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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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6 Die Opferung Jsaks. Der schöne Qiutgltng faxet auf beut Altäre, Matt, blaß, gebeugt, die Arme auf dem Nucken, Ein banges Weh' in den erhobenen Blicken, Als ob schon Tod mit Todesfurcht sich paare. Der Vater steht, kraftvoll in greisem Haare, Geschürzt im Glauben, sich in Gott zu schicken. Den fest ergriffenen Stahl, er will ihn zücken. Und morden allen Trost verwaister Jahre. Doch wie er seine Stirn nach Oben wendet, 'Als sprach er: „Du befahlst' es, Hort und Rather!" Rauscht ihm der Flügel eines Himmelsboten: „Mit deinem Wollen ist die That vollendet." In diesem Jahre erzählte ich Jalknt Genesis (.)5: „Abraham besucht Jsm ael." Nach der Wiedergabe seitens zweier Schüler entwickelte ich katechetisch die Lehre ans dem eben angeführten Midrasch: Gastfreundschaft zu üben. Die Nutzanwendung suchte ich durch einen Talmudspruch zu unterstützen, und zwar durch Jebarnot 77 a: Die Erkennungleichen des Nachkommen Abrahams: QijfcD D’^cn -D’iömn:!? Halte Ich ließ ihn durch folgende Strophe einprägcn: Drei Zeichen sind's, an denen inan erkennet. Ob inan niit Recht als Abrams Sohn sich nennet: Deckt keusche Schamesröthe sein Gesicht, Verschließt das Herz er dein Erbarmen nicht. Erkennt das Wohlthnn er als süße Pflicht. Dies langsam wiederholend, forderte ich die Klasse auf, mehrfach leise im Chor mit mir zu sprechen, fragte, ob sic einer allein deklamiren könne, ließ sie dann bo>r dem sich Meldenden, nochmals von einem Anderen und endlich im Chor laut aufsagen. Nun hörte ich die Psalmverse ab. Ich verweilte bei Vers 1, Psalm 1: „Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rath der Frevler." Ein Schüler bezog ihn auf die Rettung Lots beim Untergange Sodoms. Darair knüpfte ich die Mahnung, daß, so wie sich Lot von den Frevlern nicht habe verführen lassen, auch die Schüler sich nicht von unartigen oder unfleißigen Kameraden verleiten lassen möchten, die zur Zeit, da sie ihre Schulaufgaben anzufertigen hätten, lieber spielten und auch Andere zum Spiele locken wollten; sie möchten den Spruch Salomos (Spr. 1, 10) beherzigen: „Wenn dich böse Buben locken, so folge ihnen nicht." Zum Schluß gemeinschaftlicher Gesang, beispielsweise nach dein j Choral: „Wie groß ist des Allmächtigen Güte:" ' „Du Vater ließest diese Stunde Das Herz für dich nur offen sei», j Die Worte aus des Lehrers Munde : Sich prägen unser»! Geige ein. . O stärke uns den guten Willen, s — In deiner übergroßen Guad' — ' Sie auch getreulich zu erfüllen j Ans jedem unsrer Lebenspfad'." j ¥ | Are Stellung der jüdischen Wissenschaftj im sozialen Leben des Iudenthums.! Von I. Singer in Paris.; i.! Wenn ich heute wieder auf dieses Thema zu sprechen komme, so ge-! schielst es in der Ueberzengung, daß man nicht oft und nachdrücklich j genug zur Pflege der jüdischen Litteratur ermahiten kann. Denn; die Kenntnis; der letzteren und der Hebräischen Sprache überhaupt s hat für die Erhaltung de? Iudenthums als solches eine schier nn-! ermeßliche Bedeutung. Und darum müssen alle jene, denen die Pflege der jüdischen Interessen obliegt, aus allen Kräften dahin streben, die Liebe zum heiligen Idiom unserer Vorfahren und für die von demselben im Laufe der Jahrhunderte aufgehäuften litterarischen Schätze in unseren Glaubensgenosseit wieder zu erwecken. Man darf hier vor keinem Opfer zurückschreckcn, denn der Verlust der Kenntniß der hebräischen Sprache ist schier einem Selbstmord des Judenthums gleich. Ich erhielt vor einigen Wochen als Erwiederung auf meinen in diese;; Blättern (Nr. 20) veröffentlichen Aufsatz „Ein praktischer Vorschlag zur Förderung der hebräischen Sprache" von einem sehr gelehrten und, dank seine»; großen Vermögen, sehr einflußreichen Mitgliede der französischen Judenschaft ein Schreibe», welches Stellen enthält, gegen die ich hier öffentlich reagiren will, damit doch endlich Klarheit in die so wichtige Frage der Stellung der jüdischen Wissenschaft innerhalb des sozialen Lebens des Iudenthums dringe. „Ich stehe," schreibt der betreffende Gelehrte, der übrigens ein warmes Interesse den; Judenthum entgegenbringt und demgemäß auch inehrere Ehrenämter in jüdischen Vereinen bekleidet, „ich stehe den in Ihren; Artikel auseinander gesetzten Ideen über die Pflege der hebräischen Sprache so schroff als nur möglich gegenüber. Nach meiner Ansicht sollte es heute Kenner des Hebräischen nur in demselben Sinne geben, wie es Sanskritisten und Hellenisten giebt; aber es ist niehr als unnütz, daß eine große Anzahl von Juden die Bibel im Urtexte lesen könne, zuinal es viel nothwendigere Kenntnisse zu»; erfolgreichen Bestehen des Kampfes uins Dasein zu erwerben giebt. Man darf die Anzahl der Müßigen nicht vermehren, welche die Bibel und den Talmud auswendig lernen. Die Zeiten sind andere geworden und es ist daher »othwendig. daß auch die Sitten innerhalb des Iudenthums andere werden." Der in diesen Zeilen dargelegte Standpunkt wird von den ineisteu unserer Finanziers und unserer sonst zu angesehenen Lebensstellungen gelangten Glaubensgenoffen getheilt. Man wird alsdann begreifen, daß diese Herren der jüdischen Wissenschaft und deren Pflegern kühl bis aus Herz hinan gcgenüberstehen. Einen; „Müßiggänger", der sein ganzes Leben den; Studiuin der Bibel widmet, anstatt an ville zu speise», ins Bois de Boulogne zu reiten und in Soireen zu eilen, weist man einfach die Thür, wenn er es wagt, mit eine»; jüdischen Buche unter den; Ar»; an dieselbe zu klopfe». Einem unserer reichsten und wohlthätigsten Glaubensgenossen wurde einmal von seine»; Freunde, eine»; berühmten und eine hohe offizielle Stellung einnehnienden Theologen, ein jüdischer Gelehrter cinpfohlen. Der betreffende Bankier, der ohne Weiteres jedes von seinen; genannten Freunde empfohlene Gesuch in günstigen; Sinne zu erledigen Pflegte, warf unwillig das betreffende Schreiben in den Papierkorb, ohne dasselbe auch nur mit einer Zeile zu erwicdern. Es herrscht eben in gewissen Kreisen des Iudenthums geradezu eine Idiosynkrasie gegen Alles, was jüdische Wissenschaft betrifft. Es konunt nur hier nicht in den Sinn, jene Herren überzeugen zu wollen; deren Ueberzeugung steht seit Langen: fest. Ich wollte blos eine Thatsache konstatiren, um daraus die entsprechenden Schlußfolgerung zu ziehen. Es wäre um das Judenthum und die jüdische Wissenschaft wahrlich schlimm bestellt, wenn sie von den; Wohlwollen einiger reicher Bankiers und Großindustriellen abhingen. Wir Juden wurden nicht von Gott erkoren, um ein D’HPtlD Dl\ sondern ein Q’IHD DI? zu werden, und die Priesterwürde an sich bleibt auf allen Stufen der kirchlichen Hierarchie dieselbe; der Kaplan des letzten schlesischen Dorfes steht der Kirche ebenso nahe, als der Kardinalstantssekretair Rampolla. Und in demselben Sinne steht der letzte Dorf-

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