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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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11 erzählte ich ihm den Vorfall und äußerte, es könne doch nicht möglich sein, daß er dies gesagt. — Er antwortete: „Ja, ich habe Aehnliches geäußert; allein unter der von mir angeführten Bedingung ließe ich mir auch den Kopf abschlagen, nämlich unter der, dafür einen besseren Kopf aufsetzen zu lassen." Bald nach seiner Ankunft kündigte er Vorlesungen an. In der ersten j derselben erklärte er: er stelle ein Axiom auf, welches seine Zuhörer bis j jetzt noch nicht gehört hätten, und welches ihnen kaum verständlich sein würde, sie möchten es vorläufig auf Treu und Glauben von ihm hinnehmen; im Laufe der Vorlesung würden sie sich von der Richtigkeit desselben überzeugen. (So sprach er sich auch früher in seinen Werken einmal aus.) Diese Erklärung wurde sowohl von den Professoren als von den übrigen Zuhörern als anmaßend erachtet und sehr übel gedeutet. j Es bildete sich eine Partei gegen ihn und wahrscheinlich haben die Stu-! deuten in den Vorlesungen auch Lärm erhoben; wenigstens schwebt nur vor, daß damals in der Stadt davon die Rede war; auch kam, glaube ich, die zweite Vorlesung kaum zu Stande. Daß Einzelne Fichte die größte Bewunderung zollten, geht z. B. aus einer Äußerung Hufeland's hervor, welcher auf die Frage in einer Eesellschaft, wie alt er sei, zur Antwort gegeben haben soll: „Ungefähr i >5 Jahre;, ich rechne nämlich mein Alter seit meiner Bekanntschaft mit! Fichte." j So viel ich mich erinnere, ist Fichte noch im Jahre 1807 nach dem : Tilsiter Frieden nach Berlin zurückgekehrt. Ich kam im Herbst 1810; Hierher; aus Bescheidenheit besuchte ich Fichte sehr selten, bin aber durch einige seiner Jünger in freundlicher Beziehung zu ihm geblieben. — Im Anfänge des Jahres 1813 hatte ich ihn öfter besticht, sah ihn auch mit xnr Berliner Landsturm exerciren und erinnere mich noch ganz lebhaft einer interessanten Unterredung mit ihm, nach dem Einmarsch der Russen u Berlin: er äußerte sich unter Anderm gegen den damaligen „Tugendnmd", den er als schädlich bezeichnete; — auf meine Einwendung aber: xw Tugendbund habe das große Verdienst, daß so viele preußische Offistere und Andere nach Rußland gegangen seien und dadurch gewissermaßen 1 ivilisirend auf die einrückenden Russen gewirkt hätten — anwortete er; nir: „Allerdings, in diesen Beziehung stimme ich Ihnen gern bei." Während des Waffenstillstandes im Jahre 1813 wurde ich vom Ltaatskanzler aufgfeordert, ins Hauptquartier zu kommen. Vor meiner Abreise begab ich mich noch einmal zu Fichte, Er empfahl mir bei dieser Gelegenheit mehrere seiner Schüler, welche als Freiwillige in der Armee dienten, und bat mich, ihnen, wo es geschehen könne, mich nützlich zu bezeigen, worauf wir den herzlichsten Abschied von einander nahmen, beider sollte ich ihn nicht Wiedersehen, denn als ich 181-1 zurückkam, war er schon todt. — Meine Bekanntschaft mit Fichte beruhte nach alledem nur auf kurzen Besuchen und mündlichen Unterhaltungen; ich besitze daher keine Briefe von ihm. — Was seine äußere Erscheinung anbetrifft, so bemerkt E. M. Arndt sehr richtig in seinem letzten Werke: „Meine Wanderungen und Wandlungen mit Herrn von Stein", daß Fichtes Gesicht in Form und Ausdruck die größte Aehnlichkeit mit dein Steins hatte. Hochachtungsvoll Berlin, 10. April 1802. Euer Wohlgeboren ergebenster Bloch, Präsident a. D. So weit das Schreiben Bloch's. Wir glauben nicht, daß es j unsere lieben Antisemiten citiren werden, da es in jedem Betracht gegen sie spricht. Sehr nahe liegt die Versuchung, int Anschluß an; das interessante Schreiben etwas über die Persönlichkeit Bloch's selbst zu sagen, der um seiner Intelligenz und Bedeutung willen von den größten Staatsmännern Preußens unter allen Wandlungen der Politik von 181:3—186'! hochgeschätzt wurde. Für seine Intelligenz legt ja schon die eine Thatsache genügendes Zeugnis; ab, daß er es in der Zeit von 1806—1810 vom einfachen jüdischen Handlungsdiener zum Agenten der preußischen Seehandlung brachte. Er war mit den bedeutendsten Gelehrten und Philosophen, Dichtern und Musikern innig befreundet; sein Haus bildete Jahrzehnte lang den Mittelpunkt eines geselligen Kreises, den er und seine ebenfalls geistig bedeutende, liebenswürdige Gattin belebten. Fanny Lewald hat in ihrer Lebensgeschichte dem vortrefflichen Ehepaar ein Denkmal treuer Erinnerung ' gestiftet. In der Autographenmappe, von welcher ich Anfangs erzählt, finden sich Briefe von Hippel, Gervinus, Hegel, Ottilie von Goethe, Therese von Bacheracht, F. Lewald und vielen minderen, die einen Beweis dafür ablegen, welcher Achtung und Liebe sich Bloch ilnd seine Gattin in diesem Kreise zu erfreuen hatte, mit welchem Eifer sie aber atlch Kunst und Wissenschaft stützten und förderten. Littcrarische Mittheilungen. * Die Stellung des Papstes Martin V. zu den Inden darf als typisch gelten für das Verhalten sämmtlicher Päpste des Mittelalters gegenüber dem Volke Israel. Bern et hat daher jenes Pontifikat heransgehoben und mit Benutzung des vatikanischen 'Archivs in einem Aufsatz der Revue des ijuestions liistoriijiies 1802, 1. 383 IT., die in jene Zeit fallenden Schwierigkeiten und Streitigkeiten der Judengemeinden zu Rom, Avignon und an anderen Orten in politischer, sozialer und religiöser Beziehung geschildert. Er erwähnt dabei die päpstlichen Entscheidungen über die bedingte Zulässigkeit der Taufe von Judenkinderu gegen den Willen ihrer Eltern, sowie über die Beziehungen getaufter Juden gegen ihre früheren Glaubensgenossen. Der Autor weist nach, wie Martin V. mit Umsicht, Gerechtigkeit und Milde derlei Streitfragen löst, ohne einerseits die Rechte der Juden zu beeinträchtigen und anderseits ohue ihren liebergriffen gegen die Christen die Zügel schießen zu lassen Nach Beleuchtung der Beweggründe, die den Papst zu seinem maßvollen Vorgehen bestimmten, hebt Vernet die Thatsache hervor, daß die von der weltlichen Regierung oft mit ungerechter Härte Verfolgten gerade an den Päpsten des Mittelalters einen stets sichern Rückhalt und Schutz gefunden hätten:. Zktli. * Die Direktion der Allgemeinen Encyklopädie für die Wissenschaft des Judenthums sendet uns folgende Mittheilung: Naachdem es der unermüdlichen Energie des Direktors Herrn I. Singer und der propagandistischen Thätigkeit der meisten Mitglieder des Propaganda- und Direktionskomitee gelungen ist, auf dem Wege der Subskription die finanzielle Grundlage der ersten 3—4 Bände zu sichern, haben sich Direktion und Administration deS großen Werkes entschlossen, den Herren Rabbinern, Lehrern und den Vorständen solcher Gemeinden, welche weniger als 500 Seelen zählen, einen Rabatt von 10 Prozent zu gewähren Es wird ferner von nun an den Subskribenten freigestellt bleiben, auch eine von ihnen selbst zu bestimmende 'Anzahl von Bünden (;T 10hA M. resp. 15 M.) zu subskribiren. — Die Direktion der Encyklopädie ersucht auf diesem Wege diejenigen Herren Mitarbeiter, welche noch nicht ihre unter die Buchstaben A und B fallenden Beiträge eingesandt haben, dies so bald als möglich zu thnn, da die Arbeiten der aus 3 hervorragenden Mitgliedern des Direktionskomitee bestehenden Revisionskommission in Anbetracht des ungeheuren Materials ziemlich lange Zeit in'Anspruch nehmen dürften. Um dem Leser eine Vorstellung von der Ausdehnung des Werkes zu geben, so sei hier bemerkt, daß z. B. der von der St. Petersburger Kommission allsgearbeitete Spezialnomenklator für Rußland ca. 1200, der für Schlesien 250 Nummern enthält. - Sprechsaat. Sehr geehrte Redaktion! Sie gestatten mir wohl einige Worte der Erwiederung auf die 'Allslassungen des Herrn Weinberg, deren sachliche Haltung ich gern anerkenlle. Ich hatte in meinem 'Artikel ausgeführt, daß das Programm des „Centralvereins", während es offiziell einen neutralen Charakter all sich trägt, so daß sich demselben auch Anhällger einer freien Richtung anschließen kömlen, offiziös einen Kommentar in orthodoxem Süme erfährt. Als Beweis führte ich die voll bent Referenten der Wählerversamllllung ausgestellte Behauptung all, daß der moderne Kultils auf sinnliche Befriedigung abziele, itnb daß darauf hingearbeitet werde, die jüdische Genteinde von Berlin in die freireligiöse überzuführen. Mil

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