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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 12 (sequence 14)
Language
German
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12 Bezug auf die erstere Behauptung erklärt mm Herr Weinberg, daß der Vorstand dieselbe als eine private Kundgebung des Referenten bezeichnet habe. Die Desavouirung muß dcch wohl nicht mit der erforderlichen Ausdrücklichkeit geschehen sein. Die Aeußerung von der sinnlichen Befriedigung tritt aber ganz zurück hinter der viel schwerwiegenderen von der Ueberführung der Gemeinde zu den „Freireligiösen". Daß diese Aenßerung des Referenten desavouirt worden sei, wird von Herrn Weinberg selber nicht behauptet. Einige Sätze des Herrn Weinberg richten sich dagegen, daß die Gemeinde vom Jndifferentismus beherrscht werde. Meine Ausführungen waren von demselben Wunsche eingegeben. Ter Centralverein erschien mir ursprünglich wohl geeignet, Mitglieder aller Richtungen in sich zu vereinigen und unter ihnen allen Interesse für das Gemeindeleben zu erwecken. Bekennt er sich offen zur konservativen Richtung, so kann er ebenfalls dem Jndifferentismus entgegenwirken: direkt mit seiner Thätigkeit in den konservativen Kreisen und indirekt, indem er den liberalen Gemeindemitgliedern Anlaß zu einer Gegenorganisation giebt. Als konservativer Verein mit einem neutralen Programm würde der Centralverein dagegen mit der Zeit selber dem Jndifferentismus Vorschub leisten. Zum Schluß noch eine persönliche Bemerkung. Herr Weinberg erhebt gegen mich den Vorwurf, daß ich ihn zu wenig darin unterstützt, Mitglieder aller Richtungen für den Verein zu gewinnen. Wenn diese Behauptung überhaupt einen Sinn hat, so kann sie mit Bezug auf mich nur dahin verstanden werden, daß ich es mir zu wenig angelegen sein ließ, Liberale für den Eintritt in den Verein zu gewinnen; orthodoxe Mitglieder zuznführen, war doch wohl nicht gerade meine Sache. Ich umfi den Vorwurf aber auch in jener Beschränkung zurückweisen. Als vor einigen Jahren die Zeitung des Judenthums einen Artikel veröffentlichte, welcher den damaligen Centralverein zu einem konservativen Organ steinpeln wollte, war gerade ich es, der, ohne irgend eine Anregung von Seiten des Vereins abzuwarten, in eben dieser Zeitung nachwies, daß der Verein Raum für Anhänger aller Richtungen, auch der liberalen, biete. In der damaligen Situation war das möglich und erforderlich. Wenn ich heute den entgegengesetzten Standpunkt einnehme, liegt dies daran, daß der Verein seinen ursprünglichen Charakter aufgegeben hat. Berlin, 1. Januar 18W. I. Wiener. Geehrte Redaktion! Gestatten Sie einem alten 'Abonnenten, zu Ihrem 'Artikel „Ein Friedenswort" seine Meinung in Ihrem geschätzten Blatte zu äußern. Daß ein anständiger Mensch sich nicht mit einem gemeinen Menschen identisizirt, ist selbstredend, auch wenn Beide Israeliten sind. Sollen aber diejenigen Juden, welche bei ihren christlichen Mitbürgern in Achtung stehen, das Ansehen der ganzen Judenheit dadurch erhöhen, daß sie eine demonstrative Erklärung abgeben, deren Sinn etwa sein würde: „Herr Gott, wir danken Dir, daß wir nicht sind wie Jene und keine Gemeinschaft mit Ihnen haben?!" Nein, bei einem frivolen Angriff auf die ganze Judenheit und das Judenthum müssen sich alle Bekenner des letzteren solidarisch fühlen, i unbeschadet ihres Vaterlandsgefühls), das Gegentheil wäre feige Fahnenflucht! Unsere Aufgabe besteht heute wie zu allen Zeiten darin, gemeinsam ben vom Unglück betroffenen Glaubensbrüdern die Wunden zu heilen zu suchen, die ihnen der Haß geschlagen hat! Erklärungen abzugeben haben wir den vernünftigen und vorurtheilslosen Mitbürgern gegenüber nicht nöthig, und Radau- und Geschäftsantisemiten gegenüber nützen alle Belehrungen nichts; auch wenn diese Leute so ehrlich wären, wie der Patriarch in Lessings „Nathan", so würden sie doch nur erwiedern: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt." Kann wirklich ein vernünftiger Mensch glauben, daß Leute, welche die unzweideutigen Erklärungen des edlen .Kaisers Friedrich U!., der Großherzöge von Hessen und Weinrar, des jetzigen Reichskanzlers in den Wind schlagen, sich von den Betheuerungen eines jüdischen Bankiers oder Professors rühren ließen? Wir Juden können wirklich nichts 'Anderes thun, als auf unfern alten Gott vertrauen, der uns auch den heutigen Antisemitismus überleben lassen wird. Je toller der letztere es treibt, desto besser, denn desto eher wird er abgewirthschaftet haben und werden sich die Regierungen gezwungen sehen, mit allen Machtmitteln gegen ihn zu reagiren. Mögen die Herren Antisemiten nur weiter jeden Richter, der einen unschuldig angeklagten Israeliten nicht zum Tode verurtheilt, als im Judensold stehend bezeichnen; aus den neulichen Bemerkungen des Reichskanzlers verspüren wir doch schon so etwas wie „einen neuen Kurs". Hochachtungsvoll St. Gallen, 20. Dezember. Ein Israelit. Geehrte Redaktion! Sie kennen die uralte Anekdote von dem Ungar, der bei einer» Mater das Bild seines verstorbenen Vaters bestellt und nun, als ihm das Kunstwerk ins Haus gebracht wird, in den staunenden Klageruf ausbricht: „Ormer Votter, wie host du dich verwande't!" Auch das Kapitel meines Romans, das ich in Hamburg vorgelesen, hat sich in dein von Ihnen gebrachten Referat, in Nr. 52 Ihres Blattes, so verwandelt, daß ich es kaum wieder erkenne. Wahrscheinlich ist Ihr Herr Referent zu Höherem geboren, als zur Abfassung getreuer Inhaltsangaben, denn daß es ihm an Phantasie nicht fehlt, steht nach dieser Probe fest, aber dann mag er selber Romane schreiben, statt die meinigen als Unterlage für das Walten und Schalten seines eigenen Genius zu benutzen, und die 'Aufgabe, den Inhalt fremder Arbeiten anzugeben, minder phantasievollen Leuten überlassen, z. B. den Berichterstattern der Hamburger Tageblätter, die mich sämmtlich nur das haben vorlesen lassen, was ich wirklich gelesen. Wollte ich all' die Punkte anführen, wo sich die Dichtung Ihres Referenten von der meinigen unterscheidet, so müßte ich sehr ausführlich werden; ich begnüge mich, einige Punkte anzuführen, an denen mir besonders liegt. Es ist mir, der ich die Innigkeit der Familienbande unter den östlichen Juden kenne, auch nicht im Traume beigefallen, den kleinen zehnjährigen Mendele deshalb von seinen Eltern verstoßen zu lassen, weil er den Bubenstreich mit dem Ei verübt; er bekommt seine wohlverdienten Prügel und wird von den Eltern zu einem Lehrer nach Wien gebracht. Hier wird er neuer Streiche wegen von der Schule fortgejagt und traut sich nun nicht heim; verstoßen wird er auch nun nicht; erst als er lange Jahre nicht heimkehrt und die Mutter in der Zwischenzeit vor Gram stirbt, will der Vater nichts mehr von ihm wissen. Möglich, daß Ihrem Herrn Referenten seine Gestaltung der Fabel viel schöner erscheint, aber mir nicht — und je seltener Referate, wie das vorliegende sind, desto energischer muß der Protest gegen eine solche phantasievolle Berichterstattung sein. Ein zweiter Punkt, den ich aus anderem Grunde klarstellen möchte, ist der folgende: Ich lasse Mendele, wie Ihr Herr Referent sagt, Fragen stellen, die ihrer Spitzfindigkeit wegen den Lehrer in Staunen setzen, z. B.: „An welchem Tage hat Eva von dem verbotenen Apfel gegessen u s. w." Mit Verlaub, das ist mir gleichfalls nicht beigefallen, denn obwohl ich leider von hebräischer Gelehrsamkeit nicht viel besitze, einen so groben Bock zu schießen, bin ich doch nicht unwissend genug. Denn jene Fragen über den Apfelbiß, die Jakobsleiter u. s. w. sind ja uralte Disputationsthemen, über die seit Jahrhunderten in jeder Klaus gegrübelt und geklügelt wird; als diese habe ich sie denn auch bezeichnet und lasse oen Mendele nur durch originelle Antw orten Aussehen erregen; den Erfinder dieses uralten Fragenschatzes lasse ich ihn nicht sein. Endlich hat Ihr Herr Referent eine lange Reihe von Wörtern und Sätzen mit Anführungszeichen versehen; da es sich um ein Referat handelt, so muß der Leser glauben, es seien dies Ci täte aus meinem Vortrag. Das ist durchaus nicht der Fall; was sich Ihr Herr Referent dabei gedacht hat, weiß ich nicht, aber meine Worte sind das entweder überhaupt nicht, oder ich habe sie doch in anderem Zusammenhänge gebraucht. Die Mitschuld an einer so angeführten Redewendung muß ich sogar ausdrücklich zurückweisen. Ihr Herr Referent schreibt: „Jetzt geht die Wanderung (Mendele's und seiner Gattin) zu „zweit", und bald ist Aussicht vorhanden, sie „halbdritt" zu machen" Die Ausdrücke „zweit" und „halbdritt" sind sein Verdienst, trotz der Anführungszeichen nur das seine, ich pflege derlei minder — wie soll ich sagen — minder humoristisch auszudrücken. Mit besten Empfehlungen Ihr ergebenster Berlin, 27. Dezember. 51arl Emil Franzos. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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