Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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5 gelöst wurde, werden ohne Weiteres von jedem Reformrabbiner getraut. Die Eheschließung dürfte wohl aus sehr verschiedene Weise erfolgen, da ja trotz mancher Konferenzen ei» einheitliches Verfahren nicht erzielt wurde. Als mehr oder weniger aügemeine Regel kann angenommen werden, daß Chuppa und mitunter auch der Becher verschwunden ist, von Kethuba ganz zu schweigen; ebenso dürften zwei Ringe statt des einen die Regel sein. Selbstverständlich macht das auf den Europäer, der gewöhnt war, daß man eine Ehuppa meilenweit mitzunehmen hatte, um eine gütige Trauung zu vollziehen, einen eigenthümlichen Eindruck, allerdings kommt auch die Chnppa vor, wenn es die Angehörigen verlangen, doch weiß ich von einem überzeugten Anhänger der Reform, der die Vornahme einer Trauung verweigerte, tvcil man ihm zumuthete, sie unter einer Chuppa und mit Uebergabe eines Ringes vorzunehmen. Ein Kantor wird wohl nur äußerst selten und in den orthodoxesten Kreisen zur Mitwirkung herangezogen, und der Rabbiner selbst sagt die „sieben Segenssprüche", oder einen Theil davon, wenn er sie überhaupt sagt. Eine allgemein giltige Formel für die Trauung giebt es nicht, obwohl eine Rabbinerkvnferenz eine solche nach dem Referate Professor Mielzincrs aceeptirte, und bei einem Versuche, eine solche zu schaffen, kam cs zu einem förmlichen Schisma innerhalb der Reform. Während Einhorn ans der Rabbinerkonferenz zu Philadelphia im Jahre 1869 die Formel, „nach dem Gesetze Moses und Israels" bcibehaltcn wollte, drang Samuel Hirsch auf den Ersatz des Gesetzes durch Lehre, da es die Aufgabe seines Lebens gewesen sei. das Gesetz zu bekämpfen, und legte den Vorsitz nieder, weil sein Antrag siel. Schließlich muß man in Bezug auf die Trauung bemerken, daß durch den privaten und häuslichen Charakter der Ceremonie die Möglichkeit eines fixirten Rituals noch mehr erschwert wird. An dieser privaten Natur derartiger Feierlichkeiten ist Amerika und der Protestantismus schuld. Der Protestantismus, hier die herrschende Religion, verlegt hier, wie überall, das Schwergewicht des religiösen Lebens in das Hans. Taufen, Trauungen und Todtenfeierlichkcitcn werden äußerst selten in den Kirchen vorgenommen. Der Einfluß solcher gesellschaftlicher Gewohnheiten kann nicht ausbleiben, was wir in Europa auch sehen. In dem katholischen Wien darf eine jüdische Trauuug außerhalb des Tempels nicht vorgenommen werden und in anderen österreichischen Städten gehört die Vornahme einer solchen im Gotteshanse zum guten Ton der höheren Gesellschaftskreise; im protestantischen Deutschland hingegen ist eine Trauung im Tempel eine entschiedene Ausnahme. Amerika ist aber an diesen Verhältnisse» »och mehr schuld als der Protestantismus. Die vielen Hindernisse, die ein Brautpaar in Deutschland oder gar in Oesterreich bei den Vorbereitungen zur Heirath zu überwinden hat, sind hier völlig unbekannt. Hier giebt es keine Geburtsscheine, vormundschaftliche Ehebelvilligung, Aufgebote, Militärbefreiungszeugnisse und wie alle diese dunklen Wolken an dem Geigenhimmel eines Brautpaares heißen. Man geht einfach zum betreffenden Beamten im Gericht, löst einen Erlaubnißschein (Lic-ense) gegen einen Schwur und eine geringe Taxe und läßt sich von dem Friedensrichter oder einem beliebigen Prediger trauen. Bon Chikago ist es sprichwörtlich, daß man um 11 Uhr Vormittags sich kennen lernt, um 12 Uhr heirathet und um 1 Uhr geschieden ist. Ist das auch nur eine Ilebertreibung, so ist doch das Folgende Thatsache: Ein Ehepaar hat sich scheiden lassen und 55 Minuten, nachdem der Richter die Ehetrennung ausgesprochen hatte, war die geschiedene Frau die Gattin eines Anderen. (Fortsetzung folgt.) Ern Kabbathnachmittagsstündchen. Von Leopold Katz, Lehrer in Ratibor. Einem brieflich von Kollegen aus dem Elsaß, Baiern und Pommern an mich gerichteten Wunsche, eine Probe zu geben von der Weise, nach der ich den in der jüngsten Zeit mehrfach in diesem Blatte besprochenen: „pädagogischen Versuch" ausführe, will ich hiermit gern Nachkommen, indem ich eine, zum Sabbath „Wajera" gepflogene Unterhaltung schildere. — Der Akt beginnt mit einem im Chor gesprochenen Gebete oder mit dem Absingen eines Liedes. Ich ziehe letzteres vor; denn durch Gesang verschmilzt ganz eigenartig eine Schülergemeinschaft in ihren einzelnen Gliedern. Auf die Aufforderung: Zum Gebet! oder: zum Gesang! erheben stch die Schüler, und singen z. B. „Lobt froh den Herrn ihr jugendlichen Chöre." Ich setze fort: Heute Morgen beim Gottesdienste diente zur minn JfWlp zum Lesen aus der Thora: Kapitel 18—22 des ersten Buches Mose. Sie bilden zusammen eine nTTD (gewöhnlich Sidra) oder Wochenordnung, welche nach dem Anfangsworte xTI : es erschien — nämlich Gott dem Abraham — benannt ist. In dieser Ordnung wird erzählt: 1. wie Abraham drei Engel gastfreundlich ausninnnt und die Verheistung von der Geburt des Jsak empfängt; 2. von Abrahams Fürbitte für die Gottlosen in Sodom und Amora; von der Zerstörung dieser Städte; der Rettung Lots; 4. von Abrahams Aufenthalt im Philisterlande; r>. von der Geburt Jsaks, der Austreibung Jsmaels und 6. von dem Befehl Gottes an Abraham: seinen Sohn Jsak zu opfern. Nachdem ich die Inhaltsangabe wiederholt habe, lasse ich das auch mehrfach von den Schülern besorgen. Daran reihe ich nun die Erzählung schöner Midraschim. Um nicht in jedem Jahre dasselbe zu bieten, vertheile ich mir etliche Midraschim auf mehrere Jahre. Da knüpfe ich an die Kindheit Abrahams an und erzähle, wie Abraham die Götzen seines Vaters zerstörte, diesem aber von dem Streit der Götzen um eine Schüssel Mehl berichtete(Midr.RabbaS.42u). Bei der Berufung Abrahams ziehe ich verschiedene Geschichten heran 1. von der Flasche Balsam, die, unbeweglich in einer Ecke gelassen, nur um sich selbst, hin und her getragen dagegen Wohlgerüche hier und dort vertheilt, 2. von der Taube, die, anders als die übrigen Vögel, selbst beim Ausruhen ihre Flügel bewegt; so Abraham, der durch viele Länder umherirrend, hier und dort den Namen Gottes verbreitete. (Rabba S.421>). Zur Uneig ennntzigkeit Abrahams ziehe ich Rabba S. 46 u heran, wie Abraham den Herrschern, die ihm nach seinem Siege (Genes. 14) den Thron anboten, antwortete: „Lasset der Schöpfung ihren Fürsten." Bei der Opferung Jsaks benutze ich den Midrasch von der Verfolgung Abrahams durch den bösen Geist, der zuerst den Vater, dann den Sohn einznschüchtcrn und dem Befehle Gottes widerspenstig zu machen suchte. (Rabba S. 62k). Ein anderes Mal citire ich den Midrasch Jalknt S.28l): „Abraham legt seinen Sohn auf den Altar." Seine Augen sind fest auf den 'Sohn gerichtet, die des Sohnes zum Himinel. Thränen stürzen aus den Augen Abrahams. Abraham ruft: „So, du bist bereit, dein Blut zu geben! O, möchte es dem Herrn gefallen, ein anderes Opfer anzunehmen." Und er löst sich ganz in Thränen auf, wendet die Augen zum Hinnnel lmd ruft: „Nur vom Himmel erwarte ich mein Heil." Und als selbst die Engel mitleidsvolle Thronen vergießen, ertönt eine Stimme: „Halt ein, zücke rücht das Schwert." Nach diesem Midrasch lasse ich von einem Schüler das Gedicht Schlegels vortragen: