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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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9 FEUILLETON Gedalza. Eine Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. I. Ueber die weite Ebene begann der Sommerabend seine Schleier auszubreiten, die Alles gedämpst aber doch sichtbar erscheinen lassen. In der hereinbrechenden Dämmerung verloren die Stoppelfelder nichts von ihrer gelben Farbe, die Feldwege schieden sich von den Feldern nur durch das sandige Gelb, der blühende Buchweizen schimmerte weis; und gesprenkelt, die mächtigen Linden ragten gespenstisch über die Häuser des kleinen Vorwerks hinaus. An der äußersten Grenze des Horizonts huschten noch die letzten feurigen strahlen des Westens hin und wider, auf der andern Seite bildeten die zusammengeballten Wolken eine so dunkle Mauer, das; sie deutlich die Ankunft der Nacht verkündeten. Das Wetter >var mild und still. In den Dornhecken ließen sich die Wachteln hören; über den Buchweizen flog, von der weißen Farbe angelockt, eine Fledermaus und verschwand, in ihrem Fluge einen Halbkreis beschreibend, in der Ferne. Bon den nahen Weiden schallten das Gewiehcr der Pferde und die gebrochnen Klänge einer Hirtenschalmei herüber. Die andern Thiere, Vögel nnd Insekten schliefen schon; man sah und hörte auch nirgends Menschen, ihr Dasein verriethcu nur wenig schimmernde Lichtchen, die aus den Häusern des Vorwerks flimmerten. Durch oie Dunkelheit und das Schweigen der schlafenden Felder ging nur ein Mensch über den Weg, an dessen beiden Seiten alte Weiden ihre viclverschlungenen Zweige herunterbeugten. Er schritt nicht dem Vorwerk zu, sondern mied dasselbe vielmehr und ging geradewegs auf das Feld hinaus. Hier fielen die letzten Strahlen der fern im Westen scheidende» Sonne noch auf seine hohe, schlanke und unter der Last des schweren Packens auf dem Rücken sich beugende Gestalt. Er trug einen langen, fast bis auf die Füße reichende» Rock, eine alte Mütze mit zerrissenem Schirm und schwere, ausgetretene, vom Staub ganz weiß gewordene Schuhe. In der Hand hielt er einen Knotenstock, auf den ec sich stützte. Er ging sehr langsam. Seit Wochen herrschte in der Gegend große Dürre, die den Weg staubig machte, der noch dazu mit Steinen besäet war. Die Füße des Wanderers stießen sich gar oft an den Steine» oder ivateten in den Sand und wirbelten gleichzeitig kleine Staubwolken empor. Da er unter der Last seines Packens das Gesicht zur Erde bücken mußte, flog ihm der Staub in Mund und Hals und sein schweres und hastiges Athemholen wurde hie und da nnr vv» dem Schlag der Wachtel, die aus den Dornhecken heitere und klare Melodien sang, übertönt. Einmal noch flimmerte das blasse, unstete Licht des Westens über sein Gesicht. Dieses Gesicht war länglich, wachsbleich und von einem schwarzen Bart umrahmt. Die Backenluochen ragten hervor, der Mund tvar halb offen und die Augen zur Erde geheftet. Er blieb stehen, um auszuruhen, aber er konnte sich nicht erhebe», weil er die Last von dem Rücken nicht abschütteln konnte, llnd so stand er gebeugt, auf den Stock sich stützend, und nur den Blick erhebend schaute er in die Höhe zu dem sich immer mehr verdichtenden Wolkenmantel empor oder in den sich hinziehcnden weiße» Nebel hinein. Während dessen wehte ihn an der frische, üppige Thau, mit dem ermüdenden Duft der Vegetation sich mischend. Im Gebüsch ließ sich deutlich ein leises Geräusch vernehmen. Es war, als ob ein Hase oder eine Katze vorüberhuschte, oder vielleicht auch der Fckigelschlag eines in seinem niedrigen Nest aufgeschcuchten Vogels. Er schaute in das Feld hinein. Ein frischer und erquickender Duft stieg ans diesem Felde hervor, das mit grünenden Schoten besäet war, aus denen zahlreiche Insekten umher wimmelten. Hier und da schimmerten noch auf dem Felde >veiße Blüthen und daneben sich verschlingende Stengel, erdrückt von der Last der schon reifenden Schoten. An dem Rande des sandigen Feldwegs bückte sich der Mann noch mehr unter der Last seines Sackes; nach einer Weile fiel ihm der Stock aus der Hand und die beiden Hände streckten sich, wie von einem fremden Willen getrieben, zu den grünenden Gefilden ans. Doch er zog sie zurück und es konnte scheinen, als ob er bald weiterziehen würde, aber seine Füße vermachten sich nicht zu bewegen, gleich als wenn sie in die Erde hineingcwachsen wären. O weh, o weh! So klangen die Seufzer seiner Sehnsucht. Er wiegte den Kopf nach beiden Seiten, er schnalzte mit der Zunge, warf den Sack von dem Rücken und setzte sich ins Gebüsch. Jetzt hörte man ihn die Schoten abreißen und kroch nun er auf den Kuiecn immer weiter; seine Mundwinkel bewegten sich immer rascher und seine Hände legten immer rascher den Weg von dem Gebüsch zuin Munde zurück. Die Hüllen der Erbsen waren ganz überthaut — es war schwer zu sage», ob der sie hastig verzehrende Mann seinen Hunger stillen oder seinen Durst befriedigen wollte. Nur das war sicher, daß er aß und trank zugleich, ja vielleicht hat er noch mehr getrunken, als gegessen. Seine Stirn war von der Hitze des Tages gebräunt und sein Mund voll Staub und er bückte sich so tief, daß er das ganze Gesicht in dem feuchten Gebüsch vergrub, und indem er zu essen aufhörte, in stiller Wonne auszuruhen schien. In demselben Augenblicke erhob sich, etwa zehn Schritte von ihm entfernt, ein anderer Mensch, lauschte aufmerksam in die Weite, und mit ein paar kühnen Sprüngen war er an der Stelle, wo der Andere lag, den er am Kragen packte. Gleichzeitig rief eine starke, aber zugendfrische Stimme: „Was machst Du hier, Du Dieb, Du Straßenränder, Du Vagabund? Du zertrittst unsere Erbsen, ißt sie auf und steckst Dir wahrscheinlich noch die Taschen voll damit! Ich habe Dich nun aber doch gefangen, Du Hundeseele! Steh nun auf und folge mir zum Richter. Denn wenn ich Dich mit dem Stocke durchblüne, daun wirst Du gleich hinter mir hergaloppiren!" Db er aber selbst unter dem Antrieb eines Stockes galoppircn könnte, das ist noch eine Frage. Er sprang rasch nnd bebend vom Boden auf. So plötzlich wurde er in seiner wonnigen Ruhe aufgcscheucht! Noch einige Male bückte er sich nieder und sprach mit heiserer Stimme, ganz unzusammenhängend: „O, gnädiger Herr, lassen Sie mich doch gehen. Ich will zu dem Schankwirth nach Schumua, um dort ein Nachtlager zri finden. Ach, und die Schoten sind nahe am Wege . . . Und so schöne Schoten ... Da habe ich mir ein wenig . . . Möchten Sie, gnädiger Herr, mir das verzeihen und mich frcilasseu ... Ist denn das ein so großer Schaden?" Der junge Mann hörte aber fast gar nicht zu und schrie weiter: „Ach, ob das ein großer Schaden ist! Und wie, vielleicht kein Schaden? Vielleicht ist es gar noch ein Nutzen, daß solche Diebe, wie Du, die ganze» Erbsen vom Rande wegessen. Du möchtest vielleicht auch noch ein paar Kartoffeln ausgraben? Du hättest wohl dann Deine Baalboostc (Gattin) am Sabbath damit bewirthet! Euretwegen muß der Mensch wie ein Hnnd auf den Feldern übernachten, um sein Eigenthum zu schützen. Und dabei schreit noch immer der Vater, daß ich nie einen Dieb erwische! Nun habe ich einen. Komm nur mit zu meinem Vater! Es wird Dir gut gehen vor dem Richter. Du sollst daran denken!" Mit seiner heiseren Stimme erwiederte der Andere leise: „Ach, . gnädiger Herr, lassen Sie mich gehen ... Ich gehe zu dem Schankwirth nach Schumua. Ach das Gericht. Die Erbsen wachsen so ganz am Wege. Und wozu wachsen sie so am Wege? Ich kenne den

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