Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3227988--49407-3272071
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 Vater des gnädigen Herrn. Möge er so glücklich sein, wie ich es ihm wünsche. Möge ihm ans diesem Felde nur Gold gedeihen, daß er sich noch ein zweites Vorwerk kaufen kann. Möge er noch hundert solche schöne Löhne wie der gnädige Herr erziehen!" In der Dämmerung konnte man den Ansdruck seines Gesichtes nicht wahrnehinen. Aber jede paar Schritte verbeugte er sich und der dicke Junge, der neben ihm ging, beruhigte sich in seinem Zorn. Oder vielleicht war er von Natur auch nicht so grausam, da er in ein schallendes Gelächter ausbrach. „Ach. er segnet gut," rief er ans. „Hundert Söhne! Dabei würde ich gut ivegkonimen, wenn ich nennundneunzig Brüder hätte. Laß schon sein, Du Hundeseele, und folge mir, wo ich Dir hinzngchen befehle. Mit Deinem Segen wirst Du .'mir nichts ausschmeicheln. Marsch weiter! Ich werde hinter Dir gehen wie ein Soldat hinter dem Arrestanten. Komm zum Vater!" Die Bewegungen eines Soldaten »achahmeud, nahm er den Stock in die Hand und trieb den Juden vor sich her, welcher mit Seufzern und Stöhnen seinen Sack wieder auf den Rücken nahm. Durch die Heiterkeit seines Bedrängers ermuthigt, sing er leise lächelnd zu sprechen an. „Nun, ich werde schon gehe». Warum sollte ich denn nicht gehen? Kenne ich vielleicht nicht den Vater des gnädigen Herrn? Weiß ich es nicht, daß er dem armen Gedalja nichts Schlechtes thun wird? Ich habe den Herrn Ignatz Korejba schon damals gekannt, wie er »och in seiner Heimath wohnte. Und jetzt sind es schon fünf Jahre her, daß er sich dieses Vorwerk gekauft hat. Gebe Gott, daß es ihm znm Guten sei! Ich fürchte ihn nicht. Er ist ein barmherziger Herr!" Aber aus dein Zittern seiner Stimme, selbst aus dem leisen Lachen fühlte mau heraus, daß er sich fürchtete. Mit gebeugtem Rücken ging er ruhig weiter; nur sein Athem ging lauter und heiserer als zuvor; einige Male hustete und spuckte er aus. Sei» Bedränger marschirte dicht hinter ihm her. Bald standen sic am Eingang einer Weidenallee. „Marsch rechts!" kommandirte der Sohn des Gutsbesitzers laut. Der Jude lachte still vor sich hin. „Hi, hi, hi, wie der gnädige Herr heiter ist, möge Gott ihm Gesundheit geben!" „Tn wirst mir schon etwas Anderes wünschen, wenn Dir der Vater für die gestohlenen Erbsen den Rock vom Leibe herunterzichen wird!" „Hi, hi, hi." Er hustete wieder und blieb einen Augenblick stehen. „Rascher, rascher, sonst schlag ich zu!" Dabei hob er die geballte Faust über den Rücken des Juden, doch schlug er nicht, er drohte nur mit der Faust eine Weile lang. In dein tiefen Schalten der Weiden sah und hörte man nichts als ein leises Flüstern und eine verhallende, seufzende Stimme! .... * Gin interessantes Schriftstück. Der Philosoph Fichte war bekanntlich kein Freund der Juden. Wir haben also am wenigsten gegenwärtig eine Veranlassung, ein Fichtejubiläum zu feiern, aber die Veranlassung, auf Fichte zurückzukommen, ist gerade für uns und gerade jetzt ganz besonders charakteristisch und werthvoll. Durch einen glücklichen Zufall bin ich in den Besitz eines interessanten Schriftstückes gelangt, welches ans der Autographenmappe des den älteren Berlinern gewiß noch in guter Erinnerung lebenden Präsidenten der Seehandlung J.^Bloch mir von einer liebenswürdigen Dame zur Veröffentlichung gütig überlassen wurde. Bloch war als Jude in einem kleinen preußischen Städtchen geboren und tarn in jüngeren Jahren nach Berlin, wo er es bald zu hohem Ansehen brachte. Sein Schreiben bezieht sich auf Fichtes Aufenthalt in Königsberg, in der Heimath Kants, im Jahre 1806, über welchen nur wenig bekannt geworden ist. Die unglückliche Wendung, welche der französisch-preußische Krieg in jenen Jahren genommen, veranlaßte Fichte, Berlin zu verlassen; er begab sich sofort nach Stargard in Pommern und von da nach Königsberg, wo ihm interimistisch eine Professur angeboten wurde und wo er auch eine kurze Zeit Vorlesungen hielt. Das Schriftstück, welches ich nun hier mittheilen will, ist auf eine bezügliche Anfrage des Bibliothekkustos Dr. Rudolph Reicke in Königsberg entstanden, dem Johann Jakoby damals mitgetheilt hatte, daß Vloch gerade um die Zeit von Fichtes Aufenthalt in Königsberg seine Bekanntschaft in höchst origineller Weise gemacht habe. Es ist das Interview eines jüdischen Handlungsdieners bei einem judenfeindlichen Philosophen, das, für beide Theile charakteristisch, in diesem Schreiben geschildert wird! Dasselbe hat folgenden Wortlaut: Euer Wohlgeboren Wunsch, Ihnen über meine Bekanntschaft mit Fichte Näheres mitzutheilen, bin ich gern zu erfüllen bereit. — Ich gebe Ihnen die Thalsachen, wie sie mir gerade ins Gedächtniß kornmen, dabei wohl manches ohne Bedeutung ist. Im Jahre 1805 kam ich als Handlungsdiener nach Königsberg. Obwohl ohne Vorstudien, war ich doch stets bestrebt, mich geistig zu fördern und fühlte mich insbesondere von Fichtens Schriften angezogen, die ich nach dem damaligen Staude meiner Bildung natürlich mehr irr den praktischen Auslegungen als in deru theoretischen Theile derselben aufzufassen vermocht hatte. — Eines Abends im Herbste 1806 erfuhr ich, daß Fichte und Hufeland gleichzeitig angekomrnen wären, und daß ersterer im Oppen h ei machen Gartenhause seine Wohnung erhalten habe. Der lebhafte Wunsch, ihn zu sehen, erfaßte mich mit solcher Gewalt, daß ich mich schon am folgeudeu Morgen, ehe ich noch ins Komtoir ging, nach seiner Wohnung begab. Ich zog rasch die Klingel, allein nun erschrak ich, denn eigentlich wußte ich ja nicht, was ich wollte. — Ich wurde sofort vorgelassen und sagte ihm nun, schnell gesammelt, daß ich in Verlegenheit sei, daß ich draußen wohl nicht gewußt habe, was ich wolle, daß ich wohl vorgeben könne: ich wolle ihn fragen, ob er Vorlesungen halten werde, daß dieses jedoch eine Unwahrheit sein würde, weil ich in meiner Stellung seine Vorlesungen nicht besuchen könnte, endlich, daß nur der Drang, ihn zu sehen, mich Hergetrieben habe. Er nahm diese Ausrede freundlich auf und unterhielt sich dann wohl über eine Stunde lang mit mir über die verschiedensten Gegenstände, insbesondere aber über die politischen Tagessragen, über Poesie, Litterarnr und über gewerbliche Zustände. — Hierbei kamen auch die in Kurs befindlichen schlechten Münzgroschen zur Sprache, welche bekanntlich mit bemfelben Gehalt in England nachgeprägt und von dort eingeschmuggelt wurden. — Ich merkte bald, daß er eben nicht sehr für die Engländer eingenommen sei, denn er äußerte bei dieser Gelegenheit, indem er auf einige in seinem Zimmer hängende große englische Kupferstiche zeigte: „Die, welche diese Platten siechen, machen auch die Groschen", wodurch er andeutete, daß die Engländer Wissenschaft und Kunst nicht im höheren Sinne begreifen, sondern stets nur industriell, kaufmännisch, praktisch auszubeuten suchen. In der Litteratur war er ganz besonders ein großer Verehrer Goethe's, denn er bemerkte gegen mich, daß „Wilhelm Meister" nie von seinem Tische komme. — Wiewohl er in seinem Benehmen meist sehr ernst zu sein pflegte, so zeigte er sich doch gegen mich, wahrscheinlich weil er meine Strebsamkeit erkannte, so freundlich, das; alle meine Befangenheit schwand, und ich bald ganz ohne Göne mit ihm plauderte; als ein besonderes Glück betrachtete ich es, daß er mich beim Abschiede sogar aufforderte, ihn wieder zu besuchen. An denlselben Tage befand ich mich bei einem Wechsler, wo davon gesprochen wurde, daß Fichte in Königsberg sei. Die Frau vom Hanse fragte, wer Fichte sei, und ein anwesender jüdischer Gelehrter aus Berlin beantwortete diese Frage, indem er jedoch hinzusetzte, er habe denselben in Berlin nicht seheil mögen, weil Fichte irgelldwo in seinen Schriften ausgesprochen, „daß man aller: Juden die Köpfe abschlagen möchte." — Diese Mittheilung regte mich sehr auf, nnd als ich Fichte wieder besuchte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.