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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-06 · Heft 1 (6.1.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Ueindoutsche Sprache. Bon Prof. Dr. H. Steinthal. Von mehreren Seiten ist kürzlich darauf hingewiesen worden, daß sich die Inden der reindentschen Sprache befleißigen sollten. Selbst Bezirks-Rabbiner haben cs für nöthig gehalten, Rnndschreiben an die Gemeinden ergehen und in der Synagoge öffentlich verlesen zu lassen, in denen den Glaubensgenossen dringend ans Herz gelegt ward, das Mauscheln zn niiterlassen. Diese Männer mußten, daran zweifle ich nicht, von der Noihwendiakeit ihrer Mahnung überzeugt sein. Zweifelhaft jedoch ist mir, ob ihr Werk genützt Hai, nützen konnte. Wenn eine jede Redeiveise, welche den Sprechenden dem Hörenden lediglich durch das Ohr, ohne Mitwirkung des Auges, als Juden kund giebt, inan schein nennen: so werden wir wohl mehrere, und zwar recht verschiedene Arten von Manschelei unterscheiden müssen. Ich kenne manchen, recht achtbaren Mann, der das korrekteste, grammatisch untadlige Deutsch spricht — aber er mauschelt. Es liegt im Organ, in der Betonung, auch in der Artikulation, und ich wüßte nicht, welche Sprachübungen er anstellen müßte, um den Ucbelstand zn beseitigen. Hier ist, glaube ich, nichts zn ändern. Aber dies werden wohl zn allermeist Männer sein, ivelche außerhalb Deutschlands geboren sind. Nur in Deutschland geborene, oder früh hierher gebrachte Kinder können in der Kindheit das Mauscheln verlieren, theils und ganz besonders durch den Umgang mit anderen Kindern, theils, aber wohl iveniger, durch den Einfluß des Lehrers. Aus dem Munde eines Tchnl-Revisors habe ich einmal gehört, daß in keiner Schule Berlins so reines Deutsch gesprochen iverde, wie in der Mädchen-Schule der jüdischen Gemeinde: und der selige Horwitz, Dirigent unserer Gcmeinde-Knaben-Schnle, sagte mir einmal, er habe gar nicht nöthig, den Knaben seiner Anstalt das Mauscheln abzngewöhnen; sondern das Berliner Gnssen-Dentsch habe er ihnen anszulreibcn. Es ist das Zeichen eines gebildeten Menschen, daß er sich in reiner Sprache ausdrückt, welche frei ist von allen Absonderlichkeiten, sei es des Börsianers, sei es des Lieutenants, sei es des Schacher- Juden. Solche Reinheit wird namentlich im öffentlichen Verkehr unbedingt gefordert. Ties schließt nicht ans, daß im engsten Familienkreise der Dialekt der Provinz gepflegt iverde, daß Freunde desselben Ortes sich freundschaftlich im Dialekt unterhalten. Im Hanse gilt heimische Sprachform mit ihren gemiithlichen Anklüngen. Dieses Rcservatrecht wird sich der Pommer und der Baier, der Holsteiner und der Badenser nicht nehmen lassen. Soll nun vielleicht auch der Jude sein Mauscheln als berechtigte Eigenthümlichkeit schlitzen? Es wird darauf ankvmmen, was man so nennt. Es giebt ein Jüdisch-Deutsch, das keine andcre Verwandtschaft mit dem Schachcr-Manscheln hat, als daß es wie dieses von Inden gepflegt worden ist, aber von den edelsten Gemüihcrn unter de» Inden, Es ist ja leider dahin gekommen, daß sich die Gauner-Sprache mit Elementen versehen hat, ivelche der heiligeii Sprache entlehnt, sagen wir besser: gestohlen sind, gestohlen und in den Sumpf gestoßen. Das ist aber nicht Jüdisch-Deutsch. Jene Manschet vermauscheln ja nicht blos unser geliebtes Deutsch, sondern auch »nser heiliges Hebräisch, Wer kann die Gebetsprache eines solchen Mauschel-Jnden hören, ohne aufs Tiefste verletzt zn iverdeu! Es giebt ein edles Jüdisch-Deutsch, das in früheren Jahrhunderten für wissenschaftliche Diskussionen alter Art, namentlich für Religions- Philosophie verwendet worden ist, und das wohl an gemüthliche» Ausdrücken reich ist. Auch dieses wollen wir aufgebcn;! cs fahre hin, obwohl es manches echte altdeutsche Sprnch-Gnt in sich schließt. Bewahren aber wollen wir uns jene unübersetzbaren neuhebräischen Worte, in denen das jüdische Herz liegt, an denen es hängt, wie es an den mit jenen Ausdrücken gemeinten Sachen hängt. Wie es Thorheit ist, alle Fremdivörter ails dem deutschen Sprachgebrauch der deutschen Ration, der deutschen Schriftsteller zu verbannen, weil dieselben j theils nicht übersetzt werden können, theils nicht übersetzt werden i dürfen, französische und englische, lateinische und griechische; so kann! es Niemand mißbilligen, wenn der Jiide der reinen, strengen deutschen | Rede Wörter einflicht, welche dem Jüdisch-Deutschen entlehnt sind, j Natürlich, wie alle Provinzialismen nur in der Unterhaltung derer, i die ans derselben Provinz stammen, zulässig sind, weil sie nur von j diesen völlig verstanden, nach ihrem vollen Gefühlsgehalt aufgcnonimen j werden können, so dürfen jene jüdischen Ausdrücke nur in der Unter- ■ Haltung von Inden gebraucht werden, weil sie hier eben so unent-! behrlich, als allein verständlich sind.! Der gebildete, der hochgebildete Jude wird jene Worte lieben und j nur das Eine wünschen, daß sie nicht Phrasen seien, sondern die damit j ausgedrückten Sachen den Juden erhalten bleiben. Denn schließlich j. freilich wäre dies allein traurig, daß wir keine und keinen TDD3, keinen jn und keinen und pr*0 *73^10 kein p« -p“; kein 1DP! keine n. s. w. unter uns hätten. Eignen wir uns alle germanischen Tngeiideii an und halten j wir unsere altjüdischen fest! Was wir Alle können. Wir leben in einer — bösen Zeit? Nein, das ivill ich nicht; gerade sagen, wenn es auch von noch so vielen Anderen gesagt wird; j denn unsere Zeit ist wohl in mancher Beziehung schlechter, in mancher anderen aber um besser geworden. Das ist nun einmal nicht! anders: wo viel Licht ist, ist starker Schatten; und schon König j Salomo sagt (Kohelet 7, 10): „Sage nicht, wie geht es zn, daß die früheren Zeiten besser waren, als diese? Denn nicht mit Weisheit fragst du solches." Darum nicht geschmält und gezankt, sondern dankbar das Gute genossen, und offenes Auge behalten für das Schlechte. Denn auch dieses ist ja vorhanden, wie zn allen Zeiten, wenn auch nicht in solcher entsetzlichen Menge, wie die Schivarzseher; uns glauben machen möchten. Ja, sie gerade vermehren das Nebel! durch ihr Geschrei. Tenn Mancher, der sich gar nicht unbehaglich! gefühlt hat, wird durch ihr Wehgeschrei ängstlich, unriihig und! endlich gar unzufrieden, und verdirbt sich uiid Andern die Lebens-! freude; Mancher, der mit Befriedigung gearbeitet hat, wird durch sie! stiitzig, mißtrauisch, uiid zuletzt auch unzufrieden gemacht — und so i geht es fort: geschrieben wird eben schnell, gesprochen noch schneller — und am allerschnellsten gedruckt. Darum hübsch aufgepaßt, mit Gerechtigkeit geprüft, und da, wo wir helfen können, gewiffenhaft ans Werk! Jeder von uns, so bescheiden er auch von sich denken, und so unbedeutend die Rolle, die er im Leben spielt, auch sein mag, kann dazu beitragen, die Zufriedenheit, also das Gute unter den Menschen zu vermehren. Hierfür ein Beispiel! Ich habe da einen Schuhmacher, einen ordentlichen und fleißigen Familienvater, der mich und die Meinen seit Jahren mit dem nöthigcn Schuhzeug versorgt. Ich würde dies in einem Schuhladen billiger haben; aber ich denke mir: der Handwerker muß doch auch leben, und nebenbei bilde ich mir ein, daß das nach Maß gemachte Schuhzeug bequemer ist, und da der Meister selbst arbeitet, meine

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