon während ihrer Schulzeit, je nach Neigung und Veranlagung im Gartenbau und verschiedenen Handwerken zu unterweisen und ihren Kräften angemessen zu beschäftigen. Ohne auf die Kinder einen Zwang ausüben zu wollen, sämmtlich Handwerker oder Gärtner zu werden, beabsichtigt man demnach, die ärmere Klasse vom Hausir- und Kleinhandel möglichst fern zu halten. — Der Erbauer dieser Anstalt, Herr Alexander Moritz Simon, hat sich seit Jahren bewährt, nicht nur als ein Mann, der ein warmes Herz und reiches Interesse für gemeinnützige Unternehmen hat, sondern als ein durchaus praktischer Mann, der namentlich in den verschiedenen Zweigen des Gartenbaus erfahren ist und bereits in seiner eigenen sehr ausgedehnten Gärtnerei gute Erfolge erzielt hat, so daß einige seiner Produkte, unter anderen Maiblumen, als die besten ihrer Art weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt sind. — Das von Herrn Sinron behufs Errichtung dieser Erziehungsanstalt erworbene Terrain von ca. 70 Morgen ist gesund und schön belegen und hat einen für die verschiedenen Zweige der Gartenkultur vorzüglich geeigneten Boden. Die Anstalt ist mittelst der Pferdebahn vom Centralbahnhof Hannover aus in einer halben Stunde zu erreichen. Trotzdem die Gebäude erst im September in Angriff genommen wurden, ist das Hauptgebäude bereits außen verputzt und mit Dach und Fenstern versehen, so daß auch selbst bei ungünstiger Witterung das Innere vollendet werden kann. Im Frühjahr wird das Haus fertig und trocken sein und die Eröffnung wird gleich nach Ostern stattsinden können. — Der Garten, von dem vorläufig erst 30 Morgen zur Anpflanzung von Obstbnumen, Beerenobst, Maiblumen, Rosen und verschiedenen anderen Pflanzen hergerichtet sind, wird in der ersten Zeit große Aufwenduttgen erfordern, in wenigen Jahren aber, nach dem Urtheil von Sachverständigen, gute Erträge und Ueberschüsse liefern. — Den Ankauf der sehr werthvollen Terrains, den Bau der Gebäude, sowie die nicht unerheblichen Kosten der Instandsetzung des Gartens, Ankauf der Pflanzen rc. bestreitet Herr Simon ans eigenen Mitteln; bei Anschaffung des Inventars ist andern Menschenfreunden Gelegenheit gegeben, sich an diesem Werke zu betheiligen. "Als Vergütung für sämmtliche Unterhaltungskosten der Zöglinge incl. Schule, Bekleidung rc. wird anfänglich 400 M. pro Jahr berechnet, obgleich in den ersten Jahren, wo der Garten noch keine Ertrüge liefert, die Kosten sich höher siellen werden. Tie Mehrkosten wird Herr Simon aus seinen Mitteln bestreiten. In späteren Jahren, wo die Erträge des Gartens, die in Folge der zweckmäßigen "Anlage voraussichtlich bedeutend sein iverden, dem Unternehmen zu Gute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.