Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7 hausirer als Jude dem Judenthum ebenso nahe als der hundertfache Millionär, der zehn Schlösser und Parke sei» eigen nennt. Und ist der Dorfhausirer, was gar oft der Fall ist, von den Lehren der Thora tiefer durchdrungen als der Bankier, so steht er als Jude im Range höher als dieser. Denn der uns von Moses ausgestellte Ehrenbrief, gleichsam die Magna Cluuhi des Judenthums, lautet: „Nicht wegen der Größe deines Territoriums, nicht wegen deiner Heeresmacht und der Menge deiner Reichthümer werden dich die anderen Nationen bewundern, sondern wegen der Weisheit deiner Gesetze." Leider aber behält Jesaias mit seiner grandiosen Schilderung der zeitgenössischen jerusalemitischen Gesellschaft noch immer Recht: 'TT 22^ ‘TOI 'SnS VXT ^2- Jawohl, die Köpfe der meisten Zeitgenossen sind von unklaren Vorstellungen über die Bestimmung des Menschen ans Erden erfüllt. Und so glaribt denn auch die Mehrheit unserer Glaubensgenossen, das; der höchste Lebenszweck des Menschen in der Zusammenraffung von Reichthümern bestehe, während es doch offenbar unsere Mission ist, die uns vo» Gott in ihren Keimen eingepflanzten geistigen und moralischen Eigenschaften auf eine möglichst hohe Stufe der Boervllkommnung zu erheben. Man blickt heute übrigens in dem anderen Lager ebenso wie in dein nnsrigen mit heiliger Ehrfurcht zur banknotengefüllten eisernen Kasse als dem Hauptaltar der modernen Universalregion des goldenen Kalbes empor. Es ist jedoch gut, wenn auch mit im Vorübergehen, daran zu erinnern, daß nicht wir Juden die Schöpfer des Großkapitals waren: während Fürsten, Junker und bürgerliche Patrizier in Ueppigkeit schwelgten, klammerten sich unsere Vorfahren durch schier fünfzehn Jahrhunderte nicht an Geldwechsel und Kassenscheine, sondern an die Pergamentrollen der heiligen Thora. Das „goldene Kalb", das man uns so gerne vorwirst, ist keine jüdische Erfindung, sondern bekanntlich eine Erinnerung an Aegypten und dessen Apiskult. Eine unbarmherzigere Verurtheilung aber als diejenige, welche die Handlung der aufrührerischen Menge und des mitschuldigen Ahron in den Augen Gottes gefunden, kann mau sich schwerlich denken: das goldene Götzenbild wurde von Moses verbrannt, die Asche ins Wasser geworfen und die Kinder Israels gezwungen, zur SühiE das aschendurchmengte Wasser zu trinken (III. B. Mos. 32, 2<>). Die Schuldigen wurden ferner auf Befehl Gottes durch ihre eigenen Brüder ohne Mitleid hingerichtet (a. a. O. V. 27). Die ersten Gesetzestafeln endlich wurden von Moses zerschmettert, als ob er dadurch der ganzen Menschheit hätte zurnfcn wollen, daß da, wo der Mammon herrsche, für Gottes Gesetz kein Platz sei. In welchen Mißkredit aber die das Gottesgesetz enthaltende heilige Schrift bei den meisten unserer abendländischen Glaubensgenossen gerathen, weiß Jeder, der sich mit den Dingen des Judenthums etwas näher befaßt hat. Es ist soweit gekommen, daß nicht nur in den Großstädten, sondern auch in der Provinz, wo noch zum Theil das alte, jüdische Gemeindeleben fortpulsirt, gar viele Knaben nicht das Schemonc-Esra-Gcbet verstehen und sehr oft nicht einmal richtig hebräisch zu lesen vermöge». Ein Universitätshörer, der ohne Vorbereitung fehlerlos eine Haftora rezitiren kann, gilt als Wunderjüngling und wird sofort befragt, ob er nicht einmal die Absicht hatte, jüdische Theologie zu studiren. Alle Nationen, selbst die unbedeutendsten und zuletzt in den Kreis der civilisirten Völker eingetretenen, studiren eifrig ihre alte Sprache und sind glücklich, wenn sie in irgend einem Archive ein i authentisches Dokument aus ihrer nationalen Vergangenheit aufl stöbern tonnen. Wir aber, die nebst den Indern, Chinesen und »Acgyptern die ältesten Religions und Geschichtsnrkundcu besitzen, auf welche viele übrigen Völker stolz wären — wir lassen sie auf unseren Böden und in unseren Kellern vermodern. Manche Leser werden mir vielleicht vorwerfen, daß ich den Finger zu tief in die Wunde stecke. Doch besser jetzt aufgeschrieen, als daun, wo die Operation nur auf todtes Fleisch stoßen würde. Ich bin nun einmal der Ileberzeugung, daß die Zeit der halben Maßregeln auch für uns Inden gründlich vorüber ist. Die große sozialpolitische Revolution, welche seit 1870 im Anzuge ist und die gesellschaftliche Ordnung des alten Europas in Stücke zu zerhauen droht, konnte natürlich auch das aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzte und doch wieder in seiner Einheit so fest gefügte, geistig-religöse Leben des Jndenthums nicht unberührt lassen. In einer so wichtigen Gährungs- und Nebergangsperiode bedarf nun jede größere Genossenschaft, und namentlich die unsrige, da sie so mannigfach mißverstanden und darum so arg verleumdet wird, eine feste Richtschnur für ihr Handeln in Gegenwart und Zukunft. Wem anders aber stünde es zu, dieses Aktionsprogramm z» entwerfe», als uns Schriftstellern, die wir ohne jeden Ehrgeiz und Aussicht auf Gewinn unser Leben der heiligen Sache des Jndenthums gewidmet haben? (Forts, folgt.) U Me Exegese im Menste des Glaubens und der Philosophie. Bon Rabbiner Dr. I. Stier in Berlin. 1. Tie Frage, ob es für eine Arbeit von Vor- oder Nachtheil sei, wenn sie mehr bietet, als ihr Titel besagt oder als sie zu geben verspricht, dürfte wohl zu Gunsten des ersteren entschieden werden. Eine solche ist die unter dem Titel: Die.Bibelexegese der jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters vor Maimuni" erschienene Arbeit des Herrn Professor Tr. W. Bacher?) Sie bietet mehr als sie verspricht. Unter dem, wen» auch nicht kurzen, doch im Verhältniß zu dem Gebotenen bescheidenen Titel wird uns in der genannten Schrift nicht nur die Geistesarbeit fast dreier Jahrhunderte, sonder» auch das Fühlen und Empfinden der Juden in ihren hervorragendsten Vertretern vvrgeführt. Letzteres darum, weil überall, wo die Forschung in das religiöse Gebiet hinübergreift — und auf welchem Gebiete Hütte sie das während des ganzen Mittelalters nicht gethan? — die Gefühls- und Empfindungsrichtung ebenso in Betracht gezogen werden muß, wie die des Geistes. Besäßen wir nicht die Werke Grätz', die Spezialarbeiten Kaufmanns, Guttmanns re. über die von dem Verfasser behandelten Autoren und deren Werke, wir könnten uns ein ziemlich vollständiges Bild des Lebens und Webeus jener Zeit aus der vorliegenden Arbeit konstrnire». Wir würden aber dieses Bild nicht mitder Marke „Bibelexegesc" in die Welt senden, ihm auch nicht den Namen Metaphysik, Ethik oder Psychologie geben, aus dem einfachen Grunde, weil dessen Inhalt diese und noch andere Disziplinen umfaßt. Wie wir das Bild nennen würden, ist Nebensache. Daß cs mit „Bibelexegese" nicht erklärt wäre, beweist am besten Bacher selber, so man nur einen oberflächlichen Blick auf das seiner Arbeit vorangehende Jnhaltsverzeichniß wirft. Wenn mau da Abhandlungen begegnet über „die Welt, die Seele, den freien Willen" u. s. w., so eröffnet sich ein Ausblick, der weit über „Exegese" hinausgeht. Aber doch Alles unter dem Gesichtspunkte der Exegese? Auch der Meinung waren wir, als wir das Heft aufschlugcn. Mit der Bibel ausgerüstet, gingen wir an die 0 Jahresbericht der Landcsrabbinerschnle in Budapest für das Schuljahr 1891—92.