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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Wünsche hinsichtlich der Holtbnrkeit der Arbeit und der Güte der! verwendeten Stoffe besser berücksichtigt werden können als bei mechanischer Massenarbeit. Doch dies nebenbei. Der Mann kommt! von Zeit zu Zeit und fragt nach, holt ab und bringt wieder, meist , in eigener Person, und so entwickelt sich mit der Zeit ei» freundliches Verhältnis;, was in unserer hetzfrohen Zeit nicht zu unterschätzen ist, und gelegentlich entwickelt sich ein allgemeines Gespräch, ja sogar ein Gedankenaustausch, der mir oft nützlicher ist, als lange Zeitiingsaufsätze über soziale Frage. Da ich aber kein Politiker bin, so will ich den Inhalt solcher Gespräche heute für mich behalten und nur das ansplaudern, um dessen Willen ich diese Zeilen überhaupt schreibe und wobei wir Alle inithelfen können. Einmal nämlich mußte ich bedeutend länger warten, als verabredet war. Endlich kam er, und ich machte ihm natürlich Vorwürfe. Er entschuldigte sich aber damit, daß er kein Geld gehabt hätte, die nöthigen Materialien zu kaufe». Als ich ein verwundertes Gesicht machte, fügte er hinzu, daß er nicht so in die Enge zu kommen und Bestellungen unausgeführt zu lassen brauchte, wenn die Leute sich dazu entschließen könnten, gleich zu bezahlen. Selbst wohlhabende Kunden suchten etwas darin, Kredit zu beanspruchen; und schon Mancher sei entrüstet von ihm „abgegangen", weil er gleich die guittirte Rechnung mitgebracht hatte. Einer hat sogar zu ihm gesagt: „Wenn Sie kein Kapital haben, so verdingen Sic sich in ein Fabrikgeschäft." Ich war empört. Ich erfuhr aber weiter noch, daß er, wenn er gegen baare Bezahlung taufe, billigere Preise habe, nehme er aber auf Kredit, daun stelle sich der Preis natürlich höher aber das könne er bei seinen Kunden natürlich nicht auf die Stiefel schlagen, und so arbeite er mit so geringem Nutzen, daß er sich zu Zeiten sehr kümmerlich ernähre. Aehuliches habe ich auch von meinem Schneider gehört; anderen Arbeitern wird es wohl nicht besser gehen. Uebrigens erzählte mir der Schneider vor Jahr und Tag einmal, er habe einen jüdischen Kunden, von dem er stets sofort nach Ablieferung der Kleidungsstücke bezahlt werde. Ich lächelte und machte kein Hehl daraus, daß diese pünktliche Zahlung mosaisches ' Gebot sei. . j Heute, wo ein fleißiger Schuhmacher dasselbe Klagelied anstimmt, kann ich nicht umhin, dieses Gebot zu allgemeiner Beachtung hierher zu setzen. Es steht int 3. B. Mos. 19, 13 und lautet: j „Du sollst deinem Nächsten nichts vorenthaltcn und nichts! rauben. Du sollst den Lohn des Tagelöhners nicht über die Nacht! bei dir behalten bis an den Morgen." > Und noch eindringlicher wird dieses Gebot, das natürlich nicht! blos den sogenannten Tagelöhner, sondern jeden Arbeiter im Auge hat, im 5. B. Mos. 24, 14, 15 wiederholt: „Du sollst dem Tagelöhner, einem Armen und Dürftigen, den Lohn nicht voreuthalten, sei es einer von deinen Brüdern, oder von den Fremdlingen, die in deinem Lande und in deinen Thoren sind. An demselben Tage sollst du ihm seinen Lohn geben, und es soll die Sonne nicht darüber untergchcn; denn arm ist er, und es sehnt sich seine Seele darnach, damit er nicht rufe über dich zu Gott, und eine Siinde an dich komme." Befolgen wir dieses Gebot allgemein, so werden wir manche Unzufriedenheit verhüten und ein Stückchen von der großen sozialen Frage i» unserer nächsten Umgebung lösen helfen. Und das können wir Alle! P>. K. Briefe aus Amerika. Von Dr. G. Deutsch, Professor am tlelnon- Union Uollege in Cincinnati. 1. Der ,.Aiih rienn JsraHitu* hat in einer seiner letzten Nummern folgende Geschichte ans einem politischen Tageblatt abgedrnckt, die ich deswegen wörtlich übersetze, weil sie zugleich ein Bild des in den amerikanischen Zeitungen so beliebten Sensationsklatsches ist. „D., 18. Oktober. Die hiesige jüdische Gelneinde ist in Folge von Differenzen mit ihrem Rabbiner ganz anher Rand und Band und es scheint, daß er entweder seine Stelle verlassen oder die Gemeinde sich auflösen muß. Man sagt, daß das Elftere beschlossen sei und sieht der weiteren Entwickelung aufs Gespannteste entgegen. Die Ursache der Krisis reicht weit zurück und dürfte sich bis zum Amtsantritt des Rabbiners zurückverfolgen lassen. Er ist ein junger Mann, etwas unter Mittelgröße, aber sonst von glanzender Erscheinung tutb einer besonders eindrucksvollen Physiognomie. Er verstand es, anfangs sich schnell Freunde zu erwerben und wurde für sehr geistreich gehalten, aber später begann sich das Gerücht 51t verbreiten, daß er zu viel nach Sensation neige. Er erklärte, daß er gegen die voklständige Feier eines jüdischen Festes i^Guunini AzeroUi) sei und war auch anderer kleinerer Norfälle wegen Gegenstand des Gesprächs. Kürzlich verweigerte er auch, der Eentralkonferenz amerikanischer Rabbiner beizuwohnen und setzte die Gründe dafür in einem jüdischen Wochenblatt in derartiger Weise auseinander, daß der AmericanJsniclile. das Organ des Präsidenten des llelucw Union College, ihn der Undankbarkeit gegen seinen Lehrer beschuldigte.; Ter endliche Bruch erfolgte vor zwei Wochen und wurde sehr sorgfältig verschwiegen. Am letzten Bersöhuungstage kritisirte die Gemeinde den Rabbiner sehr ernstlich, weil er nicht vor 10 Uhr zum! Gottesdienst kam, Mittags fortging und erst um O'/.- Uhr wieder zurückkehrte, so daß der Gottesdienst ohne ihn gehalten werden mußte. Selbstverständlich drang das Gemurmel zu den Ohren des Rabbiners und er brachte es sechs Tage später vor, als seine Heerde sich versammelte, um das Sukkothfest zu feiern. Ta erhob er sich, um der Gemeinde eine Lektion zu ertheileu. In nicht sehr gewählten Ausdrücken stellte er die versammelten Andächtigen zur Rede, weil sie gewagt hatten, seine Handlungen zu kritisiren. „Wer darf mich kritischen?" fragte er. „Bin ich nicht der intelligenteste unter Euch Alten?" Und, wie erzählt wird, fügte er noch andere Worte in derselben Tonart hinzu. Kaum hatte er geendigt, als Mrs. I. W., eine der geachtetsten Damen von D., sich erhob und ihm voll ihrem Platze aus Ant- ' wort gab. Sie sagte ihm mit llicht mißzuverstehender Deutlichkeit,! was man von seiner Handlungsweise beute, und erzählte eine Anzahl; voll Fällen, wo die Gemeillde von ihm herallsgefordert worden sei.; Schließlich gab sie ihm kn Rath, seine Resignation eillzureichen. Tie Sensatioll lvar ungeheuer unb der Rabbiner war keines Wortes mächtig. Es ist der merkwürdigste Fall, kn je eine jüdische Gemeinde erlebt hat."! Soweit der Zeitungsbericht über diese echt allierikanische Geschichte, | die in Europa, soweit ich die Gegelld keulle, ganz unmöglich wäre. ' Und doch ist gerade in dem gegellseitigell Berhältilisse zwischen Rabbiner! uitb Gelneinde Vieles hier mib drüben gleich. Die hauptsächliche j Aehulichkeit besteht in der Furcht vor Hierarchie. Die Anstellung j eines Rabbiners ans Lebenszeit ist selbst in einer großen Gemeinde eine! selteire Ausnahme. Biele in ihrer Gemeillde beliebte Prediger werden! ans zwei, drei oder fünf Jahre, mitunter auch nur auf ein Jahr! gewählt. Männer, die voll ihrell Gelneillden vergöttert lverdell, wie

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