Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Lektüre. Aber wenn diese auch nicht überflüssig geworden, so nothwendig, als es bei einer exegetischen Studie vorausgesetzt werden muß, war sie nicht. Das soll kein Vorwurf für Herrn Bacher sein. Er hat Wort gehalten. Die Fülle dessen, was sich ihm zur Bearbeitung darbot, ist so groß, die Gebiete, die er, Exegese suchend, durchstreifen mußte, sind so umfangreich, daß die Arbeit kaum eine andere Gestalt halte annehmen könne», als die, die ihr Bacher gegeben hat. Die Exegese kam zu ihrem Rechte. Soviel sich für diese Disziplin aus den Schriften der behandelten Autoren gewinnen ließ, hat Bacher für sie gewonnen. Die Arbeit war nicht leicht. Hier galt cs nicht, den Schutt von der Oberfläche wegzuräume», um in gewisser Tiefe auf mächtige Schichten des gesuchten Materials zu stoßen und dieses an das Tageslicht zu fördern: hier galt es, prüfend in die Materie einzudringen, das Beste von dem Guten, das Edelste vom Edlen zu sondern. Schutt war überhaupt nicht vorhanden. Das Edelmetall lag zerstreut, manchmal an der Oberfläche, manchmal in der Tiefe. In beide» Füllen mußte es gesucht, erkannt, geordnet und gesammelt werden. Das hat Herr Bacher mit gewohntem Fleiße und mit der ihm eigenen Akribie getban. Es ist ihm vollkommen gelungen, der Exegese zu ihrem Rechte zu verhelfen. Dennoch hat man bei der Lektüre des größten Theils der Arbeit den Eindruck, daß man es in erster Reihe mit Philosophie und dann erst mit Exegese zu thnn hat. Und das mit Recht. Die Exegese war den Religionsphilosophen nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel, um, wie der Verfasser in dem Vorwort sagt: „den Inhalt rmd die Resultate des vernunftgemäßen Denkens mit den Urkunden der religiösen Erkenntniß in Einklang zu bringen". Da diese Urkunden de» Glanbensinhalt jener Männer bildete», um deren Geistesschaffen es sich hier handelt, jo kann man mit Fug sagen, daß es ihnen, wie allen Rcligionsphilosophen, darum zu thnn war, die damals herrschenden philosophischen Anschauungen, oder ihr eigenes spekulatives Denken mit ihrem Glauben und ihren religiösen Ucberzengungen in Einklang zu bringen. Mit diesem schwierigen Unternehmen haben sich die Religionsphilosophen aller Zeiten abgemüht. Zwischen dem, was der Glaube unbedingt fordert, und dem, was das spekulative Denken als ureigenstes Recht für sich in Anspruch nimmt, entsteht eine breite Kluft, entstehen oft in die Angen fallende Gegensätze. Die Exegese sollte dazu dienen, die Gegensätze auszngleichen, die Kluft zwischen Glaube» und Philosophie zu füllen. Oder, wenn cs erlaubt ist, das philosophische Denken einem einig unruhigen, in beständiger Bewegung befindlichen Meere, den Glauben dem ruhigen, sicheren Festlande zu vergleichen, so sollte die Exegese die Brücke sein, die das Meer der Spekulation mit dem Festlande des Glaubens verbindet. So wird die Exegese die Magd beider, des Glaubens wie der Philosophie. Werden nun von B. die Verdienste der Exegese ins rechte Licht gesetzt, so tritt doch auch hier die Philosophie in den Vordergrund und nimmt in erster Reihe unser Interesse in Anspruch. Es ist eben die Magd, deren Verdienste anerkannt werden. Die Herrschaften, Glaube und Philosophie, lassen es sich gefallen und nicken beifällig herablassend, daß die Magd den ehrlichen Versuch inacht, sie, die Streitenden zu versöhnen. Wie ihr der Versuch gelungen, ist zu untersuchen nicht unsere Sache, war auch nicht Sache des Verfassers. Doch kommen wir bald auf diesen Punkt mit einigen Worten zrirück. Daß es ihr aber mit ihrem Versuche heiliger Ernst war, ist unstreitig. Die Exegese, deren Hilfe von den vom Verfasser behandelten Autoren in Anspruch genommen wurde, sollte hier nicht blos Worterklürnng, viel weniger ein Gedankenspicl sein, um die Geistesschärfe der Autoren zu zeigen. Den Ausgleich zwischen Glauben und spekulativem Denken zu finden, den Nachweis zu liefern, daß die menschliche Vernunft über die höchsten Fragen des religiösen Erkennens nichts Anderes lehre, als die in der heiligen Schrift gegebenen Urkunden des in Israel geoffenbarten Gottesglaubens — war einem Saadja, Bachja ibn Pakuda, Gabirol rc. Herzenssache. Was sie an die Arbeit gehen hieß, war in erster Reihe die Sorge um den Glauben. Der war ihnen etwas Gegebenes, mit ihrem ganzen Sein und Leben Verbundenes, über jeden Zweifel erhaben, unbestritten wahr, weil göttlichen Ursprungs. Auf der andern Seite stand die menschliche Vernunft, von andern Voraussetzungen ausgehend, den Inhalt der heiligen Urkunden absichtlos, oder mit Absicht negirend. Sollten sie sich der menschlichen Verminst verschließen? Die Philosophie erhärtete ihre Aufstellungen mit (natürlich für ihre Zeit) unumstößlichen Beweise». Ihre Aufstellungen müssen also wahr sein. Nun ividcrsprechen sie den Glaubensurkunden. Sollten diese falsch sein? Diesen Gedanken auch nur zu denken, war ihnen unmöglich. Es stand nlin Wahrheit gegen Wahrheit. Die Wahrheit kann doch aber nur eine sein. Folglich müssen beide dasselbe bedentcn. Die Wahrheit des menschlichen Verstandes muß sich mit der Wahrheit der Glaubensurkunden decken. Diesen schwierigen Beweis sollte die Exegese erbringen. Ist ihr die Beweisführung gelungen? Wenn wir die Meinungsäußerung des Menschen, wie sie seiner innersten Ueberzcuguug entspringt, Wahrheit nennen dürfen, wäre der zu führende Beweis vollkommen erbracht. Freilich ist das nur subjektive Wahrheit. Sie fragt »ns, wie dieser Mensch vermöge seines Bildungsganges, seiner Geisteskraft und Arbeitsfähigkeit denkt und urtheilt. Dürfen wir aber über subjektive Wahrheit mit Geringschätzung hiuweggehen? Giebt es denn überhaupt auf dem Gebiete des spekulativen Denkens objektive Wahrheit? Wir haben cs in den »leisten Fällen mit für wahr Gehaltenem zu thnn, mit dem, was einzelne hervorragende Geister oder jeder Denkende für sich als wahr erkannnt haben und für wahr halten. Infolge des mächtigen Einflusses der Denkenden auf ihre Zeit schafft sich das von ihnen für wahr Gehaltene iminer mehr Geltung, wird allgemein anerkannt und zur allgemeinen Wahrheit. Objektive Wahrheit ist es darum noch nicht geworden. Wäre es das, dann könnte eine spätere Zeit nicht das gerade Gegentheil, ebenfalls mit voller Ueberzeugung und darum mit gerechtem Anspruch auf Wahrheit, behaupten. Daß dies aber nicht selten der Fall ist, weiß Jeder, der sich auf verschiedenen Geistcsgebieten mit einiger Aufmerksamkeit nmgethan hat. Man darf weiter geben und sagen, daß alle Gedanken. Meinungen und Behauptungen für den, der sie aufstellt und, weil seiner Ueberzeugung entsprechend, als wahr anerkennt, daß sie, sagen wir, für ihn nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv wahr sind. Das Subjektive zeigt sich nur für den Anderen, für den Benrtheiler, der die ausgestellten Behauptungen als an sich wahr nicht anerkennen kann. Der Beweis, den die Exegese zu führen hatte, wäre also erbracht, wenn die, die ihn führten, von der Wahrheit desselben überzeugt waren. Er gilt auch für Jeden, der der Beweisführung einwandlos folgt, oder sich mit ihr zufrieden giebt, weil er ihr nichts Besseres oder Gegentheiliges entgegenznsetzen hat. Daß Saadja, Ibn Pakuda rc. von der Wahrheit ihrer Schriftdeutung überzeugt waren, in dein festen Glauben lebten, daß sie in den Schriftvers nichts hineintrugen, sondern ihn aus sich selbst erklärten, daran ist nicht zu zweifeln. Ihnen war die gefundene dentungsvolle Wahrheit sowohl subjektiv wie objektiv. Sie hatten, was sie erstrebten. Sie hatten nicht mir das Göttliche im spekulativen Denken gefunden, sie mußten auch im Göttlichen, das ist im heiligen Schriftthuin, das ihnen ein Ausfluß des Göttlichen war — das spekulative Denken finden.